Der Umgang mit den Beschäftigten steigert die Verunsicherung
Das Misstrauen haben die Konzernmanager in Amsterdam mit ihrer Kommunikationspolitik seit Ende September geschürt: Nur einen Tag nach einer Betriebsversammlung, in der stundenlang über alles Mögliche geredet wurde, hat Stellantis dem Opel-Werkleiter aufgetragen, die monatelange Schließung bekannt zu machen. „Die ganze Art des Umgangs macht einen großen Teil der Verunsicherung aus“, sagt Uwe Laubach, der IG-Metall-Geschäftsführer in Eisenach.
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Nur Tage später verkündete Stellantis, es werde geprüft, Eisenach und Rüsselsheim in eigene Gesellschaften zu überführen. Dadurch sei die Unruhe weiter befeuert worden, sagt der Bevollmächtigte. Was wird mit der Ausgliederung wirklich bezweckt? Soll einfach nur die deutsche Mitbestimmung ausgehebelt werden? Die Begründung einer größeren Effektivität eigenständiger Standorte und mehr Flexibilität bei den Produkten hält Laubach für wenig stichhaltig. „Dass der DS 4 als französische Marke in Rüsselsheim produziert wird, hängt nicht an der Frage der Rechtskonstellation, sondern daran, wie ich es organisiere“, sagt er. Nun sei in den Belegschaften „allen Befürchtungen Tür und Tor geöffnet“, und es stellten sich viele Fragen: etwa nach der finanziellen Absicherung der eigenständigen Standorte und was eine Ausgliederung etwa für die Betriebsvereinbarungen bedeuten würde. Der Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen gilt nach aktuellem Stand noch bis zum Sommer 2025.
Was sind die Versprechungen des Opel-Chefs wert?
Nach dem IG-Metall-Aktionstag am 29. Oktober versuchte Opel-Chef Uwe Hochgeschurtz zu besänftigen und versprach den Erhalt aller drei Produktionsstandorte, zu denen noch Kaiserslautern gehört. Zugleich schränkte er ein, dass Eisenach im neuen Jahr erst hochgefahren werde, wenn die Versorgungslage es erlaube. Die Opelaner rätseln: Was ist, wenn die Lage es nicht erlaubt? Branchenkenner halten die Zusage von Hochgeschurtz ohnehin für unglaubwürdig – denn er könne den Fortbestand nicht zusichern. Er sei ein Landesfürst, der nichts zu melden habe, weil die Macht bei Stellantis und Peugeot liege. Deswegen solle man seine „Nebelkerze“ nicht so ernst nehmen.
„Wenn die Werke Rüsselsheim und Eisenach ausgegliedert werden, was Stellantis mit hoher Wahrscheinlichkeit machen wird – aus was besteht Opel dann noch?“, fragt der Direktor des Centers Automotive Research (CAR), Ferdinand Dudenhöffer. „Opel wäre ein Autohersteller ohne Produktion – eine Vertriebsorganisation mit überschaubarer Designabteilung.“ Und eine Konzernmarke unter vielen. Aus seiner Sicht hat Stellantis-Chef Carlos Tavares Opel 2017 nur erworben, um an eine Million weiterer Kunden in Europa zu kommen, denen er auch vergleichsweise günstigere Autos von Peugeot, Citroën oder Fiat verkaufen könnte. Seither ist die Marke mit dem Blitz gegenüber Peugeot beim Absatz klar zurückgefallen.
Auf der „Reise nach Jerusalem“
Nun werde Opel Stück für Stück runtergefahren, auf aktuell 15 000 Beschäftigte. „Die Reise nach Jerusalem wird weitergehen“, prophezeit Dudenhöffer. In der Kostenrelation seien die deutschen Standorte gegenüber dem Ausland im Nachteil. Eisenach hat kein eigenes Karosseriewerk und keine Lackiererei, somit höhere Logistikkosten. „Das deutet darauf hin, dass es schlechte Karten im Stellantis-Produktionsverbund hat.“
Regierungschefs wollen Tavares in die Augen schauen
Uwe Laubach will sich am Läuten des Totenglöckleins nicht beteiligen: „Es liegt nicht in meinem Interesse, irgendwelche sich selbst erfüllenden Prophezeiungen in die Welt zu setzen“, sagt er. Dennoch wird es der IG Metall ohne Verbündete kaum gelingen, eine Zerschlagung von Opel zu verhindern. Gemeinsam mit den Regierungschefs von Hessen und Rheinland-Pfalz will Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow schon in nächster Zeit mit Stellantis-Chef Carlos Tavares Klartext reden. Von einem „regen Briefkontakt“ ist die Rede. Zur Vorbereitung sollen sich die jeweiligen Wirtschaftsminister mit Hochgeschurtz treffen.
„Wir müssen die Entwicklung der nächsten ein, zwei Wochen abwarten“, versucht der Bevollmächtigte zu beruhigen. Er hofft auf Zeichen, wann die Produktion wieder anlaufen soll und dass Eisenach exklusiv den gelifteten SUV Grandland X bauen darf. „Da ist jetzt Bewegung.“ Nicht ausschließen will er aber, „dass wir noch mal eine Schippe drauflegen müssen“. Natürlich müsse etwas passieren, „wenn die dunkelsten Gedanken Wirklichkeit werden“, sagt er auch mit Blick auf die ganze Region Westthüringen, die binnen fünf Jahren 3000 Stammarbeitsplätze im Automobilzuliefererbereich verloren hat.
Mut macht den Opelanern zudem, dass beim IG-Metall-Aktionstag 200 VW-Mitarbeiter aus Zwickau solidarisch in Eisenach mitdemonstriert haben. „Das kam bei unseren Leuten riesig an.“ Auch das war ein Signal: „Kampflos werden wir den Standort nicht aufgeben – das ist schon mal sicher.“
Standort mit bewegter Vergangenheit
Eisenach
Nach der Wende baute die Opel-Mutter General Motors ein neues Modellwerk in Eisenach auf – im September 1992 startete es mit der Produktion der Modelle Astra und Corsa. 2017 wurde Opel vom Peugeot-Mutterkonzern PSA übernommen.
Stellantis
Mit der Fusion aus PSA und Fiat Chrysler entstand Anfang 2021 der viertgrößte Autokonzern der Welt. Sitz von Stellantis ist Amsterdam. Opel ist unter den 14 Marken die einzige deutsche. (ms)