Seit der Coronapandemie leiden immer mehr Jugendliche unter psychischen Erkrankungen. Foto: imago images/MiS
Ein neues Bündnis aus Wissenschaft und Versorgung will die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärken. Jörg Fegert vom Uniklinikum Ulm erklärt, was bisher fehlt.
Oft ist es ein schleichender Prozess über Monate und Jahre – bis eine Erkrankung letztlich akut behandlungsbedürftig ist. „Während die psychische Belastung junger Menschen ein Rekordniveau erreicht, bleibt unser Gesundheitssystem weitgehend im Modus der ‚Reparatur-Medizin’ verhaftet“, sagt Vanessa Gstettenbauer von dem gemeinnützigen Unternehmen Project Together aus Berlin.
Kinder und Jugendliche in den Fokus rücken
Sie ist Mitinitiatorin der neu gegründeten bundesweiten „Mental Health Alliance“. Das Bündnis wurde im Jahr 2025 auf Basis der Koalitionsverhandlungen gegründet. In zwei Retreats und mehreren Workshop-Formaten trafen sich über 50 beteiligte Organisationen, um gemeinsam einen Plan zu erarbeiten: mentales Wohlbefinden und psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen als grundlegenden Bestandteil eines resilienten Gemeinwesens zu verankern. Die Prävention soll im Fokus stehen.
Über 3,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von psychischen Problemen betroffen. Laut Deutschem Schulbarometer 2024 zeigen 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler psychische Auffälligkeiten. Bis zu 75 Prozent aller psychischen Erkrankungen zeigen erste Symptome vor dem 25. Lebensjahr. Die Kosten werden auf etwa 147 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Trotz dieser dramatischen Zahlen ist das deutsche Gesundheitssystem nach wie vor auf Behandlung statt auf Prävention ausgerichtet.
Ziel ist eine bessere Prävention bei psychischen Erkrankungen
Zu den Unterstützern zählen Wissenschaftler von Charité und Universitätsklinikum Ulm, das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG), die Bertelsmann und Robert Bosch Stiftung sowie Krankenkassen und das gemeinnützige Unternehmen „krisenchat“.
Die Forderung der Allianz lautet, mentale Gesundheit solle als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe in allen Politikbereichen verankert werden. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungsträger sollen gemeinsam aktiv werden, um gesunde Rahmenbedingungen in allen Lebenswelten zu schaffen: im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Kommune, in der Familie und im digitalen Raum. Ziel soll also unter anderem eine bessere Präventionsarbeit sein.
Ab Mitte 2026 ist ein Gremium aus Experten und Entscheidungsträgern – insbesondere jungen Menschen – geplant, das die Arbeit begleiten soll. „Wir fordern einen systemischen Wandel in der mentalen Gesundheitsversorgung und wollen diesen aktiv mitgestalten“, sagt Gstettenbauer.
Mitbeteiligt ist auch Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm und Präsident der European Society for Child and Adolescent Psychiatry. „Wir haben eine große Krise der psychischen Gesundheit in den letzten Jahren“, sagt Fegert am Telefon.
Die große Frage sei, warum so viele junge Menschen inzwischen so große Belastungen zeigten. „Reden wir zu viel darüber und tun zu wenig?“, so Fegert. Auch das Stigma von psychischen Erkrankungen sei wieder gestiegen.
Zeitenwende? Nicht für Kinder und Jugendliche
Das größte Problem in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen sieht er darin, dass man bisher kein gestuftes Versorgungssystem habe. Es gebe entweder eine traditionelle Krankenbehandlung, bei der man derzeit Schlange stehen müsse, oder gar nichts, sagt Fegert. „Nicht immer kommen die zu uns, die es am dringendsten brauchen – und die anderen sind schwere Notfälle, die mit der Polizei kommen“, ergänzt er.
Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie kritisiert, dass Deutschland kein effizientes Präventionssystem hat. Foto: PR/ Universitätsklinikum Ulm
In Ländern, in denen die Betten- und Therapeutenzahlen niedriger sind als in Deutschland, setze man mehr auf präventive oder niederschwellige Angebote. Mit dabei in der Mental Health Alliance ist zum Beispiel das gemeinnützige Unternehmen krisenchat, das psychosoziale Erste Hilfe für junge Menschen leistet, 24 Stunden am Tag per WhatsApp. Seit der Gründung 2020 habe man rund 130 000 Hilfesuchenden geholfen, 70 Prozent davon hätten zuvor mit niemandem über ihre Probleme gesprochen.
Viele Psychiater fordern ein gestuftes Versorgungssystem
„Das ist wirklich ein sehr gutes Angebot. So etwas müssten wir eigentlich in unser bestehendes Versorgungssystem integrieren“, sagt Fegert. Großbritannien etwa habe mit den „talking therapies“ ein gestuftes Versorgungssystem, bei dem jeder innerhalb von zwei Wochen einen ersten Termin bekomme. Auch in Bern gebe es niederschwellige Chat-Angebote – „besser ist, wenn die Jugendlichen so den Erstkontakt haben, als wenn sie von der Polizei gebracht werden müssen“, so Fegert.
Was er als großes Problem ansieht: Es gibt ein hocheffizientes und teures Versorgungssystem, aber bisher keines zur Prävention. Mit der Mental Health Alliance wolle man nun insbesondere Prävention in Risikogruppen angehen. In kleinerem Maßstab und quasi als Vorreiterprojekt wünsche er sich so etwas von der neuen Regierung in Baden-Württemberg, so Fegert.
Auch die Robert Bosch Stiftung beteiligt sich an dem Bündnis. „Die Mental Health Alliance überzeugt uns, weil sie ein präventives, vernetztes System, das junge Menschen stärkt, bevor Behandlungen nötig werden, fördert“, sagt Sandra Wille, Senior Projektmanagerin im Themenbereich Bildung bei der Robert Bosch Stiftung. Das gesunde Aufwachsen von Kindern hänge vom Zusammenspiel verschiedener Bereiche ab – von Bildung über Gesundheit bis hin zu Familie und sozialem Umfeld. Als größtes Hindernis in der psychischen Gesundheitsversorgung sehe man die bisherige Ausrichtung des Systems auf Behandlung statt auf Prävention.
Die Unterstützung der Allianz erfolgt sowohl finanziell als auch durch die Einbringung von Expertise und Netzwerken aus dem Bildungssystem. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Verhältnisprävention, wie Wille betont: „Wir wollen Strukturen in Bildungseinrichtungen so verändern, dass sie das Wohlbefinden fördern, statt es zu belasten.“ Als konkretes Beispiel nennt sie das Projekt „Fürsorgliche Schulen“ in Sachsen, das sozial-emotionales mit fachlichem Lernen verbindet.
Strukturen in Schulen sollen Wohlbefinden fördern – und nicht belasten
Ergänzend schaffe man mit dem Deutschen Schulbarometer und Forschungsprojekten wie dem „BiPsy-Monitor“ zur psychosozialen Versorgungslage von Kindern und Jugendlichen wichtige Datengrundlagen, die den Handlungsbedarf aufzeigen.
Von der Mental Health Alliance erhofft sich die Robert Bosch Stiftung eine echte Systemveränderung, die eine einzelne Stiftung nicht allein bewirken könne. „Im Themenfeld psychische Gesundheit bringt die Mental Health Alliance sektorenübergreifend wichtige Partnerinnen und Partner an einen Tisch, um gemeinsam ein System zu schaffen, das Kinder und Jugendliche stärkt“, sagt Wille.