Von Depeche Mode bis Grace Jones: Zwei DJ-Urgesteine aus Stuttgart blicken vor der Retro-Party in der Staatsgalerie zurück auf Aufbruch, Architektur und Ausgehkultur der 1980er.
Schulterpolster, Neonfarben, Dauerwellen, Tennissocken. Popper und Punks. Die 80er waren laut, schrill und heftig. In Stuttgart hatten sie zudem zwei feste Taktgeber: Jens Herzberg und Uwe Sontheimer. Seit Jahrzehnten mischen die beiden DJs mit viel Enthusiasmus im Nachtleben der Stadt mit – damals wie heute. Am 27. Februar legen sie bei der großen 80er-Jahre-Party in der Staatsgalerie auf. Zeit für einen Rückblick.
Wir treffen die beiden im Carls Brauhaus zu einem Gespräch, das genauso wird, wie man es bei zwei Legenden erwartet: äußerst vergnüglich, mit viel Gelächter, Anekdoten und Erinnerungen. Von Nächten, die länger dauerten als geplant, von Musik, die bis heute nachklingt – und von einer Stadt, die in den 80ern anders tickte als heute.
„Legenden?“ Uwe Sontheimer winkt ab und grinst. „Auf eine Legende kacken die Tauben“, sagt er. Viel lieber spricht er über das Handwerk. Über eine Zeit, in der man DJ wurde, ohne es zu planen. Ohne Laptop, ohne USB-Stick, ohne Playlists aus dem Netz. Stattdessen: schwere Schallplattenkisten, Schlepperei, Kabelsalat – das war ganz früher mal, in grauer Vorzeit vor den Sticks und den Selfies.
Von Schallplatten zu USB-Sticks: Die DJ-Revolution nach den 80ern
Jens Herzberg begann seine DJ-Karriere 1986 im inzwischen abgerissenen Maxim. Uwe Sontheimer stand schon 1983 zum ersten Mal hinter dem Pult – im Lord Nelson in Waiblingen. Manche Clubs verfügten damals über riesige eigene Plattensammlungen, erinnert sich Herzberg. „Da musstest du gar nichts mitbringen.“ Heute kommt man mit einem Stick in den Club – mit 36000 Songs darauf.
Auch das Ausgehverhalten habe sich grundlegend verändert. „Früher waren viel mehr junge Leute unterwegs“, sagt Herzberg. Clubs und Discos waren voll, jedes Wochenende. Kennenlernen lief analog: Blickkontakt, Tanzfläche, Theke. Keine Apps, keine Portale.
Legendäre 80er-Nachtclubs: Von Roxy bis Perkins Park
Ihre Erinnerungen führen durch die Nachtstationen der 80er: Roxy, Boa, Odeon am Berliner Platz, Oz, Perkins Park. Orte, die das Lebensgefühl einer Generation prägten. Geblieben sind davon nur noch die Boa und der Perkins Park. Dazu kamen die legendären Großraumdiscos auf dem Land, die busweise angefahren wurden. „Die waren extrem beliebt“, sagt Herzberg.
Was beide besonders betonen: das Gefühl von Sicherheit. „Es war absolut friedlich“, sagen sie. Das mulmige Gefühl, nachts durch die Stadt zu gehen, habe es nicht gegeben. Punker am Kleinen Schlossplatz, Popper in feinen Klamotten – zwei Welten, die auch in Stuttgart aufeinandertrafen. „Aber friedlich“, betont Sontheimer. Und dann kommt der Spruch, der beweist, dass es sich bei den beiden um Original-80er handelt: „Darauf einen Dujardin“, sagt erst der eine, dann auch der andere. Es war der berühmte Werbespruch, der 1982 aufkam.
Ein weiteres Phänomen der Zeit: Live-Mitschnitte von Disconächten auf Kassette. Die wurden teilweise für hohe Preise verkauft.
1984: Aufbruch in Stuttgart mit der Neuen Staatsgalerie
Ein Schlüsselmoment für die Stadt war das Jahr 1984: die Eröffnung der Neuen Staatsgalerie, entworfen von James Stirling. Beide erinnern sich genau. „Da war ein richtiger Aufbruch“, sagt Sontheimer. „Ein neues Selbstbewusstsein.“ Die Postmoderne zog ein, bunt, laut, selbstbewusst – genau wie die Musik der Zeit.
Wenn es um Lieblingssongs aus den 80ern geht, zeigt sich auch musikalisch, wie unterschiedlich – und zugleich stilprägend – die beiden DJs sind. Jens Herzberg nennt ohne Zögern drei Titel, die für ihn bis heute das Jahrzehnt perfekt einfangen: „Never Let Me Down Again“ von Depeche Mode, „Electricity“ von OMD und „Gold“ von Spandau Ballet. Songs mit Haltung, großen Melodien und diesem sofortigen Wiedererkennungswert, der eine Tanzfläche in Sekunden füllt.
„Haha – drei? Hundert!“ Uwe Sontheimers 80er-Hits im Fokus
Uwe Sontheimer lacht erst einmal, als man ihn nach nur drei Lieblingssongs fragt. „Haha – drei? Hundert!“ sagt er. Doch mitten aus der Arbeit an einer neuen 80er-Playlist für einen aktuellen Mix entscheidet er sich für genau diese drei Titel, die für ihn zwingend dazugehören: „Keep On“ von D-Train, „Los Niños del Parque“ von Liaisons Dangereuses und „Slave to the Rhythm“ von Grace Jones. Clubhits mit Druck, Haltung und internationalem Flair – kompromisslos und zeitlos.
DJs Herzberg und Sontheimer: 80er-Soundtrack begeistert Generationen
In der Staatsgalerie wird noch einmal eine 80er-Party gefeiert und greift die Verbindung von Architektur, Kunst und Popkultur auf. Anlass ist der 100. Geburtstag des Star-Architekten James Stirling am 22. April. Bevor in zwei Jahren die Sanierung des Hauses beginnt, wird noch einmal quietschend bunt getanzt.
80er-Soundtrack auf der Tanzfläche der Staatsgalerie
Jens Herzberg und Uwe Sontheimer liefern dafür den Soundtrack. Der Vortragssaal wird erneut zum Dancefloor, Walking Acts sorgen bei Rundgängen für Kunstvermittlung auf coole Art. Beide DJs sind bis heute aus voller Leidenschaft aktiv, legen regelmäßig bei Partys und Festen auf – und erleben, dass die Musik der 80er generationenübergreifend funktioniert.
Warum zünden die Hits bis heute? „Weil sie Emotionen transportieren“, sagt Herzberg. „Und weil sie handgemacht sind.“ Sontheimer ergänzt: „Die Songs haben Intros, die du nach drei Sekunden erkennst – und dann ist die Tanzfläche voll.“
Vielleicht ist es genau das: Die 80er waren größer, direkter, ungebremster. Und Jens und Uwe sind sich selbst treu geblieben, sie haben einfach immer weitergemacht, um „in Würde“ älter zu werden – als Zeitzeugen, als DJs, als Teil dieser Geschichte. Keine Legenden. Sondern zwei, die wissen, wie man einen Raum zum Tanzen bringt. Damals wie heute.