Rielingshäuser bei Paralympics Mit Prothesen aus dem 3D-Drucker nach Peking
Para-Snowboarder Christian Schmiedt aus Rielingshausen ist für die Paralympics im März nominiert worden.
Para-Snowboarder Christian Schmiedt aus Rielingshausen ist für die Paralympics im März nominiert worden.
Marbach-Rielingshausen - Seit vergangenem Freitag hat Christian Schmiedt Gewissheit: Der Rielingshäuser fliegt nach Peking. Denn an diesem Tag hat der Deutsche Behindertensportverband (DBS) die Nominierung für die Paralympics bekannt gegeben, und Christian Schmiedt gehört zum deutschen Snow-boardteam. Die Qualifikation hatte er bereits mit dem siebten Platz im Banked Slalom bei den Weltmeisterschaften Ende Januar im norwegischen Lillehammer geschafft. „Aber Qualifikation und Nominierung sind ja immer zwei Paar Schuhe“, sagt der 33-Jährige.
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So froh er über die Nominierung ist, mit dem Verlauf der WM ist er nicht vollends zufrieden. „Platz sieben im Banked Slalom war gut. Auch die Qualifikation im Snowboard-Cross lief gut. Aber im Viertelfinallauf hat dann der Fahrer vor mir einen Speed Stop gemacht. Der Kurs war immer eisiger und schneller geworden, da hat er wohl Angst bekommen. Ich musste ausweichen und habe an der nächsten Schanze einen Abflug gemacht“, erzählt Schmiedt. Die Niederlage im Banked Slalom, wo immer zwei Fahrer auf parallelen Kursen gegeneinander antreten, gegen den späteren Weltmeister Noah Elliot akzeptiert er dagegen ohne jeglichen Groll. „Der Typ ist eine Maschine. Der macht das auch professionell.“
Bei Christian Schmiedt sind aufgrund einer Dysmelie alle vier Extremitäten nicht vollständig ausgewachsen. An beiden Händen hat er nur je drei Finger. „Am linken Unterschenkel war mal ein Fuß dran. Allerdings hat dann der Knochen aufgehört, und da kamen nur noch Weichteile, die amputiert wurden. Und rechts ist halt einfach kein Fuß gewachsen. Woher es kommt, weiß man nicht.“ Er trägt also Unterschenkelprothesen an beiden Beinen. Eine wirkliche Beeinträchtigung im Alltag sieht er darin aber nicht: „Ich habe ab und zu mal Stumpfschmerzen, wenn ich das Bein zu sehr belaste. Aber die Prothesen sind ja mittlerweile hightech. Die Liner, die auf den Stumpf kommen, werden inzwischen im 3D-Drucker gefertigt. Da wird der Stumpf vorher abgescannt, das sitzt wie eine zweite Haut.“ Und zum Snowboarden wird seit Neuestem noch ein spezieller Fuß angeschraubt. „Da ist ein Dämpfer drin, der eine Funktion wie ein Sprunggelenk hat. Die hat ein Konkurrent aus den USA erfunden. Damit kann man auch Schläge abfedern, wenn man auf der Kante fährt. Vorher musste ich das alles mit dem Oberschenkel machen“, erklärt Schmiedt.
Dass er überhaupt auf dem Snowboard steht, findet der Rielingshäuser nicht ungewöhnlich. „Wir hatten immer einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Als ich etwa zehn Jahre alt war, sind einige zum Snowboarden gegangen – und ich wollte halt auch. Meine Eltern waren da immer offen und haben gesagt: ,Probier’s aus. Wenn’s dich auf die Schnauze haut, dann ist es halt so.’ Und so bin ich dann mit dem Skiclub Erdmannhausen das erste Mal zum Snowboarden gefahren“, erinnert er sich. Auf „die Schnauze gehauen“ hat es Christian Schmiedt aber gar nicht so oft. „Es ging zum Teil sogar besser als bei manchen ohne Handicap.“ Also blieb er dabei.
Im Jahr 2013 erfuhr er schließlich über eine Freundin, dass es auch Para-Snowboard-Wettkämpfe gibt. „Ab 2014 bin ich dann mitgefahren – als Selbstzahler.“ Das konnte pro Saison schon mal 2500 Euro kosten. Vom DBS gab es noch keine Mannschaft. „Wir haben alles versucht, dort auch angerufen – aber die haben uns irgendwie nicht so für voll genommen. Wir wurden zwar für Rennen angemeldet, aber mussten eben für alles selbst bezahlen.“ Mit „wir“ meint er sich und seinen Teamkollegen Manuel Ness. Beide hatten mit der Zeit teils schwere Stürze und Verletzungen. „Irgendwann haben wir dann gemerkt, dass wir professionelle Hilfe brauchen, jemand, der uns zeigt, wie wir das besser machen können und uns nicht verletzen.“ So kam der Kontakt zu Trainer Andre Stötzer. Die Paralympics 2018 fanden dennoch ohne deutsche Snowboarder statt. „Aber irgendwer kannte einen Fernsehmoderator, der vor Ort war. Und in ein Live-Interview mit dem Präsidenten des DBS wurde dann quasi die Frage eingeschleust, warum denn keine deutschen Snowboarder am Start gewesen seien. Und er fühlte sich wohl in der Bringschuld und sagte, dass es beim nächsten Mal welche geben werde – seither hat sich etwas getan“, erzählt Schmiedt.
