Risiken bei Geburten Chef der Stuttgarter Frauenklinik: „Eine Geburt ist eine Naturgewalt“

Geburten kommen in Deutschland in den meisten Fällen zu einem guten Ende. Foto: dpa

Der Fall einer Mutter, die nach der Geburt ihrer Zwillinge verblutete, schockiert viele. Ein Experte erklärt, warum man immer noch Respekt vor einer Geburt haben sollte.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

In Deutschland sterben nur noch wenige werdende Mütter bei der Geburt. Doch der Fall einer jungen Frau, die vor drei Jahren nach der Geburt ihrer Zwillinge in der Filderklinik verblutete, erschüttert nach einem Prozess gegen die behandelnden Ärzte viele. Dabei stellt sich auch die Frage: Wie groß ist die Gefahr bei einer Geburt heutzutage für Mütter?

 

Ulrich Karck ist Ärztlicher Direktor der Frauenklinik des Klinikums Stuttgart, in dem jährlich rund 3500 Kinder zur Welt kommen, darunter auch Mehrlingsgeburten und kleinste Frühgeborene. Im Interview spricht er über die Risiken, die eine Geburt mit sich bringt, und wie man mit ihnen umgehen kann.

Herr Karck, eine Geburt ist heute eigentlich nicht mehr gefährlich für werdende Mütter – oder?

Bei unseren Informationsabenden im Klinikum sage ich immer, dass die Geburt ein natürlicher Vorgang ist, der oft genug zu einem guten Ende kommt, denn sonst hätten wir als Spezies es nicht bis hier geschafft. Es braucht also nicht unbedingt einen Arzt oder eine Hebamme für eine Geburt, sonst wären wir längst ausgestorben. Die Medizin gibt es ja noch nicht so lange. Aber wenn man sich die Daten anschaut, die die Forschung für steinzeitliche Gesellschaften erarbeitet hat, dann sind die Schätzungen recht präzise: Ungefähr jede zehnte Frau ist im Zusammenhang mit Geburt und Schwangerschaft damals gestorben. Das ist sozusagen das natürliche Risiko, das Mutter Natur für uns Menschen eingepreist hat.

Die meisten Babys kommen in Deutschland in Kliniken zur Welt, doch es gibt den Trend zur sogenannten Alleingeburt – ohne medizinische Geburtshelfer. Wie stehen Sie dazu?

Wenn man eine Alleingeburt daheim macht, kehrt man wieder zurück zu diesen Zahlen. Man lässt sich also auf dieses Risiko ein, das bei der Geburt eingepreist ist. Früher war die Geburt das gefährlichste Ereignis im Leben jeder Frau. Das hat sich zum Glück geändert, weil wir uns und die Medizin weiterentwickelt haben.

Ulrich Karck ist Ärztlicher Direktor der Frauenklinik im Klinikum Stuttgart. Foto: Kai Loges/Klinikum Stuttgart

Trotz des Wissens um diese Risiken ist manchen Menschen eine natürliche Geburt in Wohlfühlatmosphäre wichtig, etwa im Geburtshaus oder zu Hause. Verstehen Sie das?

Wir Menschen haben große Schwierigkeiten, Gefahren richtig einzuschätzen. Klar kann man sich entscheiden, das Kind im Geburtshaus oder zu Hause zur Welt zu bringen. Doch ich kenne keine Mutter, die ihren Säugling nicht in einer Babyschale anschnallen würde. Da wird auf Sicherheit geachtet. Aber unter der Geburt werden Risiken eingegangen, die man hinterher nie akzeptieren würde. Das ist irrational.

Welche Risikofaktoren kann man bereits in der Schwangerschaft erkennen?

Die Untersuchungen, die im Rahmen der Vorsorge gemacht werden, sind nichts anderes als eine Risikobewertung. Dabei wird geschaut, ob es das erste Kind ist, ob die Frau Diabetes oder Übergewicht hat. Man überprüft, ob das Kind richtig liegt, ob es sich innerhalb der Gebärmutter normal entwickelt und normal wächst und wie die Mutterkuchenversorgung ist. Man schaut also, ob es Risiken und Probleme gibt, die man vorher schon erkennen kann. Frauen mit komplizierter Schwangerschaft oder erwarteter Risikogeburt sehen wir dann schon frühzeitig in unserer Schwangerenambulanz. Dank unseres Pränatalzentrums der höchsten Stufe können wir auch diesen Frauen, und ihren Babys, große Sicherheit geben.

Nicht alles ist vorher erkennbar. Was kann während der Geburt passieren?

Eine Geburt ist eine Naturgewalt. Es ist etwas ganz dynamisches und auch nicht vollständig kontrollierbares. Da passiert enorm viel, und es kann auch ganz, ganz schnell gehen. Es kann sein, dass die Situation wunderbar und unter Kontrolle ist – und dann kippt es innerhalb weniger Minuten. Wir leben im 21. Jahrhundert und Frauen müssen zum Glück dank des medizinischen Fortschritts keine Angst mehr vor der Geburt haben. Aber Respekt in hohem Maße ist nach wie vor extrem wichtig.

Gelingt eine Mehrlingsgeburt auf natürlichem Weg, wie im Oktober in der Filderklinik geschehen, wird darüber positiv berichtet. Warum wird bei Ihnen in der Frauenklinik in solch einem Fall ein Kaiserschnitt empfohlen?

Da muss man differenzieren. Bei Zwillingen gibt es Konstellationen, die wir risikoarm auf natürlichem Weg machen können. Wenn es zu Problemen kommt, dann meistens beim zweiten Zwilling. Denn wenn das erste Kind auf der Welt ist, kann es sein, dass sich das zweite verkeilt oder quer liegt. Oder der Mutterkuchen löst sich, und das Kind kommt plötzlich in eine Bedrängnis. Wir bereiten also die Mutter vorher darauf vor, dass sie im ungünstigen Fall das erste Kind vaginal bekommt, aber beim zweiten Kind ein Notkaiserschnitt nötig werden könnte. Aber es gibt viele Zwillingsgeburten, die entspannt auf natürlichem Weg ablaufen.

Bei wie vielen Zwillingsgeburten ist das durchschnittlich so?

Wir haben etwa 160 Zwillingsgeburten im Jahr. 70 davon sind natürliche Geburten.

Wie sieht es bei Drillingsgeburten aus?

Bei Drillingen ist die Risikokonstellation nach unserer Einschätzung hoch. Da würden wir immer einen primären Kaiserschnitt machen. Eine natürliche Geburt kann zwar gut gehen, aber dieses Risiko würde ich bei meiner Tochter nicht eingehen wollen – und dann kann ich es auch nicht guten Gewissens meinen Patientinnen empfehlen.

Bei welchen Fällen lehnen Sie vaginale Geburten von vornherein ab, auch wenn die Eltern es sich wünschen?

Bei Drillingsgeburten lehnen wir auf jeden Fall eine natürliche Geburt ab. Bei Zwillingsgeburten, bei denen das erste Kind in Beckenendlage liegt, lehnen wir auch ab. Außerdem schätzen wir das Risiko bei einer Erstgebärenden, deren Kind in Steißlage liegt, als zu hoch und nicht akzeptabel ein.

Weitere Themen