Ricky King Der Gitarren-Zauberer
Man kennt ihn als Musiker für Kerzenschein-Abende. Aber tief in seinem Innern ist er auch ein Rock’n’Roller. Auf einen Milchkaffee mit dem 75-jährigen Ricky King.
Man kennt ihn als Musiker für Kerzenschein-Abende. Aber tief in seinem Innern ist er auch ein Rock’n’Roller. Auf einen Milchkaffee mit dem 75-jährigen Ricky King.
Weinheim - In ihrem Roman „In der ersten Reihe sieht man Meer“ widmen sich die Erfolgsautoren Klüpfel/Kobr den Jugenderinnerungen an eine Urlaubsfahrt an die Adria: „Ich zuckte zusammen, als Papa in der Seitenablage kramte, um dann triumphierend zu verkünden: ,Ich hab Ricky King dabei.‘ Um Himmels willen nein, schrie alles in mir. Die Lieblingsmusik meiner Eltern. Dieser King hatte seinen Erfolg darauf begründet, schlimme Schlagerschnulzen noch schlimmer auf der Elektrogitarre nachzuspielen. ,Papa, Gnade, wir können doch auch . . .‘ – ,Nein, das bleibt‘, erstickte meine Mutter jeglichen Widerspruch und legte Papa bei den ersten Gitarrenklängen verträumt die Hand auf den Oberschenkel. ,Für uns ist schließlich auch Urlaub.‘“
Sein Legato-Spiel vor weicher Orchesterwoge klang nach Liebesgeflüster bei Kerzenschein. Sein Künstlername klang schon immer ein bisschen zu englisch, um echt zu sein. An Ricky King hatten die Feuilleton-Kritiker keine große Freude: Manche nahmen ihn gar nicht wahr, andere taten seine Lieder als Hintergrundmusik ab. Auch das junge Publikum konnte er mit seiner Elektrogitarre nicht so für sich gewinnen. Wenn schon reine Instrumentalmusik, dann lieber von cooleren Typen wie Carlos Santana oder Jean-Michel Jarre. Trotzdem flog er ganz hoch.
Sein Name hat sich ins kollektive Gedächtnis gegraben. Und wer ein gewisses Alter hat, fängt beim Stichwort Ricky King heute noch an, gleich eine Melodie zu summen, oft die von seinem größten Hit „Verde“: La . . . lalalala . . . lalalala . . . lalalala . . .“ Und dann wird er sie den ganzen Tag nicht los.
Er sitzt mit seiner Frau Birgit in einem Café in der Altstadt von Weinheim. Die Haare nicht mehr ganz so voll und schwarz wie früher, lange Gitarristen-Fingernägel, Brille, die Uhr fest um das Handgelenk gebunden. Er ist jetzt 75.
Hier geht das Ehepaar öfters durch den Schlossgarten spazieren, hier ist er Hans Lingenfelder. Manchmal dreht sich ein Tourist nach ihm um: „Sind Sie nicht der Herr King?“ Junge Leute nehmen ihn kaum wahr. Wenn die wüssten, an wem sie da vorübergehen. Dass dieser unglamouröse ältere Mann zig Goldene Schallplatten eingespielt hat und mit fast sieben Millionen verkauften Tonträgern einer der erfolgreichsten Instrumentalmusiker der Welt ist. Ein Star.
Hans Lingenfelder wächst mit vier Geschwistern in einer Mietwohnung gegenüber dem Rastatter Schloss auf. Vier Meter hohe Decken und riesige Räume, die man im Winter kaum warm kriegt. Mit den Nachbarsjungen macht Hans den Schlosshof zu seinem Spielplatz. „Eine tolle Kindheit“, sagt er.
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Als Zehnjähriger hört er die Lieder mit, die auf dem Plattenteller seiner älteren Schwester kreisen. So will er auch spielen können. Wie diese Rock’n’Roller. Mit zwölf nimmt er Gitarrenstunden bei einem Geigenvirtuosen. Nur von Gitarre hat der gute Mann nicht viel Ahnung. Das meiste bringt Hans sich selber bei. Mit der Band der katholischen Jugend steht er zum ersten Mal auf einer Bühne und kommt sich mit seiner Höfner-Gitarre für 250 Mark vor wie sein Vorbild Hank Marvin von den Shadows.
