Ringer aus Musberg Vom wahren Glück, ein Weltmeister zu sein

Frank Stäbler hat in gefühlt tausend Interviews die tausend immer gleichen Fragen beantwortet. Nur nicht diese: Was für ein Vater will er für seine Tochter sein? Foto: Rüdiger Ott

Der Ausnahmesportler Frank Stäbler platzt schier vor Ehrgeiz und walzt seine Gegner nicht nur im Ring nieder. Aber er ist eben auch einfach nur ein netter Mensch. Wie passt das zusammen?

Leinfelden-Echterdingen - Wer hätte gedacht, dass es so einfach ist, einen Ringer-Weltmeister auf die Matte zu legen. Verbal zumindest. Gefühlt tausend Interviews hat er schon gegeben. Und jede erdenkliche Frage schon gefühlt tausendmal beantwortet. Frank Stäbler, der größte Sportler, den Musberg jemals hervorgebracht hat, hat sich für alle Eventualitäten Sätze zurechtgelegt, die direkt aus einer seiner Motivationsansprachen stammen könnten. Und dann das. Was für ein Vater will er sein? „Das hat mich jetzt wirklich noch niemand gefragt“, sagt er. Aber wie im Ring auch, rappelt er sich nach einem kurzen Augenblick, ruckelt sich mental zurecht. Was folgt, ist ein anderthalbstündiges Gespräch, in dem er, so scheint es, mehr lacht, als dass er an seinem Thunfisch-Steak knabbern oder seinem Espresso nippen würde. Und das SWR-Interview gleich im Anschluss, das muss warten, bis sein PR-Berater neben ihm beginnt, mit dem Finger auf die Armbanduhr zu tippen.

 

Einen Termin mit Frank Stäbler zu bekommen, ist dieser Tage fast ein Ding der Unmöglichkeit. Der Ausnahmesportler hetzt von einem Auftritt zum nächsten Wettkampf. Erst neulich stand er in der Samstagabendshow „Klein gegen Groß“ im Ersten vor der Kamera. Sein Leben ist durchgetaktet wie eine gut geölte Maschine. Bloß keine Standzeit. Da wird er hibbelig, er steht ständig unter Strom, auch wenn er einen Ruhepuls hat, bei dem andere einschlafen würden. Urlaub macht er überhaupt nur zwei Wochen im Jahr, und für die ersten paar Tage, da rattert dann sein Gehirn weiter, ehe es endlich runterfährt.

Das Bild seiner Prinzessin klebt auf der Rückseite seines Handys

Gut, wer dreimal Weltmeister geworden ist und olympisches Gold anpeilt, der muss halt irgendwie geladener sein als andere und das Testosteron einfach nur so rausschreien, mit angespannten Muskeln und einer Halsschlagader, die kurz vorm Bersten ist. So jedenfalls kennt man ihn von seinen üblichen Pressefotos. Bloß würde man eben erwarten, dass Frank Stäbler krankhaft ehrgeizig ist. Das mag ja vielleicht auch so sein, wer weiß. Vor allem aber ist er – Wortspiel-Alarm – krankhaft herzlich, auf eine erfrischend ehrliche Art. Und ganz bestimmt ist er auch ein Dickkopf, und zwar einer von der ganz sturen Sorte.

Was also will er für ein Vater sein? Vor acht Monaten ist seine Prinzessin, wie er sie nennt, zur Welt gekommen, und auch wenn er bislang die Hälfte ihres Lebens verpasst hat, ist sie immer bei ihm, in seiner Hosentasche, auf der Rückseite seines Handys klebt ihr Bild. Nach ein paar Sekunden rattert er los. „Ich möchte die beste Version von mir sein“, sagt er, und zwar vollen Ernstes, und beginnt dabei zu strahlen. „Ich werde immer für sie da sein. Werde sie beschützen. Sie soll liebevoll aufwachsen. Ich will der beste Vater der Welt sein. Bis sie 15 ist und die Jungs kommen. Dann werde ich sie wegsperren.“ Das letzte, freilich, sei nicht so gemeint. Das würde er natürlich nicht machen. Kicher kicher.

