Reyerhof in Stuttgart-Möhringen Wer gerade Milch gibt, muss im Stall bleiben

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Der Reyerhof in Stuttgart-Möhringen ist ein Demeterhof, hat sich also den strengsten Bio-Richtlinien verschrieben. Trotzdem dürfen nicht alle Tiere auf die Weide. Woran hapert es?

Anna Laura Hübner mit der Kuh Fiona, die Zwillinge bekommen hat Foto: Julia Bosch
Anna Laura Hübner mit der Kuh Fiona, die Zwillinge bekommen hat Foto: Julia Bosch

Stuttgart-Möhringen - Fiona hatte Glück. Die Kuh hat vor zwei Monaten Zwillinge bekommen. Und weil Florin und Fauna so durstig sind, konnte Anna Laura Hübner die Kuh kaum mehr melken – Fiona hatte fast keine Milch übrig. Die 26-jährige Landwirtin, die die den Reyerhof in Möhringen gemeinsam mit Lukas Dreyer leitet, beschloss: Fiona darf mit ihren zwei Kälbchen den Stall an der Unteraicher Straße verlassen und auf eine gepachtete Streuobstwiese am Rohrer Weg umziehen.

Nicht alle können auf die Weide

„Wir würden uns wünschen, dass wir mit allen Rindern auf die Weide können“, sagt die Landwirtin. Denn auf der Wiese könnten die Tiere auf natürliche Weise Nahrung zu sich nehmen – nämlich indem sie Gras aus der Erde rupfen und dieses fressen. Für die Rinder im Stall wird zwar auch täglich frisches Gras geschnitten, allerdings müssen sie es sich dort nicht selbst erarbeiten, sondern sich nur an dem aufgetürmtem Grashaufen bedienen. „Der Weidegang entspricht den Kühen. Genau wie es ihnen entspricht, Gras zu fressen und nicht Soja oder Mais, nur damit sie mehr Milch geben.“

Hübner und Dreyer sind im Gespräch mit der Stadt, um eine Baugenehmigung zu erhalten und einen Stall auf eine der Wiesen bauen zu dürfen. Dann könnten alle Tiere von Frühjahr bis Herbst auf der Weide bleiben, dort würden sie dann auch gemolken werden. Bisher sei aber nichts spruchreif. Dem Reyerhof gehört nämlich keine einzige der genutzten Wiesen am Rohrer Weg und im Körschtal; alle Flächen sind gepachtet, teils von der Stadt, teils von Privatleuten.

Alle Rinder behalten ihre Hörner

Deshalb können bisher nur die Tiere auf die Weide gebracht werden, die gerade keine Milch geben – die sogenannten Trockensteher –, außerdem die Rinder, die noch nicht gekalbt haben, sowie die Kälbchen, die sich momentan von ihrer Mutter entwöhnen. Der Aufwand wäre zu groß, jeden Morgen nach dem Melken alle Tiere mit dem Viehhänger auf die Weide zu bringen und abends vor dem Melken wieder abzuholen, sagt Hübner. Zu Fuß können die Tiere nicht gebracht werden, weil der Hof mitten in Möhringen liegt.

„Immer wieder fragen Kunden im Hofladen nach, warum bei uns nicht alle Tiere nicht auf der Weide sind“, berichtet Hübner. „Wir sagen dann, dass dies aufgrund der Lage mitten in der Stadt nicht geht.“ Weil der Reyerhof aber ein Demeter-Hof ist, sich also den strengsten Bio-Richtlinien verschrieben hat, werden die Tiere dort dennoch artgerechter als auf vielen anderen Höfen behandelt: Alle Rinder dürfen ihre Hörner behalten. Kranke Tiere werden mit anthroposophischen, homöopathischen oder anderen Naturheilverfahren behandelt. Bei Milch sind Homogenisierung und Ultra-Hocherhitzung verboten. Der Reyerhof behält außerdem auch seine männlichen Kälbchen und verkauft sie nicht auf dem Kälbermarkt. Außerdem legt man Wert darauf, dass alles selbst vermarktet wird.

Beim Schlachten begleitet sie die Tiere

Weil im Winter nicht alle Tiere im Stall des Reyerhofs Platz haben, werden einige zwischen Herbst und Frühjahr zu zwei anderen Bio-Höfen in der Nähe gebracht. Kommt es zur Schlachtung, ist Anna Laura Hübner immer mit dabei: „Ich finde, das bin ich dem Tier schuldig“, sagt sie.

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