Seit Jahren schrillen die Alarmglocken – nicht nur in Stuttgart, aber auch. Überall steigen die Einsatzzahlen des Rettungsdiensts. In der Landeshauptstadt zuletzt geradezu dramatisch – um 15,5 Prozent auf 44 370 im Jahr 2022, ein Allzeit-Hoch bisher ungekannten Ausmaßes. Gründe gibt es einige, vor allem das geänderte Notrufverhalten. Leute wählen die 112 wegen Lappalien oder weil sie sich erhoffen, so schneller zu einem Facharzt oder einer Untersuchung zu kommen.
Die Überlastung der Retter steigt. Die gesetzlichen Vorgaben werden nicht mehr eingehalten, zu oft dauert es zu lang, bis Rettungswagen oder Notarzt eintreffen. Für die Patienten bedeutet das, dass sie manchmal länger warten müssen, als medizinisch sinnvoll ist, für die Retter Dauerstress. Zwar werden immer wieder zusätzliche Fahrzeuge in Dienst gestellt, doch es fehlt an Personal – und die Zahlen sind bis dahin weiter gestiegen.
Wie gut, dass es in Stuttgart einige große Unternehmen gibt, hat man sich da gedacht. Bereits seit Jahren gibt es eine Kooperation mit Mercedes, damals noch Daimler AG. Besonders die Werkambulanz am Standort Hedelfingen ist seither offiziell im Einsatz, vorwiegend im Neckartal. „Die bis zu zwei Rettungswagen, die dort zur Verfügung stehen, rücken außerhalb des Werkgeländes aus, wenn sonst kein anderes Rettungsmittel in adäquater Zeit zur Verfügung steht“, sagt Ralph Schuster. Der Leiter des Rettungsdienstes beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) und Vertreter des für die Planung zuständigen Bereichsausschusses aus Hilfsorganisationen und Krankenkassen betont, dass das eigene Mercedes-Gelände aber Priorität habe: Wenn die Mercedes-Ambulanz dort gebunden ist, steht sie für Einsätze außerhalb nicht zur Verfügung.
Allerdings rücken die Retter des Autobauers immer häufiger im Stadtgebiet aus, vorwiegend im Neckartal. Das geht aus einer Landtagsanfrage des Stuttgarter FDP-Abgeordneten Friedrich Haag hervor. Demnach zählte man im Jahr 2018 noch 394 Mercedes-Rettungseinsätze außerhalb des Werkgeländes. Seither stieg diese Zahl massiv – bis auf 1212 im vergangenen Jahr. Und der Trend geht so weiter: Im ersten Halbjahr 2023 sind es bereits 715 Einsätze gewesen. Menschen, die im Bereich Hedelfingen oder Wangen wohnen, berichten, dass man dort fast nur noch die Mercedes-Ambulanz sehe.
Auch mit Porsche gibt es seit April 2022 eine entsprechende Kooperation. Allerdings sind die Retter des Autobauers aus Zuffenhausen seither weiterhin nur auf dem eigenen Gelände unterwegs gewesen. Das könnte sich bei Bedarf aber ändern – auch mit Mercedes hat die Kooperation ähnlich angefangen. Für Friedrich Haag ist das ein Armutszeugnis: „Es stand wohl noch nie so schlecht um das Rettungswesen in Stuttgart wie aktuell. Der Einsatz von Werkambulanzen nimmt weiter deutlich zu, Mercedes muss die immer größer werdende Lücke füllen“, kritisiert der Landtagsabgeordnete.
Abhilfe schaffen könnte eine neue Rettungswache in Bad Cannstatt, die gerade den Bereich am Neckar besser abdecken würde. Denn dort gibt es seit 2019 keine mehr. Damals musste das DRK seine Räume am Bellingweg aufgeben. Das Nachfolge-Gebäude auf einem Gelände an der Martha-Schmidtmann-Straße hätte zu diesem Zeitpunkt schon im Bau sein sollen. Das ist es aber bis heute nicht. Denn ein Rechtsstreit zwischen DRK und Land um die Finanzierung und die Förderrichtlinien verhinderte eine zügige Umsetzung.
Der ist zwar inzwischen vom Tisch, es dürfte aber dennoch Jahre dauern, bis von Bad Cannstatt wieder Rettungswagen ausrücken. „Zum Neubau der Rettungswache haben wir einen Förderantrag auf Grundlage der neuen Richtlinien für das Jahresförderprogramm 2023 gestellt. Dieser wird vom Regierungspräsidium Stuttgart als zuständige Bewilligungsbehörde bearbeitet. Ein Bescheid liegt uns noch nicht vor“, heißt es beim DRK. Der Neubau sei für weitere Verbesserungen der rettungsdienstlichen Versorgung notwendig. Wann er steht, ist völlig offen. Ob dann weniger als bisher auf Werkambulanzen zurückgegriffen werden muss, will Ralph Schuster angesichts stetig weiter wachsender Einsatzzahlen nicht vorhersagen: „Das wäre eine Mutmaßung.“
Bis dahin also braucht man sich im Neckartal nicht zu wundern, wenn der Rettungswagen vorbei fährt – und der eigentlich zu Mercedes gehört. Ein Autobauer als Lebensretter: In Stuttgart bleibt das erst einmal Alltag.