Rhetorik-Professorin Kerstin Kipp Mehr als nur Redeschnickschnack

Kerstin Kipp Foto: Marko Petz/Marko Petz
Kerstin Kipp Foto: Marko Petz/Marko Petz

Zum Wintersemester hat die Psychologin, Neuropsychologin und Sprecherzieherin Kerstin Kipp eine neue Professur für angewandte Rhetorik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart angetreten. Was macht sie ausgerechnet dort?

Kultur: Susanne Benda (ben)
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Stuttgart - Rhetorik? Das sind tolle, große Reden. Stimmt, meint Kerstin Kipp – aber nicht nur. „Rhetorik ist nicht nur ornamentaler Redeschnickschnack“, sagt sie. „Es geht um Kommunikation. Wir sind soziale Wesen, und für unser Zusammenleben brauchen wir Regularien. Um die auszuhandeln, müssen wir miteinander reden. Und damit dies funktioniert, müssen wir verständlich sprechen und andere von unseren Standpunkten überzeugen können. Am Ende finden wir in kooperativem Miteinander im Idealfall einen Konsens oder Kompromiss.“ Vor dem Hintergrund der aktuell so unüberbrückbar scheinenden gesellschaftlichen Gräben erscheinen einem diese Sätze wie die Verheißung von Erlösung.

Schon seit 2014 bekleidet die Psychologin, Neuropsychologin und Sprecherzieherin eine halbe Professur für Sprechwissenschaft an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Seit Beginn des Wintersemesters macht sie nun mit einer weiteren halben Professur für Angewandte Rhetorik die 100 Prozent voll. Beide Stellen gehören zum Institut für Sprechkunst und Kommunikationspädagogik, einer bei bundesdeutschen Musikhochschulen einzigartigen Einrichtung, die in Stuttgart den Bachelorstudiengang Sprechkunst (also professionellen künstlerischen Textvortrag) und Sprecherziehung und anschließend als Masterstudiengänge Mediensprechen, Sprechkunst und Rhetorik anbietet. Die neu geschaffene halbe Rhetorik-Professur wird zehn Jahre lang von der Berthold-Leibinger-Stiftung finanziert; anschließend hofft die Hochschule auf eine Verstetigung durch das Land.

In einem Seminar analysiert Kipp politische Talkshows

„Eigentlich“, sagt Kerstin Kipp, „sollten alle Kinder, die die Schule verlassen, ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, dass man Gespräche gestalten und leiten kann. Dass es Hilfsmittel, Regeln, Techniken gibt, die einem helfen, schneller zu besseren Vereinbarungen zu kommen, hinter denen die Menschen dann auch stehen.“ In ihren eineinhalb Jahren als Grünen-Stadträtin in Augsburg dürfte sie das selbst erprobt haben, und auch in ihren Rhetorik-Seminaren geht es sehr anwendungsorientiert zu. Zum Beispiel in einem Seminar zur Argumentation im Alltag, wo sie gerne mal politische Talkshows analysiert. Schon, um zu zeigen, „dass wir im Alltag auch fast nie Argumente mit zwei Prämissen und einer Konklusion geliefert bekommen, auf die wir dann sauber antworten – das geht alles durcheinander, und man muss gut zuhören, um damit umgehen zu können.“

Gemeinsam mit der Akademie für gesprochenes Wort hat die 50-Jährige zuletzt eine Studie zu Videomeetings erarbeitet. Aktuell forscht sie zur Frage, ob und wie sich der zunehmende Populismus in politischen Reden widerspiegelt. Aber: Was ist überhaupt Populismus, und in welchen Worten äußert er sich? Spannend! „Theorie und Praxis“, sagt Kerstin Kipp, „greifen in der Rhetorik stark ineinander. Dadurch sind wir gezwungen, die Theorie immer daraufhin zu prüfen, was wir wirklich für die Praxis brauchen. Und umgekehrt immer zu fragen: Welches Fundament muss ich haben, um begründen zu können, was ich tue?“




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