Auf dem Esslinger Mittelaltermarkt tauchen die Besucher in historische Abenteuer ein. Was ist geboten?
Um die Gutenberg-Presse auf dem Esslinger Mittelaltermarkt bilden sich Schlangen. 120 Männer und Frauen aus evangelischen Kirchengemeinde führen die Besucher in die Kunst des Buchdrucks ein – in wechselnden Schichten. Die Bibel entstand zwischen 1452 und 1454 das erste bedeutende gedruckte Buch. Wie die Drucker damals arbeiteten, das zeigen die Esslinger Christen in einer anschaulichen Präsentation.
Die Druckerpresse auf dem Hafenmarkt ist dem Modell nachempfunden, mit dem Johannes Gutenberg arbeitete. „Gott zur Ehr“ steht auf dem hölzernen Objekt. Mit Druckfarbe aus Leinöl und Ruß werden die Buchstaben vor den Augen der Besucher auf Papier gedruckt. Wer mag, darf die kunstvollen Drucke, auf denen ein Satz aus Johannes 3,16 zu lesen ist, mitnehmen. „Für Martin Luther und seine Reformation war das Druckerhandwerk unverzichtbar“, erinnert Rainer Hopper an die Geschichte.
Mit der deutschen Ausgabe der Bibel sei es Luther gelungen, alle Menschen zu erreichen. „Früher gab es die Bibel nur in lateinischer Sprache.“ Mit dem historischen Projekt bringen die Christen der Evangelischen Allianz Geschichte Kindern und Erwachsenen lebendig nahe. „Wir freuen uns besonders, wenn wir Kinder und Jugendliche mit historischen Drucktechniken vertraut machen können“, sagt Hopper. Ihm macht es Freude, Kirchengeschichte anhand kunstvoll gestalteter Druckerzeugnisse zu erzählen.
Gaukler in historischen Kostümen auf Esslingens Mittelaltermarkt
Wer durch den Mittelaltermarkt schlendert, fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Stände sind liebevoll mit Holzschildern, Fahnen und alten Wappen gestaltet. Auf dem Platz duftet es nach Spezialitäten aus der Knödeley und nach heißen Getränken. An den Ständen gibt es Likör, Getöpfertes und Hüte. Passend zur Weihnachtszeit, werden Mistelzweige angeboten. Gaukler in historischen Kostümen werfen Bälle oder machen Musik. Dass die Männer und Frauen mit Leidenschaft dabei sind, spürt man. Manche der Händler ahmen Mittelalter-Sprech nach. Das klingt fremd und geheimnisvoll.
Jung und Alt spazieren von einem Abenteuer zum nächsten. Im Badehaus sitzen bei frostigen Temperaturen Männer und Frauen, die einen Familiengeburtstag feiern. Da fröstelt es die Passanten schon beim Anblick. „Das Wasser hat 38 Grad, das ist wie in der Therme“, sagt Lovis Lerchensang, die das feuchte Vergnügen betreut. Wasserdampf steigt aus dem Holzzuber. Mit beheizten Umkleiden und einer warmen Dusche frieren die Gäste nach dem Bad nicht.
Der Badezuber auf dem Hafenmarkt ist ausgebucht
Seit vielen Jahren macht das Badehaus in Esslingen auf dem Mittelaltermarkt Station. Die Nachfrage ist riesig. „Wir sind bis zum Ende des Weihnachts- und Mittelaltermarkts ausgebucht“, sagt Lovis Lerchensang. So lautet ihr Künstlername in der mittelalterlichen Gemeinschaft. Je nach Zeitslot kostet der Besuch für eine Gruppe zwischen 100 und 250 Euro – Montag früh ist das Badevergnügen für Hartgesottene am günstigsten.
„Mehr als drei Gruppen am Tag schaffen wir nicht“, sagt die Bademeisterin. Denn es dauert einige Zeit, bis die Anlage gereinigt und aufgefüllt ist. Mit ihrer Laute und ihrer wunderschönen Stimme singt Lovis Lerchensang Lieder in althochdeutscher Sprache. Das klingt wie eine Fremdsprache. In einem dicken Buch mit Ledereinband hat die Künstlerin die Lieder aus vergangenen Jahrhunderten gesammelt. Passanten lauschen gebannt.
Der Kunst- und Bauschlosser Jochen Schmidt von Eisenart aus Berlin führt in das historische Schmiedehandwerk ein. In einem Holzverschlag arbeitet er mit Werkzeugen aus früheren Jahrhunderten. Jung und Alt verfolgen die Arbeit gebannt. Die Handwerksvorführungen sind ein besonderes Erlebnis.
Bunte Tücher, Felle und Glaskunst ziehen die Blicke in den Auslagen auf sich. An manchen Ständen darf geschachert und gefeilscht werden, wie es einst auf den Märkten Tradition war. Im Mittelalter war die Reichsstadt Esslingen für ihre Märkte berühmt. Sie lag an einer der großen Handelsstraßen, die von Flandern bis nach Italien führte.
Das königliche Spiel von Ur auf dem Mittelaltermarkt
Wer sich bei einem Spiel entspannen will, wird von Marlen Hübner gut beraten. Sie führt historische Brettspiele vor. Das königliche Spiel von Ur hat es ihr besonders angetan. „Das ist das ‚Mensch ärgere Dich nicht’ von damals“, sagt sie lachend. Gespielt wird mit bunten Steinen und mit Dreiecken aus Holz. „Das sind die Vorläufer der Würfel.“ Statt Punkten haben die Würfel schwarz bemalte Ecken. Wenn eine oder mehrere schwarze Ecken oben landen, darf man weiterziehen. Manche Spielfelder sind mit Sternen gekennzeichnet. „Da darf man noch einmal würfeln.“
Das Mittelalter erleben
Vielfalt in der Altstadt
Der Esslinger Mittelalter- und Weihnachtsmarkt mit seinen 180 Ständen und 500 kulturellen Programmpunkten hat noch bis 22. Dezember geöffnet. Sonntags bis donnerstags ist von 11 bis 20.30 Uhr offen; freitags und samstags bis 21.30 Uhr. Weitere Informationen unter www.esslingen-info.com.
Gemeinsam singen
Die Evangelische Allianz Esslingen lädt am Sonntag, 21. Dezember, ab 17 Uhr in die Stadtkirche Esslingen am Marktplatz zum Weihnachtsliedersingen ein.