Restaurantkritik Tamère Wo das Genussherzerl vor Freude hüpft

Die Küchenchefs Felix Kaufmann (links) und Leander Leins im Restaurant Tamère in der Küche. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Psst! In dieses Lokal würde unsere Kulinarikautorin am liebsten einziehen. Ein Besuch im Tamère im Heusteigviertel.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Als Restaurantkritikerin befindet man sich ständig im Spannungsfeld: Lob wird skeptisch beäugt, Tadel sorgt für Unmut. Zu positiv? „Gefällig!“ Zu negativ? „Überheblich!“ Was viele vergessen: Jede Kritik ist nur ein flüchtiger Blick auf einen bestimmten Moment, meist auf einen einzigen Abend.

 

Wir beobachten, urteilen, schwanken zwischen Begeisterung und Enttäuschung. Wir empfehlen, warnen, und wundern uns bisweilen stark über überbewertete, überteuerte Hypes. Und es gibt ganz selten Abende wie diesen, bei denen man das Restaurant verlässt und denkt: „Mensch, das könnte ein neuer Lieblingsort werden.“

Kulinarische Fachkompetenz ist gegeben

Das Tamère im Heusteigviertel, in den Anfängen Landtag, dann Kochschule und Ristorante von Sante de Santis, Gott hab‘ ihn selig, und zuletzt das Casa del Consumo hat seit ein paar Monaten neue Betreiber. Einer davon ist Leander Leins, der Koch auf Burg Staufeneck bei Rolf Straubinger gelernt hat. Der andere Felix Kaufmann ist Quereinsteiger, sammelte Erfahrungen in der Gastronomie. Es ist also durchaus kulinarische Fachkompetenz gegeben, vor allem aber ist da die Leidenschaft für gute Produkte, zeitgemäße Kulinarik und tolle Weine.

Das schmeckt noch besser, als es aussieht: Forelle auf Vichysoisse mit Lauch und Erbse (16 Euro) Foto: Schlemmerbäch

Der Raum ist schlicht und hell. Das Besteck versteckt sich in einer schwarzen Legobox auf dem Tisch, die offenen Weine (ab 7 Euro, 0,1 Liter) sind zum Teil aus der Region, aber auch aus dem Burgenland oder Sizilien. Der erste Eindruck ist gut, die Begrüßung herzlich-warm. Dann fliegen uns aus der offenen Küche mit den dunkelgrünen Fließen wahrliche Köstlichkeiten entgegen. Die Küche grüßt mit einem kalten Shot aus Gurke-Fenchel-Birne, das ist gut und erfrischend. Wir starten Brot mit Butter (am Testabend aus der guten Brotique, normalerweise wird selbst gebacken), um dann gleich die ersten Highlights auf dem Tisch zu bestaunen. Die Forelle ist auf Vichysoisse mit Lauch und Erbse (16 Euro) gebettet – ein wahnsinnig gutes, geradezu süffiges Gericht.

Die Umamibombe ist die Wassermelone mit Popcorn und Tomate (16 Euro), auf der Staub von Pecorino gehobelt ist. Leins erklärt, dass der rote Teil der Frucht mit Sojasauce mariniert wurde, der weiße in Salzwasser über Nacht eingelegt und gepickelt. Ein großer Aufwand für ein großes Ergebnis. Geradezu famos geht es weiter: der „Fisch des Tages“ ist ein Lengfisch, der mit Artischocke, Burrata, Estragon und Gnocchi (35 Euro) serviert wird. Alle Geschmäcker sind tief und vielschichtig, das Essen zeitgemäß und schlichtweg sehr gut. Das Rind mit Kräuterknödel, Pfefferrahm und Salatherz (35 Euro) klingt fast schon bodenständig, entpuppt sich aber als raffinierte Kombination und wunderbar schmackiger Sauce auf einer tollen Selleriecreme mit Piemonteser Haselnüssen. Beim Brownie mit Joghurteis (13 Euro) wird Rübensaft als Süßungsmittel verwendet, weil das Leander Leins an seine Kindheit erinnert. Wir schlemmen und schwelgen – und wissen, dass wir uns an diesen Abend noch lange erinnern werden.

Restaurantinfos

Tamère
Heusteigstraße 45, 70180 Stuttgart; Telefon: 0711/ 50 46 67 91; Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 18 bis 23 Uhr; www.tamere-stuttgart.de 

Bewertung

Legende: ***** = herausragend, ****= überdurchschnittlich, *** = gut, **= Luft nach oben, * = viel zu verbessernkeine Parkplätze, draußen sitzen, nicht barrierefrei

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