Richtlinie für Schulbauten Trend zum flexiblen Klassenraum

Kinder sollen gern zur Schule Foto: dpa
Kinder sollen gern zur Schule Foto: dpa

Laut einer deutschlandweiten Studie schneidet Baden-Württemberg bei der Schulraumgestaltung besonders schlecht ab. Das soll sich jetzt ändern. Eine Arbeitsgruppe soll sich ab Juli um dieses Problem kümmern.

Landespolitik: Renate Allgöwer (ral)

Stuttgart - Bei den pädagogischen Konzepten ist Baden-Württemberg zurzeit an Reformeifer kaum zu übertreffen. An den notwendigen Räumen für die innovativen Pläne fehlt es dagegen. Die Schulbauförderrichtlinien stammen noch aus den sechziger Jahren, Raumkonzepte und Flächenvorgaben hinken den modernen Ansprüchen weit hinterher.

Das Kultusministerium wird voraussichtlich Anfang Juli eine Arbeitsgruppe einrichten, in der externe Experten die Richtlinien überarbeiten. Mit dabei seien Vertreter der kommunalen Landesverbände und Architekten. Erste Zwischenergebnisse werden nicht vor dem vierten Quartal erwartet, die endgültigen Änderungen sind erst für 2014 vorgesehen. Natürlich sollen die Räume so sein, dass die neuen Konzepte und auch der Ganztagsbetrieb in den Schulhäusern möglich wird, erklärt das Ministerium auf eine Anfrage der CDU. Die Anforderungen würden mit den Kommunen abgestimmt.

Ein Grundschüler hat im Schnitt nur zwei Quadratmeter Platz

Dabei könnte eine Studie weiterhelfen, die der Stuttgarter Architekturprofessor Arno Lederer zusammen mit Barbara Pampe von der Universität Stuttgart, dem Überlinger Pädagogen Otto Seydel und der Bonner Montag-Stiftung erstellt hat. Sie vergleichen die Schulbaurichtlinien ausgewählter Bundesländer und der Regionen Zürich und Bozen. Dabei schneidet Baden-Württemberg schlecht ab. Hierzulande sind für einen Grundschüler gerade mal zwei Quadratmeter Fläche im Klassenzimmer vorgesehen, in Köln sind es drei und in Zürich sogar 3,6 Quadratmeter. „Schulbauten sind die Hardware für die Pädagogik“, sagt Lederer. In ihrem jetzigen Zustand seien die Klassenzimmer ungeeignet für die neuen pädagogischen Konzepte.

Häufig fehle es schon am barrierefreien Zugang, dabei sollen unter dem Stichwort Inklusion künftig behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Vor allem die Ganztagsschule und die Idee des individuellen Lernens erfordert andere Räume.

Die Architekten und Pädagogen wollen sich nicht länger auf die Klassenzimmer fixieren. Kleingruppenzimmer und vielfältig nutzbare Flure sollen Rückzugsräume bieten. Die Experten regen Forschungen darüber an, wie viel Fläche zwingend notwendig wäre, um differenzierte Lernformen umzusetzen. Auf jeden Fall sollten künftige Schulbaurichtlinien nicht mehr vorschreiben, wie groß einzelne Räume sein sollten, empfehlen die Experten. Je nach Konzeption der Schule könnte die allgemeine Unterrichtsfläche aus großzügig dimensionierten Klassenzimmern bestehen oder aus Klassenzimmern mit Gruppenraum und Leseecken sowie Arbeitsplätzen auf den Fluren.

Die Räume sollen nicht mehr starr festgelegt werden

So wie die Schulen individuelle Lernkonzepte entwickeln können, sollten die Gemeinden auch bei den Räumlichkeiten nicht durch starre Festlegungen eingeschränkt werden. „Ein Musterraumprogramm, das von einer Schule ausgeht, wie sie vor hundert Jahren gedacht und geplant wurde, ist nicht mehr angemessen und sinnvoll“, betonen die Autoren der Studie. Statt dessen sollten die staatlichen Fördermittel den Schulen als Pauschale überwiesen werden.

Auf Empfehlungen setzen die Experten dagegen, wenn es um die Lehrerarbeitsplätze geht. Sie kritisieren in ihrem Vergleich, der Ausbau der Ganztagsschulen habe nur in Ausnahmefällen dazu geführt, dass ausreichend Arbeitsplätze für Lehrer geschaffen worden seien. Auch die Arbeitsstättenrichtlinien würden bei der Planung bisher nicht berücksichtigt.

Nicht vernachlässigen sollten künftige Richtlinien auch die Ästhetik. Zu wenig komme bisher die architektonische Qualität in den Empfehlungen vor. Dabei gilt der Raum häufig als „der dritte Pädagoge“. Die Studie betont ausdrücklich, ästhetisch ansprechende Räume wirkten sich günstig auf die kulturelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus.

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