Restaurant eröffnet Neustart nach neun Jahren: Der Hirsch ist zurück in Murrhardt

Sherif Hassanein hat das Restaurant gemeinsam mit seinem Koch René Klinger übernommen. Foto: Gottfried Stoppel

Nach neun Jahren Leerstand wird im Traditionsrestaurant Hirsch in Murrhardt wieder gekocht. Schwäbische Klassiker modern interpretiert.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Rühren statt Röhren: Im Restaurant Hirsch in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) läuft die Küche wieder auf Hochtouren. Nach neun Jahren Zwangspause ist das Traditionshaus in der Hauptstraße 36 wieder geöffnet – sehr zur Freude vieler Murrhardter, darunter auch Bürgermeister Armin Mößner. Pächter Sherif Hassanein hat das Restaurant gemeinsam mit seinem Koch René Klinger übernommen. Nach einem Jahr intensiver Renovierungsarbeiten läuft der Betrieb seit Anfang März.

 

Für viele ist das mehr als nur eine Wiedereröffnung. Der Hirsch war über Jahre hinweg ein fester Bestandteil des Murrhardter Stadtlebens, sein Leerstand hinterließ eine Lücke – nicht nur gastronomisch. Dass es sich um ein geschütztes Kulturdenkmal handelt, unterstreicht die Bedeutung des Hauses zusätzlich: Das Gebäude in der Hauptstraße 36 wird bereits 1577 als „Zum Hirsch“ erwähnt, wurde 1765 bei einem Brand zerstört und 1788 unter Einbeziehung älterer Teile neu errichtet.

„Besser als erwartet“: Erfolgreicher Neustart im Hirsch

Für Hassanein selbst fällt die erste Bilanz klar aus. „Es ist besser gelaufen als erwartet“, sagt er über die ersten Wochen nach der Eröffnung. Der Start sei intensiv gewesen. Abläufe mussten sich einspielen, das Team zusammenfinden, Strukturen aufgebaut werden. „Wir haben sehr viel an uns gearbeitet“, beschreibt er die Anfangsphase. Inzwischen laufe der Betrieb stabil.

Sieben Beschäftigte gehören aktuell zum Team, zwei in der Küche und mehrere im Service. Hassanein ist regelmäßig vor Ort, wohnt im Gebäude und hält die Wege bewusst kurz. Auch Küchenchef René Klinger, der im Sternerestaurant Tawa Yama in Karlsruhe gelernt und gearbeitet hat, ist eng eingebunden.

Publikum: Stammgäste, Gruppen und Wanderer

Vor allem Gäste im Alter von über 30 Jahren prägen das Bild im Gastraum – viele von ihnen, sagt Hassanein, weil sie „wieder gut essen wollen“. Dazu kommen am Wochenende auch Wanderer, die in der Innenstadt einkehren. Der Hirsch entwickelt sich wieder zu einem Treffpunkt. Stammtische entstehen, Gruppen und Vereine nutzen den Nebenraum regelmäßig.

Konzept: Schwäbisch – aber erweitert

In der Küche setzt Hassanein auf eine klare Linie. „Wir wollen moderne schwäbische Küche anbieten“, sagt er. Klassiker bleiben dabei zentral: Linsen mit Spätzle (13,90 Euro), Rinderschmorbraten (17,90 Euro) oder Zwiebelrostbraten (26,90 Euro) stehen fest auf der Karte.

Gleichzeitig erweitert der Hirsch das Angebot deutlich. Neben traditionellen Gerichten finden sich vegetarische und vegane Optionen wie Käsespätzle (14,90 Euro), Spinatknödel (15,90 Euro) oder ein Chili sin carne (13,50 Euro). Auch Pasta- und Risotto-Gerichte gehören dazu, etwa ein Tomatenrisotto mit Burrata oder vegane Varianten mit Pilzen.

Die Karte ist damit ungewöhnlich breit für ein klassisches Wirtshaus: Von geschmorter Ochsenbacke (18,70 Euro) über Schnitzelvarianten bis hin zu Burgern reicht das Spektrum. Die Mischung ist bewusst gewählt. Ein wichtiger Baustein ist zudem der Mittagstisch. Ab 11,90 Euro gibt es ein Gericht inklusive Salat. Geöffnet ist das Restaurant an allen Tagen außer Mittwoch.