Als 16-Jähriger spielt er mit den Rocking Stars in amerikanischen Beatschuppen. Nebenbei lernt er Rundfunk- und Fernsehtechniker bei Schaub-Lorenz und nimmt Unterricht bei einem Jazz-Gitarristen. Er wechselt zu den Moonlights. „Die Moonlights waren die musikalischere Gruppe mit schweren Akkorden und schwerem Satzgesang“, sagt er. Und auch sonst passen sie besser zu ihm: Die Rocking Stars sind eher die rauen und rotzigen, sie ziehen ein Publikum an, bei dem es auch mal mit Fäusten zur Sache geht. Die Moonlights sind braver. Hans Lingenfelder ist keiner für Sex und Drugs. Nur für Rock ’n’ Roll. „Ich hab nie Drogen genommen, nie geraucht, keinen Tropfen Alkohol getrunken, wenn ich noch fahren musste.“ Und auch sonst nie über die Stränge geschlagen.
Nach der Lehre studiert er Musik. So will er auch spielen können. Wie Julian Bream, der Hexer an der Laute und Gitarre. Oder wie der unfassbare Jazzer Wes Montgomery mit seiner Oktaventechnik. Hans Lingenfelder kauft sich eine Ramirez-Gitarre für 3600 Mark. Abends spielt er in US-Clubs und bei Tanzveranstaltungen. Drei, vier Auftritte die Woche reichen locker, um sein Leben zu finanzieren. Er braucht eh nicht viel.
Nächste Station sind Joy Flemings Hit Kids, die wegen ihres Könnens auch als Studiomusiker und auf Galas gefragt sind. Er begleitet Schlagerstars wie Bernd Clüver, „ein sensibler Mann“, Drafi Deutscher, „verrückter Kerl“, Costa Cordalis, „der absolute Showtyp“. Weltstars wie Caterina Valente, Albert Hammond, Kris Kristofferson, Neil Diamond. Er spielt für die Flippers Platten ein: „Auf der Bühne waren sie in ihrem Element, aber im Studio kommt es auf Perfektion an, da muss man schnell reagieren.“
Er bedient viele Projekte gleichzeitig. Eines ist 1976 der Versuch als Solokünstler Cliff King. Sein erster Titel: das Instrumentalstück „Verde“, ursprünglich die Eingangsmelodie einer italienischen Fernsehdokumentation über die Partisanenrepublik Ossola. Das Lied macht auch gleich Ärger. Der Künstlername ist bereits bei der Gema geschützt. Und dann ist Lingenfelder als Mitglied der Hit Kids auch noch bei CBS unter Vertrag, während sein „Verde“ bei BASF veröffentlicht wird. Die Single muss neu gepresst werden. Jetzt steht da „Ricky King“. Auf dem Cover ist auch nicht mehr er abgebildet, sondern ein Double von hinten. „20 000 Platten waren schon verkauft. Normalerweise ist das tödlich, wenn man in dieser Phase noch den Namen ändern muss.“ Aber „Verde“ beißt sich durch.
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Ricky King hat es schon gar nicht mehr auf dem Schirm, als ihn bei einer Bädertournee mit Costa Cordalis die Schweizer Sängerin Paola anspricht: „Weißt du eigentlich, dass du bei uns auf Nummer eins bist?“ In Deutschland schafft „Verde“ Platz drei, in Österreich vier. „Meine Idee mit dem Echo hatte gezündet, das war ein Erkennungseffekt. Und dann hörte der Erfolg nicht mehr auf, das war gigantisch“, sagt Ricky King.
Auf einer Gala von Burda lernt er Birgit kennen. Anfangs hatte sie oft Heimweh nach ihm, erzählt sie, weil er viel mit der Band unterwegs war. Seit er sich in Ricky King verwandelt hat, begleitet sie ihn. Seit 45 Jahren machen sie alles zusammen. Das half auch immer, wenn weibliche Fans zu eindeutig Rickys Nähe suchten. Ein Satz reichte: „Darf ich vorstellen, meine Frau.“
Als zweites Single-Lied wählt Ricky King eine spanische Gitarrenmelodie aus dem 19. Jahrhundert. „Le Rêve“ schafft es in den deutschsprachigen Ländern wieder in die Top Ten. 1981 hat er mit „Halé, hey Louise“, komponiert von Dieter Bohlen, einen weiteren Single-Hit, sein einziger mit Text: ein weiblicher Backgroundchor singt 23-mal „Halé, hey Louise“. Das zugehörige Album wird zur Goldenen Schallplatte – Bohlens erste. Von 1976 bis 1983 hat Ricky King jährlich ein Album in den Top 25 der deutschen Charts. Sein „Zauber der Gitarre“ schlägt genauso ein wie seine Weihnachtslieder. Er überführt klassische Stücke wie die „Mondscheinsonate“ oder „Die Moldau“ in die Klangwelt seiner blütenweißen Fender Stratocaster. Oder er schafft Südseeträume mit den Songs seiner Karibik-LP. Er ist immer im Geschäft, sein Publikum ihm immer treu geblieben. Nach einer Flaute Mitte der 80er gab es in den 90ern wieder einen Schub. „Mein Name ist tief verankert, das ist mein Vorteil“, sagt er.
