Richtungsentscheidung in Südafrika Die wichtigste Wahl des neuen Südafrika

Von Johannes Dieterich 

Geht die Republik weiter den Weg in die Korruption oder den Sonderweg zum Modellstaat?

ANC-Chef Cyril Ramaphosa kündigt eine radikale Reinigungskur  an. Foto: dpa
ANC-Chef Cyril Ramaphosa kündigt eine radikale Reinigungskur an. Foto: dpa

Johannesburg - Samstagmittag um zwölf, in der Mhlanga-Straße in Soweto wird das Wochenende gefeiert. Frauen schlendern auf der Teerstraße vom Einkaufen nach Hause, ein paar Teenager spielen Fußball. Die adretten Häuser der Straße sind mit Mauern vor begehrlichen Blicken geschützt, in jeder zweiten Toreinfahrt ist ein Fahrzeug geparkt. „Du siehst, hier hat sich viel verändert“, sagt Lawrence: „So trostlos wie damals ist es längst nicht mehr.“ Als wir uns vor 25 Jahren hier kennenlernten, war die Mhlanga Road noch eine Staubstraße mit winzigen Häuschen; Mauern oder Fahrzeuge gab es so gut wie keine. Nach Einbruch der Dunkelheit eilte jeder nach Hause, weil es draußen viel zu gefährlich wurde.

Fast täglich lieferten sich ANC- und Inkatha-Anhänger, weiße Sicherheitskräfte und schwarze Jugendliche Gefechte: Das „neue Südafrika“ wurde unter blutigen Geburtswehen geboren. „Man mag gar nicht mehr daran denken“, sagt Lawrence. Trotzdem drängt sich die Erinnerung auf: Die Südafrikaner werden an diesem Mittwoch wieder zu den Wahlurnen gerufen – wie fast auf den Tag genau vor einem Vierteljahrhundert, als die schwarze Bevölkerung erstmals abstimmen durfte. Die Wahl wird die wichtigste des neuen Südafrika sein, sagen Experten: Von ihr hängt ab, ob der 55-Millionen-Staat weiter den afrikanischen Weg in die Vetternwirtschaft, Korruption und soziale Konflikte geht oder den Sonderweg zu einem Modellstaat findet. Der ANC-Chef Cyril Ramaphosa kündigte eine radikale Reinigungskur der verrotteten Regierungspartei an.

Die Schulausbildung bis zum Abitur ist inzwischen kostenlos

Mmabatho Mokwena wäre dazu sogar bereit: „Man muss dem ANC mehr Zeit geben. Die weißen Kolonialisten haben unser Land über 300 Jahre lang beherrscht.“ Mit Nelson Mandela habe es vor 25 Jahren auch gut begonnen: Die schwarzen Townships wurden aufgemöbelt, über drei Millionen Häuschen für mittellose Familien gebaut. Inzwischen ist die Schulausbildung bis zum Abitur kostenlos: Fast alle jüngeren Bewohner der Mhlanga-Straße besuchten die nahegelegene Highschool Morris Isaacson, von der im Juni 1976 der Schüleraufstand gegen das Apartheidregime ausging. Die 24-jährige Mmabatho bestand ihr Abitur, ein Studium konnte sie sich aber nicht leisten. Nur gelegentlich bekommt sie als Produktwerberin einen Job. Das größte Problem seien die fehlenden Arbeitsplätze, sagt Mmabatho: „Das ist unter ‚Msholozi‘ schlimmer geworden.“

Tatsächlich führte „Msholozi“ alias Jacob Zuma das Land an den wirtschaftlichen Abgrund. Seine zehnjährige korrupte Herrschaft soll Südafrika mehr als 30 Milliarden Euro gekostet haben: Die Bevölkerung ist heute ärmer als vor sechs Jahren, dafür steigt die Arbeitslosenquote unaufhaltsam an, sie liegt bei fast 30 Prozent.

Südafrika gilt als ungerechtester Staat der Welt

Mmeli Gebashe wird zornig, wenn er darauf zu sprechen kommt. Der 22-Jährige ist Lehramtsstudent der Johannesburger Witwatersrand-Universität, die ihn kürzlich für ein Jahr vom Studium suspendierte. Als Mitglied der Economic Freedom Fighter (EFF) hatte er an Protestaktionen gegen Studiengebühren teilgenommen, die in Straßenschlachten mit der Polizei endeten. Käme Mmelis „Commander in Chief“, der EFF-Präsident Julius Malema, an die Macht, wäre es um Südafrika vollends geschehen, sind sich Beobachter einig: Die von dem militanten Populisten geforderte Enteignung weißer Farmer und die Verstaatlichung von Minen würden der lahmenden Wirtschaft vollends den Todesstoß versetzen. Mmeli sieht das natürlich anders: „Es wäre der Anfang einer gerechten Verteilung der unglaublichen Reichtümer dieses Landes.“

Südafrika gilt heute als ungerechtester Staat der Welt. Die Ökonomischen Freiheitskämpfer hätten das Wohl des ganzen Landes im Auge, sagt Mmeli: Werde sich an den Besitzverhältnissen nichts Grundsätzliches ändern, würde Südafrika irgendwann von Aufständen zerfetzt.