Nach der Schallplatte könnte die Kassette das nächste analoge Speichermedium werden, das eine Renaissance erfährt – ganz entgegen dem überwältigenden Trend zum Digitalen. Liebhaber gehen zuletzt verstärkt zurück zum Tape. Und der Mainstream?

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Dass die Schallplatte wieder in ist, dürften inzwischen auch Menschen mitbekommen haben, die noch nie über den perfekten Klang für eine Aufnahme gestritten haben und Vinyl für das einzig selig machende Material halten, auf dem man Musik speichern kann. Zu dem breiten Schallplatten-Revival scheint sich ein zweiter Retro-Trend zu gesellen: die Rückkehr der Musikkassette, die im August 1963 das Licht der Welt erblickte.

Wobei Rückkehr vielleicht das falsche Wort ist. Die Kassette war ja nie weg. Sie schien nur veraltet, auf dem absteigenden Ast angesichts klanglich weit überlegener Alternativen wie (anfangs) der CD und später den etwa im MP3-Format codierten Digitalkopien. Ja, es ist wahrlich eine Mühe, Musik auf Kassetten zu kopieren. Und erst das Abspielen! Man muss spulen, das Tape vielleicht auf die B-Seite drehen, Bandsalat droht. Und der Sound ist vielleicht speziell, sicher aber nicht lupenrein und perfekt. Außerdem haben Kassetten nur eine begrenzte Lebensdauer.

Wegen all dieser Nachteile dürfte es den wenigsten schwergefallen sein, sich von den einst allgegenwärtigen Tapes zu verabschieden. Aus Kassettenspielern wurden CD-Player oder Autoradios mit USB-Anschluss. An der Supermarktkasse greift man spontan eh lieber zu Kaugummis als zu Magnetbändern; auch hier sind die Kassetten mittlerweile verschwunden. So richtig praktisch zu lagern waren sie ohnehin noch nie.

Echter, wärmer, „Do it yourself!“

Doch all die Dinge, die einst gegen die Kassette sprachen, sprechen jetzt irgendwie auch wieder für sie. Analog? Ist viel „echter“ als die flüchtige Digitalkopie; außerdem hat der Kauf einer Kassette etwas sehr Traditionelles, vielleicht auch Nostalgisches an sich, was die zunehmend von MP3s verdrängte, aber immer noch allgegenwärtige CD zumindest derzeit nicht zu bieten hat.

Auch das unhandliche Format muss kein Nachteil sein: Die Kassette lässt sich dafür sehr individuell gestalten, und man fällt als Kassettenhörer auf. Letzter Punkt: der Klang. Er steht Bands aus dem Punk- und Lo-Fi, generell aus dem „Do it yourself“-Sektor viel besser zu Gesicht als CDs; auf erstklassige Klangqualität legen diese Musiker ohnehin keinen Wert.

Wen wundert’s?

Kann es also noch verwundern, dass im Jahr 2011 weltweit fünf Millionen Kassetten mit Musik drauf verkauft wurden?

Wie der Trend zu Vinyl ist auch der zweite Frühling der Musikkassette eine Sehnsuchtsbewegung zurück zum analogen Speichermedium, das Nostalgie weckt und mit Attributen wie „warmer Sound“ versehen wird – oder mit dem Hinweis, dass man da „was in der Hand“ hat. Tatsächlich kann, wer will, heute so viel Hörspaß auf Kassette kaufen wie eh und je. Das gilt weniger wegen den Kinderhörspielen und sehr vereinzelt Schlagern, die immer noch auf Tape veröffentlicht werden, als vielmehr für besagte „Do it yourself“-Szene, einschließlich ihrer längst im Profibetrieb angekommenen Vertreter. Oder für Nischen wie Musik aus Westafrika oder aus der DDR.

Nur noch Kassetten hören

„I only listen to cassettes“: Dieses Zitat ist vom Sonic-Youth-Sänger Thurston Moore überliefert. Spätestens seit dieser deutlichen Ansage ist die Kassette wieder in vieler Leute Munde (und Ohren). Die Seite Bandcamp, über die Bands ihre Musik direkt vertreiben können, listet etwa weit mehr als 1500 Veröffentlichungen, die auf Kassette zu haben sind. Underground-Labels wie „aufnahme + wiedergabe“ aus Berlin oder dem englischsprachigen Raum haben schon seit einiger Zeit ganz selbstverständlich Kassetten im Programm – oft in Kleinauflagen, von Hand nummeriert und als Sammelobjekt entsprechend begehrt. Und am 7. September gibt es in Anlehnung an den traditionellen „Record Store Day“ und anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Musikkassette den ersten „Cassette Store Day“.

Gibt es also ein Kassetten-Revival? Im Kleinen ja, im Großen nein. Nach dem Zwischenhoch 2011 sanken die Kassettenverkäufe im Jahr 2012 wieder. Musik wird ganz überwiegend digital verkauft; daran kann weder die Schallplatte noch die Kassette etwas ändern. Letztere ist eher was für langjährige oder neu dazugewonnene Liebhaber. Auch wenn der Kassetten-Trend zugleich sehr elaborierte Kritik evoziert hat.

Als physische, im besten Fall kreativ gestaltete Ergänzung zur Digitalversion einer Aufnahme können sie aber auf keinen Fall schaden. Und vielleicht erwischt sich der eine oder andere Leser also demnächst beim Kauf einer neuen MC oder zumindest beim Stöbern nach den alten Mixtapes, die noch irgendwo im Keller lagern...