Ringer-EM als Härtetest für Olympia Warum Frank Stäbler gerne durch die Hölle geht

Frank Stäbler feierte EM-Gold in Rom – jetzt will er den Titel verteidigen. Foto: AP/Gregorio Borgia

Schmerzen sind für Frank Stäbler der tägliche Begleiter im Training. Nun steht die EM als Härtetest auf dem beschwerlichen Weg zu den Olympischen Spielen an. Was treibt das Ringerass an?

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Frank Stäbler liebt das Ringen und die große Bühne. Und wenn es um seine Leidenschaft geht, benutzt er gerne blumige Worte: „Glaube versetzt Schmerzen“, sagt er dann. Oder: „Wer im Himmel spazieren gehen will, muss davor durch die Hölle wandern.“

 

Der Himmel – das bedeutet für ihn Gold in Tokio. Die Hölle – das ist dieser extralange Anlauf zu der Neuauflage der Olympischen Spiele im August 2021. Derzeit befindet sich der 31-Jährige mitten auf diesem beschwerlichen Weg. Zum absoluten Härtetest wird dabei die EM am 24./25. April im polnischen Warschau. Natürlich möchte dieser schwäbische Gladiator der Moderne seinen in der Nähe des Kolosseums in Rom 2020 gewonnenen Titel verteidigen. Aber fast noch wichtiger ist, dass sein Körper der Belastung standhält. Er leidet immer noch an den Nachwirkungen einer Schultereckgelenksprengung. „Sie beeinträchtigt mich stark. Ich kämpfe jeden Tag mit Schmerzen. Mein Körper rebelliert gegen die Entscheidung von Kopf und Herz, weiterzumachen“, räumt der Mann aus Musberg ein. Er steckt die Leiden weg, nutzt sie sogar für seinen inneren Antrieb: „Sie erinnern mich täglich daran, für was ich arbeite, und sie geben mir Kraft, weil ich weiß, dass mein Leben danach umso schöner sein wird.“

Abschiedstournee mit Devils Heilbronn

Das Leben danach, das ist das Leben nach Olympia. Dann lässt er seine Karriere mit einer Abschiedstournee beim Bundesligisten Red Devils Heilbronn ausklingen. Doch davor strebt er nach dem Höchsten. Er will seine einzigartige internationale Laufbahn mit dreimal WM- und zweimal EM-Gold mit dem Triumph in Tokio krönen. Der Gewinn einer olympischen Medaille ist sein letzter großer sportlicher Traum. Sie fehlt ihm noch in seiner Sammlung. 2012 in London verlor er in der ersten Runde, 2016 in Rio stoppte ihn eine Verletzung.

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Wie sehr in Stäbler der Wunsch nach Olympia glüht, zeigt auch, dass er sich für eine Corona-Impfung der deutschen Teilnehmer ausspricht. „Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Aber wir alle haben für diesen Traum so viel geopfert. Wir wollen uns nicht vordrängen, aber für diesen Traum würde ich die Ausnahme zulassen“, sagte der gebürtige Böblinger und schiebt die Begründung hinterher: „Die Olympischen Spiele bringen so viel Positives für die Gesellschaft.“

Braucht er eine Impfung?

Stäbler selbst hat eine Corona-Erkrankung im vergangenen Oktober bereits hinter sich. 20 Prozent seiner Leistungsfähigkeit hatte er eingebüßt. Mithilfe eines Atemtrainers und vielen Spezialübungen im Training stärkte er seine Lunge, inzwischen befindet er sich wieder im Vollbesitz seiner Kräfte. Dennoch stellen sich für ihn auch ein halbes Jahr nach seiner Infektion noch viele Fragen. Zum Beispiel: Braucht er selbst überhaupt eine Impfung? Und wenn ja, wann wäre diese sinnvoll? Und welche wäre die richtige? Das alles verunsichert ihn ungemein. „Ich habe momentan noch Antikörper. Deshalb wäre es mir am allerliebsten, wenn mein Körper die Antikörper behalten würde. Dennoch bleibt ohne die Impfung die Gefahr, dass der Olympia-Traum durch eine Infektion kurz davor verpufft.“

Gefahr einer Olympia-Absage

Die Pandemie belastet ihn – auch weil die Gefahr einer Absage der Sommerspiele im Raum steht: „Das Thema Corona ist omnipräsent. Das ist extrem kräftezehrend“, meint der zweifache Familienvater. Er kann die Gefahr der Absage nicht komplett ausblenden. Aber er müsse es immer wieder versuchen. „Denn wenn ich nur zu einem Prozent zweifle, kann ich mich nicht zu 100 Prozent motivieren“, stellt er klar.

Zunächst gilt sein ganzer Fokus der EM in der kommenden Woche. Aufgrund seiner Verletzung werden die Titelkämpfe ein „Spiel mit dem Feuer“, wie er selbst sagt. Er braucht diese Wettkampfatmosphäre, diese Adrenalinausschüttung. Sie lassen sich in keinem Training der Welt simulieren.

„Projekt 67 Finale“

Doch selbst wenn die EM glattgeht, die Coronagefahr gebannt wird, und sein Körper mitspielt, ist Stäbler noch längst nicht am Ziel. Am 1. Mai startet sein „Projekt 67 Finale“ und damit ein Leben ohne Zucker, ohne Kohlenhydrate abends, dafür mit sehr viel Wasser. Mit dieser Diät will er sich von derzeit 75 kg auf sein olympisches Limit von 67 kg runterhungern. Diese Tortur muss das Ringerass, das in Warschau in der Klasse bis 72 kg antreten wird, ein letztes Mal hinter sich bringen. Sie wissen schon: „Wer im Himmel spazieren gehen will...“

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