Führungsteam statt klarer Aufgabenverteilung
Seit Monaten wird intensiv bei der IG-Metall daran gearbeitet, in der IG Metall nicht nur eine Verjüngung, sondern auch eine andere Sichtweise zu etablieren: Demnach soll es eine betont kooperative Führung geben – mit erstem und zweitem Vorsitzenden auf Augenhöhe und neuer Aufgabenteilung. „Wenn die Kolleginnen und Kollegen als Team gleichberechtigt zusammenarbeiten, dann ist das möglich – das finde ich gut und zeitgemäß“, sagte Hofmann. Zwei Namen stehen für die Neuorientierung: Christiane Benner, bisher zweite Vorsitzende, und Bezirkschef Roman Zitzelsberger, die beide dem Vernehmen nach mit großer Kooperationsbereitschaft über neue Ansätze nachdenken. Intensiv haben sie abgewogen, wie sich eine agile Führung gestalten lässt – dies auch gemeinschaftlich mit Hauptkassierer Jürgen Kerner und den weiteren geschäftsführenden Vorständlern. Dabei müssen sie auch die Außenwirkung im Blick haben, denn Politik und Medien bevorzugen in der Regel eine eindeutige Rollenverteilung.
Der zweite folgt dem ersten Vorsitzenden
Bisher war die IG Metall von der Sichtweise geprägt, dass der zweite Vorsitzende automatisch dem ersten folgt – selbst wenn diese vermeintliche Tradition früher oftmals von Zufälligkeiten geprägt war. Hofmann will damit brechen. Am 26. Januar hat er erstmals seine Vorstellungen öffentlich gemacht – und dabei offen gelassen, wer welche Rolle einnehmen soll. Die Teamarbeit zu interpretieren, sei Sache der Amtsinhaber.
Die Unsicherheit, ob das neue Modell in einer so strukturkonservativen Organisation tragfähig ist, wird nun bestätigt. Da stellen die Befürworter des Zweiter-wird-Erster-Prinzips vor allem die Frage, warum gerade jetzt, da eine Frau ganz nach vorne rücken könnte, von dem Prinzip abgewichen werden sollte. Entsprechend fand der Plan am Montag im Gewerkschaftsvorstand keine Mehrheit, die Aufgabentrennung für die Vorsitzenden in der Satzung aufzuweichen.
Dass Benner die Führungsverantwortung bei der IG Metall nicht scheut, hat sie schon deutlich gemacht – daher hat sie auch den Chefposten beim Gewerkschaftsbund nicht angestrebt. Nun würde sie noch mehr Kompetenzen bekommen – aber nicht als Teil einer Doppelspitze, sondern quasi als das Gesicht der IG Metall. Dass die Gewerkschaft bereit sei für eine Frau an der Spitze, obwohl lediglich gut 18 Prozent der Mitglieder weiblich sind, wird aufgrund des jahrelangen personellen Wandels kaum noch bestritten. Viele lokale Geschäftsführerposten etwa im Südwesten sind heute von Frauen besetzt.
Als Hauptverantwortlicher für die Tarifpolitik gesetzt
Zitzelsberger wäre als Vize und Hauptverantwortlicher für die Tarifpolitik gesetzt. Niemand dürfte ihm diese Zuständigkeit streitig machen – doch reicht ihm diese Perspektive als Anreiz aus, um vom einflussreichen Bezirksleiterposten in die Frankfurter Zentrale zu wechseln? Seit drei Jahren erfinde sich die IG Metall wieder einmal grundsätzlich neu, stellte er neulich mit Blick auf die Umbauten der Organisation fest. Es sei daher logisch, auch an der Spitze über Veränderungen nachzudenken. „Da sage ich mit meiner Erfahrung als Bezirksleiter: Es macht mehr denn je Sinn, sich fachlich-kompetent breiter aufzustellen und diese Interdisziplinarität auch in der Führung abzubilden.“ Wenn dies gelinge, „haben wir am Ende etwas gewonnen als IG Metall“.
In welchem Ausmaß er künftig dazu beitragen will, muss sich zeigen. Spekuliert wird schon über seinen Verzicht auf den Vizeposten, doch dies würde seiner bisherigen Sichtweise auf den neuen Weg widersprechen.
„Starke, stabile und schlagkräftige IG Metall“ gefordert
Nach der Vorstandssitzung am Montag tagte am Dienstag der Beirat – das höchste Gremium zwischen den Gewerkschaftstagen. Die IG-Metall-Führung reagierte offiziell lediglich mit einem dünnen Statement: „Die Diskussionen mit unserer Basis zur Vorbereitung des Gewerkschaftstags zeigen: Die Herausforderungen der Transformation verlangen eine starke, stabile und schlagkräftige IG Metall“, hieß es. Die Gewerkschaft noch stärker in der Fläche verankern und an der Spitze schmaler werden – dieses Leitbild präge die Entscheidungen zur Organisationsentwicklung. Daher werde der Vorstand den Delegierten des Gewerkschaftstages vom 22. bis 26. Oktober in Frankfurt vorschlagen, fünf statt bisher sieben Frauen und Männer als geschäftsführende Vorstandsmitglieder zu wählen. Die Verkleinerung war früher schon einmal vorgesehen, scheiterte da aber noch. Diesmal gibt es im Vorstand zumindest die mehrheitliche Zustimmung.
Vermutlich im Mai will Hofmann dem Vorstand seinen Personalvorschlag machen, der zu der angestrebten Struktur passen solle, wie er sagte. Was nach allgemeiner Ansicht partout verhindert werden soll, ist ein Richtungsstreit – eine Schlammschlacht gar wie in alten Zeiten, bei der einzelne Protagonisten beschädigt werden. In einer Phase, in der Geschlossenheit nötiger denn je sei, könne man dies nicht gebrauchen, heißt es.