Berlin/Saarbrücken - Die westlichen Industrieländer sind bei der Antibiotikaproduktion sehr abhängig. „Fast 90 Prozent der Antibiotika werden in China und Indien hergestellt, weil diese Ländern billiger produzieren“, sagt Tim Eckmanns, Experte für Antibiotikaresistenzen beim Robert-Koch-Institut (RKI). Doch nicht nur daran muss sich nach Einschätzung vieler Experten etwas ändern. Ein großes Sorgenkind ist die Entwicklung neuer Antibiotika. Angesichts zunehmender Resistenzen von Bakterien gegen ein oder gleich mehrere Antibiotika müssen dringend neue wirksame Antibiotika entwickelt werden. „Nie zuvor war die Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen unmittelbarer und die Notwendigkeit von Lösungen dringender“, so Tedros Adhanom Ghebreyesus, Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu im Überblick.
Wer entwickelt noch neue Antibiotika?
Zwischen 1980 und 2009 kamen mehrere neue Antibiotikaklassen auf den Markt. Doch danach kamen nur Abwandlungen bereits vorhandener Antibiotika hinzu. In den letzten Jahren haben sich auch die letzten Pharmariesen aus der Antibiotikaforschung verabschiedet und sich ganz den gewinnbringenden Medikamenten zugewandt – etwa Mitteln gegen Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes. Das Antibiotikafeld haben sie universitärer Forschung, kleineren Pharmaunternehmen und Antibiotika-Start-ups überlassen. Doch denen fehlt oftmals das Geld für die notwendigen, aber teuren klinischen Studien. Aussichtsreiche Wirkstoffe schaffen es deshalb mitunter nicht auf den Markt. Anfang Juli haben nun 20 der weltweit größten Pharmaunternehmen in Partnerschaft mit der WHO und der Europäischen Investitionsbank den eine Milliarde US Dollar schweren Antibiotikaresistenz-Aktionsfonds (AMR Action Fond) ins Leben gerufen. Finanziell beteiligt sind etwa Roche, Merck, Johnson & Johnson, aber auch Bayer und Boehringer Ingelheim. Einen Hinweis auf eine mögliche Motivation liefert David A. Ricks, der Geschäftsführer von Eli Lilly: „Wir machen Medikamente für Diabetes, Krebs und Immunerkrankungen, aber ohne wirksame Antibiotika werden sie nicht gebraucht.“
Welchen Zweck hat der neue Fonds?
Er soll Investitionen in etwa zwei Dutzend ausgewählte Unternehmen vornehmen, die bereits ein vielversprechendes Antibiotikum entwickeln. Ziel der Förderung ist es, innerhalb des nächsten Jahrzehnts zwei bis vier neuartige Antibiotika auf den Markt zu bringen.
Warum ist die Entwicklung für Pharmaunternehmen uninteressant?
„Antibiotika sind viel zu preiswert. Ihre Entwicklung lohnt sich für große Pharmaunternehmen nicht“, sagt Tim Eckmanns. Auch Rolf Müller, Leiter der Abteilung Mikrobielle Naturstoffe am Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS), fordert: „Antibiotika müssen teurer werden. Ein höherer Preis würde nicht nur die Neuentwicklung fördern, sondern auch den Einsatz in der Tiermast reduzieren.“ Ein häufiger Einsatz von Antibiotika fördert nämlich die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen.
Wie kommt es zu diesen Antibiotikaresistenzen?
Antibiotikaresistenzen sind darauf zurückzuführen, dass Bakterien eine Genveränderung entwickeln können, wodurch die Angriffsstelle eines Antibiotikums am beziehungsweise im Bakterium verändert ist. Eine weitere Möglichkeit ist, dass noch nicht resistente Bakterien bestimmte Gene – Resistenzgene – von bereits resistenten Bakterien übernehmen. Bakterien sind tatsächlich in der Lage, Gene auszutauschen. Das bedeutet, dass sie resistent werden können, ohne dass in diesem Moment eine Behandlung mit Antibiotika erfolgt.
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Antibiotika haben es bei sogenannten gramnegativen Bakterien besonders schwer, weil sie von Natur aus resistent gegen bestimmte Antibiotika sind und eine nur schwer zu überwindende Zellwand haben. Gramnegativ leitet sich vom Färbeverhalten – rot oder blau – der Bakterien ab. Die zweite große Bakteriengruppe sind die grampositiven Bakterien mit einem anderen Zellwandaufbau.
Welche Antibiotikaresistenzen sind in Deutschland am problematischsten?
Krankenhauskeime sind besonders problematisch, wenn sie nicht nur gegen ein, sondern gleich gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Man spricht dann von multiresistenten Bakterien. Ein Beispiel hierfür sind MRSA-Keime. MRSA ist das Kürzel für Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus-Bakterien. Gute Antibiotika sind dann plötzlich unwirksam gegen den entsprechenden Erreger. Die Situation ist besorgniserregend. Insbesondere bei Darmkeimen wie bestimmten Enterokokken und Escherichia coli hat sich die Resistenzsituation verschlimmert. Ärzte gehen in schwierigen Fällen dazu über, Antibiotika geschickt zu kombinieren, und mitunter greifen sie zu älteren Reserveantibiotika. Diese sind allerdings meist teurer, weniger gut wirksam und nebenwirkungsreicher als moderne Antibiotika.
Was bringt die Zukunft?
Für die Zukunft sind zumindest Silberstreifen am Horizont sichtbar. Die universitäre Grundlagenforschung ist recht aktiv. „Ab der Wirkstoffentdeckung vergehen jedoch noch etwa 10 bis 15 Jahre bis zur Marktreife“, sagt Müller. Im Allgemeinen ist es schwierig, Industriepartner zu finden. „Die Uhr tickt, wenn wir nicht zunehmend mehr Menschen an Infektionen verlieren wollen, die mit wirksamen Antibiotika gut behandelbar wären“, warnt der Helmholz-Forscher.