Rheuma Frühzeitige Behandlung rettet die Gelenke

Neue Behnadlungsmethoden verändern die Rheumatherapie grundlegend.  Foto: dpa
Neue Behnadlungsmethoden verändern die Rheumatherapie grundlegend. Foto: dpa

Dank neuer Therapiemethoden lassen sich die Folgen rheumatischer Erkrankungen deutlich abmildern. Hierfür sind aber Experten erforderlich.

Wissenschaft: Klaus Zintz (Zz)
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München - An nur wenigen Krankheiten lässt sich der Erfolg medizinischer Forschung so eindrucksvoll ablesen wie beim Rheuma: "Die neuen Behandlungsoptionen haben dazu geführt, dass die Betreuung von Patienten mit rheumatischen Erkrankungen drastisch anders ist als noch vor 15 Jahren", sagt Hendrik Schulze-Koops, der Leiter der Rheumaeinheit am Klinikum der Uni München. Diese modernen Therapieverfahren mit Hilfe von molekularbiologisch hergestellten Medikamenten, den sogenannten Biologika, seien ein wahrer "Quantensprung" gewesen, fügt der Experte an. Er ist auch Präsident des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, die in dieser Woche in München tagt.

Die biologischen Behandlungsmethoden hätten bei den Rheumapatienten dazu geführt, dass "wir heute jedwede Gelenkzerstörung vermeiden können", so Schulze-Koops. Er macht Betroffenen sogar die Hoffnung, dass dank der neuen Therapien lange Phasen ohne Medikamente und Symptome möglich seien. "Damit können wir erstmals einen Zustand erreichen, der die früher so behindernden und zerstörenden Erkrankungen für Monate bis Jahre in den Schlaf versetzt, sie vielleicht sogar beendet."

Der Schüssel zum Erfolg war die Erkenntnis, dass hinter der als Rheuma im engeren Sinne bezeichneten Krankheit chronische Entzündungsreaktionen stecken, die oft durch ein fehlgeleitetes Immunsystem verursacht werden (siehe Erläuterung). Etwa 30 Prozent dieser Autoimmunerkrankungen sind genetisch bedingt, wobei die Wissenschaftler vermutlich erst etwa ein Drittel der hierfür verantwortlichen Gene bereits identifiziert haben. In weiteren 30 Prozent der Fälle werden Umweltfaktoren verantwortlich gemacht, wozu auch das Rauchen gehört. In den restlichen 40 Prozent der Fälle ist es rätselhaft, warum das Immunsystem außer Kontrolle gerät und Gelenke und andere Teile des Körpers angreift.

Neue Behandlungsmethoden schonen die Gelenke

Immerhin ist nun bei zahlreichen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises die Ursache bekannt. Somit konnten gezielt Medikamente entwickelt werden, die an verschiedenen Stellen der Entzündungsprozesse, also in die sogenannte Entzündungskaskade, eingreifen. Ein Beispiel ist der Tumor-Nekrose-Faktor TNF. Gegen diesen für die Entzündung wichtigen Botenstoff gibt es nun spezielle Antikörper. Diese docken nach dem Schüssel-Schloss-Prinzip an den Botenstoff an und blockieren ihn so. Die Entzündung wird gestoppt, und zwar komplett, wie Schulze-Koops betont.

Anders als beim Cortison, das generell Entzündungen hemmt und damit viele Nebenwirkungen auslösen kann, sind die neuen, seit Ende der 90er Jahre eingeführten Behandlungsmethoden deutlich gezielter und damit effektiver und schonender. Und sie haben den großen Vorteil, dass sie nicht nur die Schmerzen lindern, sondern in die Entzündung eingreifen, also die Ursache bekämpfen. Mittlerweile seien zehn dieser Biologika-Verfahren für die Behandlung rheumatischer Erkrankungen zugelassen, das jüngste seit gut einem Monat, berichtet der Rheumaexperte. Billig sind sie allerdings nicht: Etwa 20.000 Euro pro Jahr und Patient sind zu veranschlagen. Doch dies ist nach Ansicht von Schulze-Koops gerechtfertigt: "Wenn diese Patienten nicht therapiert werden, entstehen später ähnlich hohe Kosten, um die Folgen der Krankheit zu bewältigen - bis hin zur Frühverrentung."

