Im Sport gibt es im Laufe einer Saison für Aktive, Trainer und Fans kaum etwas, dem sie mehr entgegen fiebern als Lokalderbys, auch wenn dieser Begriff mittlerweile sehr inflationär gegenüber der ursprünglichen englischen Bedeutung Verwendung findet. Die SG Weilimdorf hatte nach Deutung ihres sportlichen Leiters Markus Laible vor einem Jahr in der Oberliga gleich drei solcher Duelle, nämlich mit den Rivalen aus Fellbach, Musberg und Korb. Dass diese nun heuer alle wegfallen? Ja, dies stellt einen Wermutstropfen dar – wenngleich der Grund freilich ein für die Nord-Stuttgarter höchst erfreulicher ist. Als Meister und Aufsteiger sind sie selbst inzwischen auf einer anderen Etage unterwegs, nämlich zum überhaupt ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte in der Regionalliga. Es ist ein Abenteuer in Deutschlands dritthöchster Ringerklasse, das an diesem Samstag (20 Uhr) mit der Auswärtsbegegnung beim badischen Kontrahenten SG Lahr beginnt.
Um unter den insgesamt acht Gegnern einen zu finden, der für den Begriff „Derby“ herhalten könnte, bedarf es schon viel Fantasie: Die kürzeste Auswärtsfahrt wird die Weilimdorfer beim Saisonfinale am 16. Dezember über 110 Kilometer nach Aichhalden im Landkreis Rottweil führen, die weiteste Strecke geht 260 Kilometer weit in den Landkreis Lörrach bis an die Schweizer Grenze.
Dauerkartenverkauf abgebrochen
„Eine attraktive Liga in Sachen Nachbarschaftsduelle ist das für uns nicht. Trotzdem wird unsere Halle immer brechend voll sein, weil sich unsere treuen Fans auf guten Sport und einige internationale Topathleten bei den Gegnern freuen“, sagt Laible. Knapp 250 Zuschauer dürfen offiziell in die Lindenbachhalle. Allein 100 Dauerkarten hat der Aufsteiger im Vorfeld verkauft, dann musste abgebrochen werden, um auch noch kurzentschlossenen Tagesgästen eine Chance zu geben.
In sportlicher Hinsicht haben die Beteiligten der SG Weilimdorf keine Angst vor der neuen Liga. Im Gegenteil: Sie gehen selbstbewusst an den Start. „Wenn bei uns die zehn besten Ringer auf der Matte stehen, dann sehe ich uns mit dem Topfavoriten KSV Ketsch auf Augenhöhe. Da das aber nicht immer der Fall sein wird, ist eine Platzierung zwischen vier und sechs realistisch“, sagt Laible. Da es vor der Runde bereits einen freiwilligen Rückzug gab (SVG Nieder-Liedersbach) werden nur noch ein oder maximal zwei sportliche Absteiger ermittelt, je nach Anzahl der baden-württembergischen Absteiger aus der zweiten Bundesliga. Unter den Wackelkandidaten sieht Laible seine Mannschaft nicht, auch wenn der Klassenneuling bei der Kaderplanung auf ein großes Aufrüsten verzichtet hat.
Weilimdorfer Talentschmiede
Mit einem Schnitt von 22 Jahren stellen die Weilimdorfer eines der jüngsten Teams. Und der Plan ist klar: Wie gehabt sollen an den Wochenenden sechs bis sieben der zehn Kämpfe mit Eigengewächsen besetzt werden – eine Quote, bei der keiner der Konkurrenten mithalten kann. Zwischen 2015 und 2021 haben 18 Weilimdorfer Ringer zusammen 34 Medaillen bei deutschen Jugendmeisterschaften gewonnen. Etwa die Hälfte dieser Talentriege, darunter Leistungsträger wie die Brüder Paul und Lukas Laible oder der Rückkehrer Alexander Zentgraf (zuletzt beim Zweitligisten Reilingen/Hockenheim), wollen nun gemeinsam die Liga aufmischen. Dazu kommen eine polnische und zwei ungarische Fachkräfte, unter denen Csaba Vida heraussticht: „Er wird auch in der Regionalliga keinen Kampf verlieren“, sagt Laible Senior über den 26-Jährigen, der in der vergangenen Meistersaison mit 14:0 Siegen eine blütenreine Weste hatte.
Der Freistil-Spezialist war seit 2019 für sein Heimatland Ungarn bei vier Europa- und zwei Weltmeisterschaften im Einsatz und wird auch Mitte September wieder fehlen, wenn vom 14. bis 26. September die Welttitelkämpfe in Belgrad stattfinden. „Im Idealfall ist es ein Kampf, im dümmsten Fall sind es drei. Je nachdem, wann er mit der Nationalmannschaft in die Vorbereitung muss“, sagt Markus Laible. Beim Auftakt an diesem Samstag ist Vida aber definitiv an Bord. Von gegnerischer Seite warten drei amtierende deutsche Juniorenmeister aus diesem Frühjahr auf die Stuttgarter Gäste. „Von den Distanzen her macht die Liga wirklich keinen großen Spaß, aber sportlich wird es einige schöne Leckerbissen für die Zuschauer geben“, ist Laible überzeugt.
Personalien/Termine
Zugänge
Mateus Ropiak (VfK Schifferstadt), Ion Plamadeala (KSK Furtwangen), Alexander Zentgraf (RKG Reilingen/Hockenheim), Nevar Hamid Majed (KV 95 Stuttgart).
Abgänge
Alexander Jakob (Red Devils Heilbronn), Anton Buchholz (TSV Herbrechtingen/in Einzelwettbewerben weiter SG Weilimdorf).
Kader
57/61 kg:Davyd Akinsehv, Tizian Gottstein, Yannik Hanke, Balazs Racz, Mateus Ropiak; 61 kg: Ahmet Kabal; 66/71 kg: Felix Bohn, Paul Laible; 71/75 kg: Florian Bohn, Feim Gashi, Ion Plamadeala, Alexander Zentgraf; 80/86 kg: Kevin Fauser, Lukas Laible, Csaba Vida; 86/98 kg: Alexej Nagorniy; 98 kg: Sergej Lokov; 98/130 kg: Hikmet Akyol, Maximilian Hubl, Artur Rohleder, Kim Werkle.
Trainer
Kemal Demir und Behar Rohleder (beide seit 2010).
Heimkämpfe
WKG Weitenau-Wieslet (10. September), KSV Tennenbronn (23. September), KSV Hofstetten (3. Oktober), AB Aichhalden (21. Oktober), RG Lahr (28. Oktober), KSV Ketsch (4. November), RG Hausen-Zell (2. Dezember), KSV Haslach (9. Dezember).