Reutlinger Finanzbürgermeister Die Stimme des Allgäus

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"Ich bin ein Melodienmensch", sagt Peter Rist. Der Reutlinger Finanzbürgermeister will Schlagersänger werden und gibt dafür sein Amt auf.

Ich bin ein Melodienmensch, sagt Peter Rist.Der Reutlinger Finanzbürgermeister will jetztSchlagersänger werden.  Foto: Stoppel 3 Bilder
"Ich bin ein Melodienmensch", sagt Peter Rist. Der Reutlinger Finanzbürgermeister will jetzt Schlagersänger werden. Foto: Stoppel

Reutlingen - An Abenden wie diesem tragen die Frauen gern mal Halstücher mit Enzianmotiv, die Männer Jacken mit Hirschhornknöpfen. Im Foyer der Reutlinger Listhalle ist eine volkstümliche Verkaufsmeile aufgebaut. Am Stand von Markus Wolfahrt ("Du bist mein Anker") gibt es Schlüsselanhänger mit seinem Namenszug. Daneben stehen die Geschwister David ("Berge im Abendrot"), zwei blitzsaubere Mädchen mit einem Lachen, so strahlend wie der Himmel überm Großglockner. Sigrid und Marina ("Schubi dubi du") konnten leider nicht kommen, weil sie kurzfristig für den "Musikantenstadl" nominiert wurden. Doch die meisten Besucher sind eh wegen Peter Rist ("Schalala") da. Seine Fans aus dem Allgäu haben einen Reisebus gechartert und ein großes Plakat ausgerollt: "Isny grüßt P.R." Seine Frau, die drei Kinder und eine Schwägerin betreuen den Tisch, wo die Debüt-CD von Rist ausliegt. Eine ältere Frau in Volksmusikvollmontur hakt sich bei ihrer Mutter unter: "Mamma, do hanna kriggsch a Autogramm vom Birgermeischdr."

Im Saal wird es dunkel. Panflötenklänge. Grünes Scheinwerferlicht. Da steht er in der Bühnenmitte: etwas breitbeinig wie ein Cowboy, beiger Anzug, blond-gescheiteltes Haar und ein Lächeln, das man noch in der hintersten Reihe erkennen kann. Der Tontechniker fährt das Halbplayback hoch, die Show beginnt.

"Man sieht nur mit dem Heeerzen, echte Freundschaft Menschlichkahaheit... Willkooommen in meinen Gefüüühlen, kommt herein und träumt euch aus, fühlt euch einfach wie zu Hauuus."

Vom Großen Sitzungssaal aufs glitschige Schlagerparkett

Der Liedtext ist dem Finanzbürgermeister der Stadt Reutlingen während einer Aufsichtsratssitzung der Regio Stuttgart Marketing GmbH eingefallen. Da gärte schon was in ihm. Im April lud Rist dann zu einer Pressekonferenz und gab bekannt, dass er sein Kreistagsmandat für die Freien Wähler niedergelegt, seinen Erstwohnsitz bereits zurück ins Allgäu verlegt habe. Er stehe auch nicht mehr für eine weitere Amtsperiode zur Verfügung, weil er lieber Schlagersänger werden wolle. Juni 2013 ist Schluss.

Warum wechselt der Bürgermeister einer 110.000-Einwohner-Stadt, verantwortlich für einen 325-Millionen-Euro-Etat, Chef Hunderter Mitarbeiter, Besoldungsgruppe B5 mit rund 100.000 Euro Jahressalär, vom Großen Sitzungssaal aufs glitschige Schlagerparkett?

Peter Rist - "meine Lieblingsfarbe ist das Grün der Wiesen, meine Lieblingsgetränk ist Milch" - muss man vom Allgäu her begreifen. Er kommt 1969 als jüngstes von sieben Kindern in Simmerberg zur Welt. Ein Dorf mit vier Häusern und einer Kapelle, gebettet in die Ausläufer der Kugel, dem höchsten Berg des Westallgäus. Weite Täler, saftige Weiden, prächtige Wälder - "und dahinter wird's richtig hoch mit herrlichem Blick bis runter auf den Bodensee".