Zu diesen Folgen gehören vor allem die vom Rheuma zerstörten Gelenke. Der Erfolg der modernen Therapie lässt sich auch daran messen, dass bei denjenigen Patienten, die damit behandelt werden, weitaus weniger Gelenke operiert oder ersetzt werden müssen. Doch manchmal wird über Jahre hinweg mit Cortison therapiert, manchmal schlagen auch die Medikamente nicht richtig an. Dann ist es wichtig, möglichst frühzeitig zum Rheumachirurgen zu gehen: "Man darf nicht so lange warten, bis der Schaden da ist - Schäden am Knorpel lassen sich nicht reparieren", sagt Stephan Schill vom MVZ Gelenkzentrum in Rosenheim. Auch bei der Behandlung von Gelenken, die vom Rheuma bereits deutlich gezeichnet sind, hat sich in jüngster Zeit viel getan: "Wir können mit minimal-invasiven Verfahren die entzündlich veränderte Gelenkschleimhaut entfernen, bevor es zu dauerhaften Schäden kommt", so Schill.

In Deutschland gibt es zu wenige Rheumaexperten

Das Problem ist jedoch, dass viele der Betroffenen von den neuen modernen Behandlungsmethoden gar nicht profitieren. Entweder geht der Patient trotz seiner Gelenkschmerzen nicht zum Arzt. Oder der Hausarzt erkennt die Ursache nicht, behandelt nur die Schmerzen und überweist den Patienten nicht zum Rheumatologen. So rechnen die Experten, dass in Deutschland nur zehn bis zwölf Prozent der Betroffenen adäquat behandelt werden. Hinzu kommt die lange Wartezeit: Der Selbsthilfeverband Deutsche Rheuma-Liga geht davon aus, dass vom Beginn der Symptome bis zur Diagnose durch einen Rheumatologen rund ein Jahr verstreicht. In dieser Zeit können die Entzündungsprozesse mehr oder weniger stark voranschreiten und entsprechend stark die Gelenke schädigen.

Ein großes Problem ist dabei, dass es in Deutschland zu wenige Rheumaexperten gibt. "Ideal wäre es, wenn es pro 50.000 Erwachsene einen Rheumatologe gäbe", sagt Erika Gromnica-Ihle, die Präsidentin der Rheuma-Liga. Doch statt der erforderlichen 1350 Experten gab es laut der letzten Erhebung im Jahr 2008 nur 621 Rheumatologen. So verwundert es nicht, dass viele Patienten lange warten müssen, bis sie nach der Überweisung durch den Hausarzt endlich einen Termin beim Rheumatologen bekommen. Und eine Besserung dieser Situation scheint derzeit nicht wirklich in Sicht, zumal es an den deutschen Universitäten nur sechs ausgewiesene Lehrstühle für Rheumatologie gibt.

Daher ist es ein wichtiges Anliegen des Münchner Kongresses, die bestehenden Strukturen an den Kliniken besser zu vernetzen und auch die Aufklärung der Bevölkerung so zu verbessern, dass die Patienten früher zur Behandlung kommen. Dazu können diese auch selbst beitragen und auf ihren Körper achten: Wenn länger als sechs Wochen mehr als zwei Gelenke dauernd geschwollen sind und wenn sich die Gelenke morgens länger als eine Stunde lang steif anfühlen, dann sollte man dem Verdacht nachgehen, dass entzündliches Rheuma vorliegt und den Hausarzt aufsuchen. Auch sollte man sich beim Rheumatologen um einen möglichst frühzeitigen Termin bemühen. Immerhin würden viele Rheumakliniken und niedergelassene Fachärzte Sprechstunden zur Früharthritis anbieten, hieß es im Vorfeld des Münchner Rheumakongresses. Hier sollten die Patienten dann binnen weniger Tage einen Termin bekommen.

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