Ricarda Lang spricht offen über ihren Wandel nach dem Rücktritt. Sie kritisiert Zynismus in der Politik und fordert mehr Bürgerbeteiligung. Was bedeutet das für die Grünen?
Ricarda Lang, die ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen, steht immer noch regelmäßig im Rampenlicht. Ein Interview mit der Berliner Zeitung hat nun erneut für Aufsehen gesorgt. Was hat die Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis 269 (Backnang / Schwäbisch Gmünd) gesagt, und wie sind ihre Aussagen zu interpretieren?
Lang beschreibt ihren Rücktritt nach dem enttäuschenden Abschneiden der Grünen bei den ostdeutschen Landtagswahlen als reflektierte, selbstbestimmte Entscheidung. Es habe sich damals angefühlt „wie ein negativer Sog“, erklärt sie.
Ricarda Lang: „Ich wurde roboterhafter, ohne es zu merken“
Der Schritt sei schwer gewesen, habe ihr aber einen „großen Freiheitsgewinn“ gebracht. Rückblickend erkennt sie, wie sehr sie sich im Amt selbst limitiert hatte: „Ich habe mich immer stärker in einem Hamsterrad bewegt, wurde roboterhafter in der Sprache, ohne es zu merken.“
Seitdem hat Lang ihr Leben völlig neu organisiert – sie holte ihren Jura-Abschluss nach, hat geheiratet und 40 Kilo abgenommen. Über ihren Gewichtsverlust spricht sie bewusst öffentlich, will aber keine Diättipps geben, um andere nicht zu „triggern“.
Ricarda Lang rät zu Selbstkritik statt Wählerbeschimpfung
Politisch zeigt sich Lang sowohl entschlossen als auch selbstkritisch. Sie warnt vor einem gefährlichen Zynismus in der Politik – wenn Politiker den Bürgern unterschwellig zu verstehen geben: „Ihr seid zu doof, um zu verstehen, was gut für euch ist.“ Diese Kritik richtet sie insbesondere an die kläglich gescheiterte US-Präsidentschaftsbewerberin Kamala Harris. Diese hatte kürzlich sogar die Chuzpe, öffentlich über eine erneute Kandidatur zu spekulieren.
Ricarda Lang kritisiert, dass Harris nach ihrer Wahlniederlage gegen Donald Trump bei Auftritten zu einer Buchtour „trotzig“ gewirkt habe, als hätte sie alles richtig gemacht und die Wähler hätten es nur nicht verstanden. Die mitunter ebenso pampig wirkende Ex-Kanzlerin Angela Merkel, die sich anders als alle ihre Amtsvorgänger auch im Ruhestand immer wieder ungefragt zu allen möglichen Themen äußern will, erwähnt Lang jedoch nicht.
„Das ist selbstgerecht und zynisch“, urteilt Lang jedenfalls über Harris. Sie sieht darin einen „gefährlichen Reflex“, der von den Menschen entfremde. Statt den Wählern die Schuld zuzuschieben, müssten sich Parteien fragen, warum Menschen ihnen das Vertrauen entziehen.
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Ricarda Lang zeigt Respekt vor „altem weißen Mann“
Pointiert ist auch Langs neue Haltung zum „alten weißen Mann“ – ein Begriff, der in progressiven Kreisen oft als Symbol für vermeintlich ungerechtfertigte Privilegien bestimmter Bevölkerungsgruppen ohne Migrationshintergrund verwendet wird. Lang will dieses Denken hinter sich lassen und betont, dass manche Männer „in strukturschwachen Regionen leben, in zwei Jobs ackern und trotzdem kaum über die Runden kommen.“
Soziale Fragen statt Kulturkampf – können die Grünen das?
Die Grünen sollten sich laut Lang weniger in sinnlosen Kulturkämpfen verlieren und stattdessen wieder stärker soziale Fragen wie Mieten, Vermögen und Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen. Gerade im Osten Deutschlands sieht sie ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Parteiensystem, dem die Grünen mit mehr Bürgerbeteiligung begegnen sollten, anstatt Moralpredigten zu halten.
Das alte deutsche Wirtschaftsmodell – günstige Energie, Exporte und China-Abhängigkeit – lässt sich nicht wiederbeleben, glaubt Lang anders als manche in Union und SPD. „Wir werden die Dinge grundlegend umstellen müssen“, sagt sie und plädiert für eine stärkere Ausrichtung der Ökonomie auf Binnenwirtschaft und Gemeinwohl.
Ricarda Langs Kritik an Merz und der CDU
In der Migrationspolitik scheint Ricarda Lang dagegen eher auf klassischen grünen Positionen zu beharren statt auch hier einmal Selbstkritik für negative Entwicklungen seit 2015 zu üben: „Es gibt Zickzack-Kurse und den Versuch, die AfD klein zu machen, indem man ihre Thesen übernimmt“, kritisierte sie im „Focus“ kürzlich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Aussagen zum „Stadtbild“.