Die schmerzerfüllten Schreie gehen durch Mark und Bein. „Wir versuchen, es so realistisch wie möglich zu machen“, erklärt Uwe Thiel von der Feuerwehr Stetten. Das Szenario: Durch einen Brand im Keller und einen Unfall beim Aufbau der Bühne im Theater unter den Kuppeln hat es zahlreiche Verletzte gegeben. Die Rollenspieler legen sich ins Zeug, eine gute Darstellung abzugeben. Die Atmosphäre ist angespannt.
Kurz nach dem Unglück hat jemand den Notruf gewählt. Die Leitzentrale alarmiert die örtlichen Rettungskräfte. Es dauert nur wenige Minuten, bis die Feuerwehr und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mit Blaulicht und Sirene am Einsatzort eintreffen. Am Rande der Großübung verfolgten Zuschauer das Geschehen. Bei der Übung in Stetten waren Schaulustige ausdrücklich willkommen.
Feuerwehrleute bergen die Verletzten
Die erste Herausforderung für die Rettungskräfte ist es, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Feuerwehr übernimmt die Bergung der Verletzten. Rasch wird auch ein Wasserschlauch verlegt. Die Atemschutzausrüstung ist angelegt. Am Beginn eines großen Einsatzes gebe es stets eine kurze „Chaosphase“, erklärt Thiel. Rasch aufeinander treffen weitere Fahrzeuge ein. Insgesamt eilen rund 50 Feuerwehrleute und fast genauso viele DRK-Mitglieder zum Einsatzort. Etwas abseits steht nach wenigen Minuten die Einsatzzentrale. Dort laufen die Kommunikationsstränge und die Informationen zusammen. Parallel läuft am Unglücksort bereits die Erstversorgung der Verletzten.
Für eine realistische Darstellung der Verletzten sorgen 15 Schauspieler. Die Rettungskräfte müssen schnell einschätzen, welche Verletzungen eine Soforthilfe erfordern. Es gibt Verletzte, die gar nicht mehr um Hilfe rufen, vielleicht das Bewusstsein verloren haben und versteckt unter Trümmern liegen. Gleichzeitig gibt es Personen, die zwar nicht schwer verletzt sind, durch einen erlittenen Schock aber umherirren und sich und andere gefährden. „Wir können uns nicht gleichzeitig um alle kümmern“, stellt Thiel klar. Bei einer Vielzahl an Opfern müssen die Verletzten, je nach Schwere der Verletzung, eingeteilt werden. Da gilt es, möglichst schnell Prioritäten festzulegen.
Darsteller verkörpern die Verletzten
Die Wunden der „Opfer“ sind professionell aufgetragen. Es gebe schwere Verbrennungen, offene Brüche und Platzwunden, zählt Valerie Dosch vom DRK auf. Sie ist mit zahlreichen Helfern für die Darstellungen der Verletzungen zuständig. Einem der Verletzten hat sich außerdem ein Rechen durch den Oberschenkel gebohrt, erklärt sie. Damit die Simulation so echt wie möglich wirkt, gibt es Schminkkurse, berichtet Dosch. Die Schminke sei für die Simulation von Verletzungen beschafft worden und nicht im Drogeriemarkt erhältlich, auch Kunstblut werde verwendet. Die realistische Darstellung der Verletzungen diene gerade auch dazu, die Einsatzkräfte schon jetzt auf die Anblicke vorzubereiten, die ihnen während eines echten Einsatzes begegnen können.
„Man muss so etwas regelmäßig üben“, erklärt Bastian Hess. Er ist beim DRK-Kreisverband für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Allerdings fänden so große Übungen selten statt: „Es ist eine personelle Herausforderung.“ Die allermeisten Beteiligten seien Ehrenamtliche. Neben den Rettungskräften selbst sind weitere 30 Freiwillige im Einsatz, zum Schminken oder als Rollenspieler. Helferinnen und Helfer werden auch für die Feldküche gesucht. Diese sorgt auch in einem Ernstfall für die Versorgung von Einsatzkräften, wenn die Rettungsarbeiten über einen längeren Zeitraum andauern.
Nach einer ersten Einschätzung werden die Verletzten von der Feuerwehr nach draußen getragen. Dort werden sie dem Deutschen Roten Kreuz übergeben, das die weitere medizinische Versorgung sowie den Weitertransport ins Krankenhaus übernimmt. Das Zusammenspiel der Rettungsorganisationen zu üben, ist ein wichtiges Ziel der Übung.