Fleischgerichte und fleischlose Optionen würden ähnlich häufig bestellt, sagt Hassanein. Viele Gäste griffen bewusst auch zu Alternativen – nicht aus Überzeugung, sondern aus Interesse an Abwechslung.

Handwerk in der Küche: Vieles entsteht im Haus

Hassanein betont, dass viele Komponenten selbst hergestellt werden. Soßen werden angesetzt, Grundlagen vorbereitet und über längere Zeit gekocht. „Wir machen rund 70 Liter Soße in der Woche selbst.“ Ein Teil der Produktion erfolgt auch für den zweiten Betrieb in Oppenweiler.

Für die wärmere Jahreszeit sind im Außenbereich des Gasthauses zusätzliche Plätze vorgesehen. Foto: Gottfried Stoppel

Am Abend entwickelt sich der Hirsch zusätzlich zum Barbetrieb. Neben dem Essen werden auch Cocktails angeboten, die bewusst eigenständig gestaltet sind. Damit soll das Haus auch über die klassische Wirtshausfunktion hinaus als Treffpunkt funktionieren.

Preise: bewusst zugänglich

Die meisten Hauptgerichte liegen unter 20 Euro, nur wenige darüber. Ein Essen mit Getränk bleibt meist unter 30 Euro. So positioniert sich der Hirsch bewusst als zugängliches Angebot – „ein bisschen edler, aber leistbar“, wie der gebürtige Waiblinger es beschreibt.

Auf den Hirsch aufmerksam wurde der 30-Jährige durch einen Hinweis aus Murrhardt. „Es hat sich jemand gewünscht, dass hier wieder Leben reinkommt“, sagt Hassanein. Für ihn sei schnell klar gewesen, dass er sich dieser Aufgabe stellen wolle.

Der Weg in die Gastronomie war dabei nicht von Anfang an vorgezeichnet. Hassanein, geboren in Waiblingen und mit familiären Wurzeln in Backnang, hat zunächst eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker absolviert. Parallel sammelte er jedoch früh Erfahrungen in der Gastronomie – als Kellner, in der Küche und später in verantwortlicher Position. „Zuletzt war ich Betriebsleiter des Biergartens Höhenberg auf dem Stuttgarter Killesberg“, sagt Hassanein.

Mit dem Hirsch führt er nun bereits sein zweites Projekt im oberen Murrtal. Seit Anfang 2025 betreibt er in Oppenweiler das „Schwabenglück“, einen Lieferservice mit schwäbischer Küche. Beide Standorte sind organisatorisch miteinander verzahnt. Teile der Vorbereitung, etwa bei Soßen oder Beilagen, laufen gebündelt.

Zwischen Anspruch und Vorbehalten

Der Neustart im Hirsch verläuft nicht völlig geräuschlos. Neben viel Zuspruch berichtet Hassanein auch von persönlichen Anfeindungen in sozialen Netzwerken. Für ihn steht dabei einiges auf dem Spiel: Rund 150.000 Euro hat er nach eigenen Angaben in das Projekt investiert.

Vor Ort spiele die Kritik jedoch eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sei, wie das Angebot angenommen werde. „Die Leute kommen und probieren“, sagt er. Am Ende zähle die Qualität.

Blick nach vorn: Stabilisieren statt überdrehen

Nach den ersten Wochen richtet sich der Fokus nun auf den Alltag. Abläufe sollen weiter gefestigt, das Angebot behutsam angepasst werden. Große Veränderungen plant Hassanein derzeit nicht.

Für die wärmere Jahreszeit sind im Außenbereich zusätzliche Plätze vorgesehen. Auch einzelne Veranstaltungen, etwa mit Musik, sind angedacht. Im Vordergrund steht jedoch der laufende Betrieb. „So ist es gut“, sagt der Betreiber. Der Hirsch solle sich Schritt für Schritt entwickeln – ohne überzogene Erwartungen.

Die ersten Wochen zeigen: Das Interesse ist da. Ob der Hirsch nach neun Jahren Leerstand wieder dauerhaft zum Murrhardter Stadtleben gehört, entscheidet sich im Betrieb.

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