Bundeswehreinsatz in Mali Riesige Umwege statt direkter Warnungen vor der Gefahr

Von  

Für die Luftaufklärung hat die Bundeswehr drei Heron-Drohnen in Gao stationiert. Bis zu zwölf Stunden lässt sie die unbemannten Flieger in den Himmel aufsteigen, um maximal 900 Kilometer weit den nordmalischen Raum ins Visier zu nehmen. Oft werden patrouillierende Einheiten eskortiert, die nicht in Hinterhalte geraten oder Opfer von Sprengsätzen werden sollen. Da zeigt sich eines der vielen Probleme des UN-Einsatzes: Der Heron-Leitstand in Gao verfolgt die Patrouille live, kann aber kaum Kontakt aufnehmen, wenn Gefahr im Verzug ist. Zunächst einmal schreibt der Luftbildauswerter – derzeit ein Belgier – nach der Landung der Drohne seinen Bericht, den er zur Weiterbearbeitung an den schleswig-holsteinischen Fliegerhorst Jagel sendet. Von dort aus gehen die Informationen binnen zwei Tagen ins Minusma-Hauptquartier nach Bamako, wo dann entschieden wird, was damit passiert. Ob diese Prozedur für die Auftraggeber „sinnvoll ist, wage ich zu bezweifeln“, sagt der Staffelchef. „Wenn ich zwei Stunden später erfahre, wer hinter der Hecke sitzt, ist es besser, als wenn ich es zwei Tage danach erfahre.“

Die vertraglich vereinbarten Umwege haben mit bürokratischen Hürden über diverse UN-Kommandoebenen zu tun und dem Wunsch, die Hand auf den Daten zu haben. Zudem ist die Bundeswehr nicht erpicht darauf, alle ihre Informationen ungefiltert den Vereinten Nationen zu überlassen, weil dann alle 50 Missionsmitglieder darauf zugreifen könnten – China zum Beispiel. Das Misstrauen ist greifbar.

Die Bundeswehr muss rasch dazu lernen

Gerade begleitet der Heron-Leitstand in Camp Castor eine Patrouille aus dem Senegal. Da achten die Spezialisten etwa auf Manipulationen der Straße, weil Wärmebildkameras unterschiedliche Temperaturen des Belags erkennen. Ein Routineeinsatz. Vor zwei Wochen verfolgte die Drohne eine togolesische Einheit. Dabei erkannten die Deutschen eine Person, die unter einer Brücke hervorlief, in Richtung Patrouille blickte und wieder zurückrannte. Hatte sie einen Sprengsatz, im Militärjargon IED, platziert? „Konvoi! Stop! Stop!“, brüllte Major S. in seine Funksprechanlage. Doch die Verbindung war so schlecht, dass die Togolesen ungerührt weiterfuhren. Als sie an die Brücke kamen, konnten die Deutschen nur atemlos zuschauen – und erleichtert aufatmen, als nichts passierte.

Zuweilen wird über Handy per SMS-Kurznachricht kommuniziert, um die mangelhafte Ausstattung mancher Nationen zu überbrücken, was keineswegs den deutschen Vorschriften zur Verschlüsselung sensibler Daten entspricht. In Mali muss die an Nato-Standards gewöhnte Bundeswehr dazulernen, denn bei den UN werden andere Maßstäbe angelegt. Die Vereinten Nationen bezahlen die Truppensteller, was für ärmere Länder die lukrativste Einnahmequelle ist, um eine Armee zu unterhalten. Gut ausgerüstet und ausgebildet treten sie nicht auf.

Blutiger Anschlag gleich neben Camp Castor

Die Diskrepanz mit UN-Gepflogenheiten stellen deutsche Soldaten in vielen Randgesprächen fest – ausgerechnet im bisher gefährlichsten Einsatz der Vereinten Nationen. Diese Brisanz wurde zuletzt am 18. Januar aufgezeigt, als Islamisten einen mit Sprengstoff beladenen Lkw wenige Steinwürfe von Camp Castor entfernt auf ein kaum gesichertes Gelände steuerten, wo gerade malische Sicherheitskräfte und moderate Rebellen angetreten waren. 70 Menschen kamen ums Leben. Es war das bisher blutigste Signal gegen gemeinsame Aktionen von Separatisten und Militär.

2015 hatten lediglich zwei aufständische Tuareg-Gruppen mit der Regierung den Friedensvertrag geschlossen. In dieser Woche wurde der Verfassungsvertrag unterzeichnet, in dem die damals geforderte Dezentralisierung der Machtstrukturen fixiert wurde. Trotz diverser Übergangsverwaltungen im Norden bleibt die Lage aber verworren, weil sich immer neue Allianzen von Rebellen und Terroristen bilden – mittendrin eine Bevölkerung, die immer heftiger grollt, weil kaum Fortschritte sichtbar werden. Der Generalstabschef von Mali, Generalmajor Didier Dacko, findet dafür im Gespräch mit Staatssekretär Grübel ein plastisches Bild: Dies sei ungefähr so, „als ob man Eiweiß und Eigelb miteinander verührt und nachher versucht, beides wieder voneinander zu trennen“, sagt er. Ein Ding der Unmöglichkeit also?