Riesenerfolg für Graffiti-Galerie Stuttgarts Hauptbahnhof wird zum Selfie-Paradies

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Die ausgeräumte Halle des Hauptbahnhofs ist Stuttgarts meistfotografierter Ort. Die gigantische Graffiti-Galerie zeigt, wie Kunst den Alltag erobern kann, wenn man sie nur lässt. „Die Resonanz ist der Wahnsinn“, heißt es bei den Künstlern.

Die Graffiti-Kunst  im Stuttgarter Hauptbahnhof dient als Kulisse für unzählige Selfie-Fotos. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 20 Bilder
Die Graffiti-Kunst im Stuttgarter Hauptbahnhof dient als Kulisse für unzählige Selfie-Fotos. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Wenn sich die „Tagesthemen“ mit dem Stuttgarter Hauptbahnhof befassen, mit einem der größten Bahnprojekte Europas, geht es seit gefühlten Ewigkeiten um einen widerborstigen Volksstamm, um explodierende Kosten im Wutbürger-Land. Doch jetzt hat das Flaggschiff der ARD den konfliktgeladenen Ort, der tief unter die Erde verschwinden soll, in den Himmel gelobt.

Bevor in dem fast 100 Jahre alten Bonatzbau ein Einkaufstempel mit Vier-Sterne-Hotel entsteht, „erobern Stuttgarter Graffiti-Künstler diesen Raum noch einmal zurück“, sagte Moderatorin Caren Miosga anerkennend.

Mensch und Piece verschwimmen zum Gesamtkunstwerk

Streng riecht’s nach Lack in dieser nun bundesweit gerühmten „Secret Walls Gallery“, einer gigantischen Ausstellungshalle, die man nur mit Mund- und Nasenschutz betreten darf. Aus der Kanne, wie die Spraydose in der Graffiti-Sprache heißt, schießt die Farbe. Einige Writer (das sind die Sprayer) tragen die Vollgesichtsmaske der Maler, weil sie ihre Atemwege nicht nur vor Viren schützen wollen. Der von Läden, Gastroständen, Marktstationen, Kiosken leer geräumte Bahnhof ist zum Selfie-Paradies geworden. Viele von den Fahrgästen, die auf den Zug wollen, denken plötzlich nicht mehr darüber nach, ob sie es eilig haben. Sie zücken ihr Smartphone.

Der Thai Apichart Yamprasert steht dicht an einer kreischend bunten Wand, auf der eine lustige Fantasiefigur Ohren aus Rohren hat. Seine Frau Sabine Wiedmann fotografiert ihn. Es scheint, als würde ihr Mann von Powerfarben reingezogen, wie von einem Strudel. Man erkennt kaum noch, dass jemand vor einem Graffito steht. Mensch und Piece (so heißt eine bemalte Wand) verschwimmen zum Gesamtkunstwerk.

Spektakuläres Vorspiel für Ausstellungen im Herbst

Mit diesem Foto grüßen sie die Freunde daheim aus der Stadt, die nun deutsche Streetart-Hauptstadt ist. Das Paar arbeitet in der Reisebranche und lebt seit vielen Jahren in Thailand. Im März ging’s nach Stuttgart, zu den Eltern der Frau. Bis heute konnten beide wegen Corona nicht zurückfliegen. Das Foto wird den Freunden in Thailand zeigen: Stuttgart ist nicht nur Autostadt, Stuttgart ist junge Kunst.

„Geflasht“ vom Zuspruch ist Kosmik One. „Was sich hier jeden Tag abspielt, ist der Hammer“, sagt der Künstler. Jeden Tag sind 150.000 Passanten an diesem Ort. Die „Secret Walls Gallery“ in der 15 Meter hohen Halle, in einer „Bahnhofskathedrale“, ist das spektakuläre Vorspiel für die Ausstellung Walls | Wände des Kunstmuseums und des Stadtpalais im Herbst.

Der Kleine Schlossplatz war der Nabel der Graffiti-Welt in den 1990ern

Kuratorin Anna Vieth hat sich viel von der temporären Galerie im öffentlichen Verkehrsraum versprochen, und doch ist alles noch heftiger gekommen. „Die Reaktionen sind unglaublich positiv“, freut sie sich. Die Vielfalt der Stile begeistert. Man sieht alles: vom Bubblestyle der aufgeblasenen Buchstaben bis zur farbenprächtigen Müllhalde, auf der sich Symbole des Reichtums türmen.

Das Kunstmuseum befindet sich am Kleinen Schlossplatz – genau dort, wo in den 1990ern die Subkultur Stuttgart erfasst hat. Junge Leute gierten nach Selbstverwirklichung, tobten sich in der „Hall of Fame“ aus, die sie auch „Gaskammer“ nannten, mit einem No-go-Namen. Ums Provozieren ging es im einst als bieder verspotteten Stuttgart. Ein Ziel hat die Street-Art-Szene geeint: Bringt Farbe in die Stadt! Dank des legendären Treffs in den Tunnelröhren des Kleinen Schlossplatzes spielt Stuttgart bis heute in der ersten Graffiti-Liga.

Gesprüht wird noch bis Ende August

Was verboten war, ist nun legal an zentraler Stelle. Mit Stuttgart 21 hat die Bahn viele gegen sich aufgebracht. Dank der Graffiti-Galerie im bisher nicht gekannten Ausmaß verbessert sie ihr Image. Die Originalwände des Bonatzbaus dürfen nicht bemalt werden – sie stehen unter Denkmalschutz. Gesprüht wird (bis Ende August, in aller Regel täglich von 8.30 bis 21.30 Uhr) auf riesige Leinwände, die auf zwei Ebenen aufgehängt werden, oder auf Gipswände, die in früheren Durchgängen gemauert sind. Wer nicht vom Kunstmuseum dazu berufen wird, darf sich auf der Everybody-Wall betätigen, die fast täglich übermalt wird. Bis Ende Oktober bleiben die Werke hängen, ehe die Bahnhofssanierung beginnt. Wo danach die Leinwände zu bewundern sind, steht noch nicht fest.

Die Graffiti-Gang vom Stuttgarter Hauptbahnhof versprüht Lebensfreude, Glück, Kritik, Intelligenz. Wer genau hinschaut und nicht nur fotografiert, sieht von allem was und noch viel mehr.




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