Reservat Balsam für die gnadenlos geschundenen Kneipenbären

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Lange wurden die Tiere auf dem Balkan schlecht behandelt. Nun gibt es für befreite Käfigbären ein Zuhause.

In ihrem neuen Refugium haben die ehemaligen Käfigbären viel mehr Platz als früher. Foto: dpa-Zentralbild
In ihrem neuen Refugium haben die ehemaligen Käfigbären viel mehr Platz als früher. Foto: dpa-Zentralbild

Busia - Es zirpt und zwitschert über den Wipfeln des weitläufigen Bärenwalds. Doch der Drang zum Gitter ist bei den meisten seiner dickfelligen Bewohner noch immer ungebrochen. Zwei Schritte nach links, zwei nach rechts: Als wäre sie noch immer in ihrem einstigen Verlies eingezwängt, tappst die Braunbärin Kassandra an der Umzäunung ihres über ein Hektar großen Geheges unweit des Kosovo-Dorfs Busia (Businje) auf und ab.

Nach Jahren der Käfighaltung wiesen die meisten seiner Schützlinge ein „abnormales Verhalten“ auf, berichtet Afrim Mahmuti, der Direktor des Bärenschutzzentrums 20 Kilometer südöstlich von Kosovos Hauptstadt Pristina, das im Jahr 2013 von der österreichischen Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ eröffnete wurde. Und er fügt an: „Es benötigt viel Zeit und Pflege, bis frühere Restaurant-Bären wieder natürliche Verhaltens- und Lebensweisen entwickeln können.“

19 Bären leben im Reservat

Jahrhundertlang wurden Bären auf dem Balkan und in Osteuropa unbarmherzig gejagt, mit Nasenringen und heißen Platten als Tanzbär abgerichtet – oder einfach als Attraktion für die Gäste von Wirten in viel zu kleine Käfige gezwängt. Doch die schlimmsten Zeiten scheinen für die in Gefangenschaft Bären in fast allen Balkanstaaten vorbei.

Auch im Kosovo wurde 2010 ein Gesetz verabschiedet, das die private Haltung von Bären verbietet. Doch erst mit der Eröffnung des „Bärenwald Pristina“ vor vier Jahren konnten die geschundenen Kneipenbären endlich ein artgerechtes Zuhause finden: Auf einem Areal von insgesamt 16 Hektar versuchen mittlerweile 19 frühere Restaurantbären, ein natürliches Bärenleben zu erlernen.

Nicht nur die Fotos von ihrer Befreiung künden auf Schautafeln im idyllisch gelegenen Bärenwald von den einstigen Schrecken seiner Bewohner. Zu Demonstrationszwecken ist für die Besucher der frühere Käfig von Kassandra ausgestellt. In ihrem dachlosen Verlies hatte die Bärin in einem Dorf unweit von Suhareka die ersten elf Jahre ihres Lebens ohne Schutz vor Sonne und Regen dahinvegetiert. Völlig unterernährt wurde Kassandra schließlich 2013 von den „Vier-Pfoten“-Tierärzten befreit und in den Bärenwald überführt: Nach der Aufgabe seines Restaurants hatte der Betreiber die eingesperrte Bärin einfach sich selbst überlassen.

Die Gebisse sind in schlechtem Zustand

Genüsslich auf dem Rücken liegend räkelt sich die gutmütige Mira in der Mittagssonne. Zur Eingewöhnung verblieben die Bären erst einmal ein, zwei Jahren in kleineren Gehegen, bevor sie für das Leben in den größeren Freilandgehegen bereit seien, so Mahmuti. Dort lernen sie das Aufspüren versteckten Futters, die Wiederentdeckung verschütteter Instinkte – und wagen im besten Fall sogar den nie erprobten Winterschlaf: „Aber manche Bären waren einfach zu lange in zu kleinen Käfigen eingesperrt – und legen ihre Verhaltensstörungen niemals ab.“

Nicht nur die seelischen Narben ihrer Schutzbefohlenen haben die 17 Mitarbeiter des Bärenwalds zu pflegen. Wegen der jahrelangen Fehlernährung mit Küchenabfällen sowie den ständigen Bissen in die Käfigstangen ist es um das Bärengebiss oft schlecht bestellt: Von der Behandlung entzündeter Wurzelkanäle bis hin zur Entfernung irreparabler Zähne reicht die Arbeit der regelmäßig einfliegenden Wildtierärzte.

Vom einstigen Plan des Auswilderns jüngerer Bären haben sich die Park-Betreiber allerdings wieder verabschiedet. Kosovo sei für eine Auswilderung „zu dicht bevölkert“, sagt Direktor Mahmuti: „Und frühere Käfigbären sind die Nähe zum Mensch einfach zu sehr gewöhnt.“.

Es gibt ein Informationszentrum für Besucher

Aber im Bärenpark Pristina hilft nicht nur der Mensch dem geschundenen Tier, sondern auch der Bär dem Menschen. Am Anfang sei er „skeptisch“ gewesen, wie die Bevölkerung auf das Projekt reagieren würde, gibt Mahmuti offen zu. Denn Kosovo sei ein armes Land mit hoher Arbeitslosigkeit: „Die Sorge um den Naturschutz hat hier nicht unbedingt Priorität.“ Doch das Besucherecho sei „überwältigend“.

Im Park werde wegen der vermehrten Schülerexkursionen nun ein Bildungs- und Informationszentrum errichtet: „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, uns um die Bären zu kümmern. Aber wir nutzen ihr Beispiel, um das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines verantwortungsvolleren Umgangs mit der Natur zu vergrößern“, beschreibt Mahmuti eine weitere wichtige Aufgabe des Schutzzentrums.