Hat dieser Mann zwei Gesichter? Was sich ihm in den Weg stellt, das walzt er nieder. Ganz gleich, ob es ein sportlicher Gegner ist, irgendetwas, was einfach nicht klappen will und ihn fuchst, oder Menschen, die ihn nicht mögen. Aufgeben, Fehlanzeige. Mut- und kraftlos werden, kommt erst recht nicht in die Tüte. Stattdessen Vollgas voraus. Und dann sitzt da aber jemand, der in jeden zweiten Satz das Wort Glück packt, und die Sätze purzeln nicht wie PR-Phrasen aus ihm heraus. Er erzählt von Kindern, die er in Nepal getroffen hat, und die seien glücklicher als viele Leute hierzulande, obwohl sie nichts hätten. Dieses Gefühl will er konservieren, so will er leben. Und er ist so froh, dass er seine Frau kennengelernt hat, bevor er erfolgreich wurde. Denn viele würden von seinem Glanz angezogen. „Okay, das hört sich jetzt komisch an“, schiebt er schnell hinterher. „Aber man sagt ja auch, Erfolg macht sexy.“ Und wieder: Kicher kicher.

Nichts bringt ihn auf die Palme, außer der Ringerstreit

Haben Sie, Frank Stäbler, also zwei Gesichter? „Es sieht so aus“, sagt er. „Aber ich bin immer derselbe.“

Überhaupt, so scheint es, gibt es nur eine Sache, die ihn wirklich auf die Palme bringt. Und das ist der Streit im heimischen Musberg. Hüben der TSV Musberg mit seinen Tausenden von Mitgliedern, den vielen Sportarten und einem Vereinschef, der mit den Ringern über Kreuz liegt. Drüben eben diese Ringer, die sich inzwischen abgespalten und einen eigenen Verein gegründet haben, den KSV Musberg. Auslöser des Streits dürfte wohl sein, dass die Ringer viel kleiner, aber viel professioneller und finanziell weitaus schlagkräftiger aufgestellt sind, als der große Mutterverein, in dem sich das ganze Dorf trifft. Inzwischen wurden, mit einigen Ausnahmen, die Ringer aus den Hallen geworfen.

„Das ist so ätzend, so traurig und so enttäuschend“, sagt Stäbler. „Allein schon, dass wir jetzt darüber reden müssen. Das hat viel Substanz gekostet.“ Er erinnert sich daran, dass Thomas Bach, der Präsident des internationalen Olympischen Komitees, extra seinen Flug verschoben hat, um im Oktober 2018 bei Stäblers Weltmeisterschaftskampf in Budapest dabei zu sein – wobei ihn dieser Sieg endgültig in den Olymp der Ringerwelt katapultiert hat. „Und dann will man mir zu Hause das Training verbieten“, sagt er und meint damit, dass er für einige Zeit im elterlichen Kuhstall den Schulterwurf geübt hat.

Für die Zeit nach seiner Sportlerkarriere hat er schon einen Plan

Es wäre ein Leichtes für ihn, woanders zu trainieren. Vereine haben ihm bereits viel, sehr viel Geld geboten, wenn er bei ihnen anheuern würde. Er könnte auch in einem Olympiastützpunkt trainieren. Aber jedes Mal lehnt er ab. „Musberg ist meine Heimat, meine Liebe, mein Zuhause“, sagt er. Hört sich etwas pathetisch an und wieder so, als wäre es eine vorgestanzte PR-Phrase. Nur ist es eben wieder keine Phrase. Stäbler tut das, was er sagt, und er sagt das, was er tut. „Ich will hier leben, und hoffentlich auch trainieren.“

Das nächste Ziel hat er bereits fest vor Augen. „Mein Traum ist es, 2020 in Tokio Olympiasieger zu werden“, sagt er. Es wäre der krönende Abschluss einer außergewöhnlichen Sportlerkarriere. Denn danach wird definitiv Schluss sein. Er wäre aber auch glücklich, wenn er den Titel nicht holen würde. Denn auch der Plan, den er für die Zeit danach entworfen hat, verspricht Besonderes. „Alle Termine werden gestrichen, dann gibt es nur noch Familie.“ Seinem PR-Berater, der, inzwischen beim Nachtisch angekommen, immer noch neben ihm sitzt, droht er schon mal damit, dass er für drei Monate nicht an sein Handy gehen werde, vielleicht auch für sechs Monate. Und anschließend wird er Motivationstrainer.

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