Dass dem so ist, verdankt der Club unter anderem zwei Menschen, die maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Sportler und damit dem Verein haben: Kemal Demir und Behar Rohleder. Die beiden können durchaus als Baumeister des Aufstiegs bezeichnet werden – auch wenn sie das selbst nie tun würden. „Da gehören alle dazu: die Sportler, die Funktionäre, all die Helfer, und vielleicht ein bisschen auch wir“, sagt Kemal Demir. Er ist seit dem Jahr 2009 Trainer bei der SG Weilimdorf, ein Jahr später komplettierte Behar Rohleder das Trainerduo. „Es musste sich ja jemand ums Freistilringen kümmern“, sagt Rohleder augenzwinkernd – wohl wissend, dass der bevorzugte Kampfstil bei der SG Weilimdorf der griechisch-römische ist.
Der Anfang eines steten Aufstiegs
Als Demir den Trainerposten anno 2009 von Khagani Abbasov übernahm, waren die Weilimdorfer gerade nach einem einjährigen Intermezzo in der Landesliga in die Verbandsliga zurückgekehrt. Fortan gelang es Demir, seinem Trainer-Kollegen Rohleder und natürlich den im Hintergrund wirkenden Funktionären des Clubs, jedes Jahr ein Schippchen an Qualität draufzulegen. Wobei schon der erste Sprung für Weilimdorfer Verhältnisse gewaltig war. Denn dem dritten Platz in der Verbandsliga im Jahr 2009 folgte ein Jahr später die Meisterschaft und der – intern nicht unumstrittene – Aufstieg in die Oberliga. Letztlich fiel die Entscheidung, es wenigstens zu versuchen. Getreu der Devise, dass man im schlimmsten Fall eben wieder absteigt.
Doch dazu sollte es nicht kommen. Die SG Weilimdorf hielt sich in der Klasse und entwickelte sich zudem zu einer festen Größe. In der Saison 2019 wurden die Weilimdorfer hinter dem AB Aichhalden Vizemeister. 2020 landete die SG aber auf Rang vier des Abschlussklassements, ebenso 2021. Ein Zwischentief, das ja, aber eines, aus dem die Mannschaft gestärkt hervorging. Bei nur zwei Niederlagen in 18 Mannschaftskämpfen setzten die Weilimdorfer in der darauf folgenden Saison mit der Oberligameisterschaft und dem Regionalliga-Aufstieg einen neuen Meilenstein in der Vereins- und Abteilungsgeschichte.
Der wichtigste Baustein: Freiwilligkeit
Dass dies gelang, liegt unter anderem an ein paar Grundsätzen, welche die beiden Trainer für ihre Arbeit entwickelt haben. Der erste und wohl wichtigste Baustein ist – und das mag überraschen – die Freiwilligkeit. „Wir bieten das Training an. Wer Zeit hat, der kommt“, sagt Demir. Wer keine Zeit hat, müsse eben für sich selbst arbeiten. „Der Ringer trainiert ja für sich, nicht für mich oder den Verein“, sagt der Trainer. „Und es gibt manchmal Dinge, die wichtiger sind als der Sport.“ Etwa Beruf oder Beziehung. „Ohne die Rückendeckung meiner Ehefrau Sedanur hätte ich all das, was ich beim Ringen erreicht habe, nie machen können.“
Womit man schon bei Baustein Nummer zwei ist: das Einfühlungsvermögen. „Er hat ein tollen Gefühl dafür, wann man Druck braucht und wann Aufmunterung“, sagt Maximilian Hubl. Der Schwergewichtler kennt Kemal Demir seit fast 25 Jahren. Als Hubl im Alter von sechs Jahren bei der Sportvg Feuerbach mit Ringen begann, kämpfte Demir in der ersten Mannschaft der Feuerbacher. „Seit damals hat er sich sehr verändert, aber ohne seine Linie zu verlieren“, sagt Hubl.