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Ein paar Wochen später kam die Nachricht, dass er und Ness ab sofort unter Trainer Stötzer das deutsche Para-Snowboard-team bilden würden. Mittlerweile ist noch ein dritter Fahrer hinzugekommen. Es gibt ein Budget für Reise- und Materialkosten, „in dieser Saison sogar noch etwas mehr, dadurch konnten wir noch mehr Rennen fahren als sonst. Die Saison beginnt immer in Holland in einer Skihalle. In Finnland waren wir diese Saison oder auch in den spanischen Pyrenäen.“ Eine lange Strecke, die das vierköpfige Team mit einem Bus bewältigte. „Da saßen vorne Fahrer und Beifahrer, und hinten hatte es zwei Sitzbänke. Ich habe ja den Vorteil, dass ich deutlich kleiner bin, wenn ich die Prothesen abnehme. Da konnte ich mich hinlegen und schlafen“, berichtet Christian Schmiedt lachend.
Wobei das Limit für die Zahl der Rennstarts neben den Finanzen vor allem der zur Verfügung stehende Urlaub ist. „Wir arbeiten ja alle Vollzeit. Ich habe dabei noch Glück, weil ich im öffentlichen Dienst bin“, sagt der Betriebsprüfer bei der Rentenversicherung. Als Mitglied im Nationalkader bekommt er Sonderurlaub, während einer seiner Teamkollegen für die zweiwöchige WM eine Woche unbezahlten Urlaub nehmen musste. Trainiert wird meist an verlängerten Wochenenden, bis zu 40 Tage steht Christian Schmiedt pro Saison auf dem Board. „Und wenn ich auf der Piste mal mit dem Race-board richtig Gas gebe, dann kommen schon ab und zu mal Skifahrer und sagen, dass sie ja gar nicht hinterherkommen – das ist schon eine kleine Genugtuung.“
Wobei der Rielingshäuser nicht wirklich das Bedürfnis hat, den Vergleich zwischen behindert und nicht-behindert anzustellen. „Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich in einem Dorf aufgewachsen bin. Ich hatte von klein auf nie mit anderen Behinderten zu tun, bin vom Kindergarten an mit ‚Normalen’ zusammen gewesen“, erzählt Christian Schmiedt, der völlig selbstverständlich Begriffe wie „behindert“ und „normal“ benutzt, die ja gerne mal als politisch unkorrekt gelten. „Wenn wir untereinander sind, dann reden wir von euch als Komplettis“, sagt er lachend. Er legt weniger Wert auf die Wortwahl, sondern mehr auf den Umgang. „Meine allerbesten Freunde vergessen manchmal einfach, dass ich behindert bin“, sagt er und erzählt eine Anekdote: „Da hatte mal einer von uns die Idee, einen Wettbewerb zu machen, wer am längsten barfuß im Schnee stehen kann. Da war natürlich auch etwas Alkohol im Spiel. Und erst als ich mich nach mehreren Minuten noch nicht einmal bewegt hatte, ist denen aufgefallen, dass ich ja mit den Prothesen nichts spüre.“ Das hat übrigens auch beim Boarden seine Vorteile: „Ich kann Schuhe und Bindung so fest zuknallen, wie ich will – mir tut ja nichts weh.“
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In ein paar Wochen fliegt Christian Schmiedt nun also zu seinen ersten Paralympics nach China. Ein Platz unter den ersten Acht wäre „schon cool, für eine Medaille müsste schon sehr viel passieren. Da bin ich realistisch. Denn die Top-Fahrer sind Vollprofis.“ Und vielleicht macht er ja noch weiter bis zu den nächsten Spielen 2026 in Mailand. „Erstmal müssen wir ja weitermachen, weil es bislang keine Nachfolger gibt. Wir sind gerade erst auf der Suche nach weiteren Fahrern. Also bleiben Manuel Ness und ich am Ball, bis jemand neues kommt.“ Auch mit seiner Frau, mit der er einen einjährigen Sohn hat, ist das alles abgesprochen, sie hält ihm den Rücken frei. „Unser Traum wäre es, dass jemand kommt, der uns in Grund und Boden fährt, und wir beruhigt abtreten können.“ Doch das ist noch Zukunftsmusik, jetzt liegt der Fokus erst einmal auf den Paralympics in Peking.