Und das alles mit Musik ohne Gesang, die im Pop- und Schlagergeschäft seit je ein Schattendasein führt. Aber wenn man eine Weile überlegt, fallen einem doch einige Hits und Evergreens ein: „Der dritte Mann“, „Take Five“, „Apache“, „Pink Panther“, „Albatross“, „Samba pa ti“, „Oxygene“, „Ballade pour Adeline“, „Bilitis“, „Axel F.“, „Crockett’s Theme“, „Lily was here“, „Das Boot“. Und wenn man dann noch weiter überlegt, immer mehr.
Ricky King wurde oft beschmunzelt. Getroffen habe ihn das nie, sagt er. „Ich bin Musiker, ich mache keine Unterschiede, ob Bach oder Jazz, ich stehe zu jeder Musik.“ Und es sei eben nicht so, wie manche behaupteten, dass seine Lieder jeder spielen kann. „In den Klangbildern steckt mein Harmoniegefühl drin: Wie man Farben macht, wie man Melodiebögen bildet, wie man ein Lied zum Atmen bringt. Wie ein Lied das Herz der Leute erreicht, ohne dass sie sich überhaupt Gedanken machen müssen, warum.“ Er hat manche scheitern gehört, die ihn nachspielen wollten. „Hinzu kommt“, sagt seine Frau, „das Publikum spürte immer: Das ist kein Star auf der Bühne, sondern ein Mensch.“
Hans Lingenfelder ist allürenfrei. Wenn er seinen Milchkaffee verschüttet, entschuldigt er sich zehnmal bei der Bedienung. Fragt, ob sie ihm vielleicht einen Lappen zum Aufwischen geben könnte. Wenn er auf dem Smartphone eins seiner Lieder vorspielen will und sich mit der Lautstärke vertut, ist ihm das sichtlich unangenehm vor den anderen Gästen in dem Café.
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In Weinheim besaßen die Lingenfelders ein Haus mit großem Garten. Sie haben es verkauft und sich kleiner gestellt. „Statussymbole bedeuteten uns eh noch nie etwas“, sagt Hans Lingenfelder. Die Gartenarbeit vermisst er ein bisschen, „aber dafür sind wir jetzt viel freier“. Sie haben sich in einer Mietwohnung eingerichtet, nicht weit von Weinheim. Hier haben sie alles, was sie brauchen: gute Freunde – alle jenseits der Showbranche. Arzt, Friseur, Supermarkt – alles fußläufig zu erreichen. Man muss ja auch daran denken, dass man irgendwann vielleicht nicht mehr so mobil ist.
Ricky King hat jetzt wieder eine CD aufgenommen, eine kleine Tournee ist wegen Corona aufs nächste Jahr verschoben. Er kann sich aussuchen, was er machen will. Er hat gut vorgesorgt und auch immer in die Künstlersozialkasse eingezahlt.
Mehr als 20 Gitarren, Mandolinen, Bouzoukis stehen daheim. Die Gibson Les Paul mit ihrem dicken Ton mag er besonders und natürlich seine hell singende Stratocaster. Er spielt jeden Tag. Ob morgens auf der Küchenbank ein paar spanische Melodien oder abends neben dem Fernsehen Technikübungen mit dem Kopfhörer. Dabei kann er seine Erinnerungen fließen lassen. An die DDR-Tour 1982 zum Beispiel. Damals mit ständigem Stasi-Aufpasser an der Seite. Nach den Konzerten gab der dann Anweisungen: Auf keinen Fall das Medley ansagen mit „Ich nehm euch alle mit auf die Reise“. Und den Musical-Song „I like to be in America“ ganz weglassen. Nein, dass der instrumental ist, spielt keine Rolle. Ricky King hielt sich dran.
Aber das mit den Erinnerungen ist so eine Sache. So viele Showkollegen leben schon nicht mehr: Bernd Clüver, Costa Cordalis, Drafi Deutscher, Joy Fleming. „Da wird einem immer bewusster, dass man zu der Generation gehört, wo das ansteht.“ Die Lingenfelders strotzen vor Gesundheit. Tabletten kennen sie nicht. „Das sind die Gene und der Lebenswandel“, sagt Ricky King.