Das führt automatisch zur dritten Komponente: Aufgeschlossenheit. „Die beiden sind unglaublich wissbegierig, nicht nur, was das Ringen betrifft“, sagt Stephan Fauser, der schon so ziemlich jedes Amt bei den Weilimdorfer Ringern inne gehabt hat und aktuell Beisitzer im Vorstand des Hauptvereins ist. „Wenn sie dann was Passendes finden, bauen sie es im Training ein.“ Einfaches Beispiel: Zum Aufwärmen im Training wurde früher Fußball gespielt. So lange , bis Kemal Demir entdeckte, dass es für die Bewegungsabläufe beim Ringen förderlicher ist, wenn zum Aufwärmen Basketball gespielt wird. „Da ist mehr Beweglichkeit im gesamten Körper gefragt, höheres Tempo, schnellere Entscheidungen“, begründet Demir.
Das Credo: Ehrgeiz, Wille, Zielstrebigkeit
Durch die Aufgeschlossenheit und die Erfahrung, die Demir und Rohleder als ehemalige Zweitligaringer besitzen – wobei Rohleder für Albanien auch im Junioren-Nationalkader stand und etliche Meistertitel bei den Kadetten und Junioren gewonnen hat – häuften beide ein großes Fachwissen an: Baustein Nummer vier. „Es ist unglaublich, was die zwei einem beibringen können“, sagt Paul Laible, Eigengewächs der Weilimdorfer. „Die kennen unglaublich viele Techniken – und von jeder noch ein Dutzend Varianten.“
Faktor Nummer fünf im Erfolgskonzept ist die Beharrlichkeit. „Am Ende setzt sich derjenige durch, der konstant an sich arbeitet, der Ehrgeiz, Wille und Zielstrebigkeit zeigt“, ist Demirs Credo. Was Felix Bohn offenkundig schon verinnerlicht hat. Der 71-Kilo-Mann lag in seinem aktuellen Kampf gegen den Aichhaldener Stefan Brugger zwar nach Punkten vorne, gab sich damit aber nicht zufrieden und schulterte seinen Kontrahenten fünf Sekunden vor Ende.
Apropos Ehrgeiz: Bleibt natürlich die Frage, wohin es mit den beiden Trainern noch gehen soll oder kann. „Wir fühlen uns wohl hier bei der SG“, sagt Behar Rohleder. „So familiär wie hier habe ich es noch in keinem anderen Verein erlebt.“ Und wohin soll – oder kann – es mit der SG Weilimdorf noch gehen, wo man doch schon Halbzeitmeister ist? „Das ist nur eine Momentaufnahme“, sagt Demir. „Abgerechnet wird zum Schluss.“
Info
Kämpfer
Was am 2. September mit dem 19:19 bei der RG Lahr begann, hat sich zum roten Faden in der bisherigen Saison entwickelt: Die Weilimdorfer machten es bei jedem Kampf spannend bis zuletzt. In allen acht Hinrunden-Begegnungen entschied der letzte der zehn Einzelkämpfe über Sieg, Unentschieden oder Niederlage – wobei die Nord-Stuttgarter sechsmal das bessere Ende hatten. Die Tabelle führen sie nun mit 12:4 Punkten an.
Sieger
Am vergangenen Wochenende gegen den AB Aichhalden verließen sechs der zehn Weilimdorfer Athleten die Matte als Sieger: Ahmet Kabal (16:0-Überlegenheitssieg gegen Marcel Abele), Maximilian Hubl (9:0-Punktsieg gegen Roman Brüstle), Alexej Nagorniy (7:0-Punktsieg gegen Christian Bantle), Csaba Vida (17:2-Überlegenheitssieg gegen Leon Liedgens), Alexander Zentgraf (6:4-Punktsieg gegen Silas Liedgens) und Felix Bohn (Schultersieg gegen Stefan Brugger). Niederlagen setzte es für Yannick Hanke (Schulterniederlage gegen Oleg Deli), Leon Dolinger (0:15-Überlegenheitsniederlage gegen Michael Manea), Paul Laible (1:13-Punktniederlage gegen Marin Filip) und Ion Plamadeala (0:10-Punktniederlage gegen Dumitru Tulbea).