Alle sollten ihren Blutdruck kennen, ob alt oder jung. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Kennen Sie Ihren Blutdruck? „Wenn nicht, dann dringend kontrollieren“, sagt der Stuttgarter Chefarzt Jörg Latus. Warum das auch für junge Leute gilt – und wie man richtig misst.
Jeder Dritte in Deutschland hat einen zu hohen Blutdruck. Die Zahl der Betroffenen hat sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt. Viele wissen aber gar nicht, dass sie betroffen sind. Deshalb ist bei Bluthochdruck auch vom „stillen Killer“ die Rede, denn er ist Hauptrisikofaktor für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Jörg Latus, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Nephrologie am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart (RBK), erklärt, warum auch junge Menschen ihre Werte kennen sollten.
Herr Professor Latus, Bluthochdruck nimmt man oft als Problem von älteren Menschen wahr. Was ist dran?
Es stimmt schon, dass mit zunehmendem Lebensalter das Risiko für Bluthochdruck, in der Fachsprache Hypertonie genannt, steigt. Das liegt unter anderem daran, dass die Gefäße nicht mehr so elastisch sind. Genau das ist jedoch das Tückische. Junge Leute haben meist keine Ahnung, wie ihre Werte sind, und kein Bewusstsein dafür, dass das auch für sie wichtig ist. Sie sind inzwischen nämlich immer häufiger betroffen. Haupttreiber sind dabei Übergewicht und Bewegungsmangel. Wir behandeln bei uns immer wieder Männer zwischen 30 und 40 nach einem Schlaganfall. Die meisten hatten zu hohen Blutdruck, wussten aber nichts davon.
Jörg Latus leitet am Robert Bosch Krankenhaus die Abteilung Innere Medizin und Nephrologie. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Es sollte also jeder messen?
Unbedingt. Ich sage immer: Alle sollten ihren Blutdruck kennen, ob alt oder jung – auch 25-Jährige sollten ihn regelmäßig überprüfen. Das ist kein Aufwand, und bringt so viel. Selbst wenn man kein eigenes Gerät hat, kann man beim Haus- und Betriebsarzt oder in der Apotheke messen lassen. Oder beim Besuch bei den Eltern oder bei Oma und Oma deren Gerät benutzen.
Welcher Blutdruck ist eigentlich normal?
Es gibt zwei Werte – den systolischen, also den oberen, höheren, und den diastolischen, also den unteren, niedrigeren Wert. Bei Erwachsenen ist 120/80 normal. Ab 140/90 lautet die Diagnose: Bluthochdruck. Es reicht übrigens, wenn einer der Werte überschritten ist. Und schon ab 130/85 spricht man von hochnormalem Blutdruck. Es gibt Situationen, in denen der Blutdruck automatisch steigt, etwa bei Wut, Ärger, Freude, Anstrengung. Das darf so sein, der Körper stellt sich auf Extremsituationen ein. Gefährlich ist vor allem ein dauerhaft erhöhter Blutdruck.
Woran merkt man, dass etwas nicht stimmt?
Häufig hat man gar keine Symptome. Das macht diese Erkrankung ja erst recht gefährlich. Manchmal treten Kopfschmerzen auf, oder man hat Nasenbluten. Ist der Blutdruck extrem hoch, kann es zu Nervosität, Zittern, Brustschmerzen, Luftnot, Schwindel und Sehstörungen kommen. In diesen Fällen hat das Hirn bereits Schaden genommen.
Unsere Gefäße sind ein filigranes, verletzliches System. Ist es jeden Tag zu hohen Kräften ausgesetzt, nimmt es Schaden. Man kann es sich so vorstellen: Spritzt man mit einem Schlauch mit hohem Druck Wasser auf ein Blatt Papier, zerfetzt das Papier. Ähnlich ist es bei den Gefäßen. Wenn das Blut ständig mit hohem Druck durch die Gefäße fließt, können Risse entstehen und in der Folge Engstellen und Verschlüsse. Langfristig macht das wichtige Organe kaputt. So ist Bluthochdruck einer der größten Risikofaktoren für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Was nur wenigen bekannt ist: Bluthochdruck kann auch die Nieren schädigen. Vorsorge ist somit sehr wichtig.
Als Ursache haben Sie bereits Übergewicht und Bewegungsmangel genannt. Gibt es weitere?
Bei etwa zehn Prozent der Betroffenen liegen Grunderkrankungen wie Hormonstörungen, Schlafapnoe oder Nierenkrankheiten vor. Auch Medikamente, etwa Schmerzmittel, können den Blutdruck erhöhen. Die größte Rolle spielt jedoch der Lebensstil, zu dem auch das Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung und Stress gehören. Dazu kommt eine genetische Veranlagung.
Wie beugt man vor?
Wir haben viele Werkzeuge in der Kiste. Den entscheidendsten Einfluss hat wie gesagt unser Lebensstil. Am besten bewegt man sich daher regelmäßig. Drei- bis fünfmal die Woche zum Beispiel um die 30 Minuten Schwimmen, Radfahren oder Walken. Damit kann man auch Übergewicht vorbeugen oder reduzieren, was ebenfalls ein Risikofaktor ist. Wichtig ist eine ausgewogene, gesunde Ernährung mit wenig Kochsalz und Zucker. Von vielen Verboten halte ich nichts, mal eine Cola oder ein Glas Wein sind also okay. Aber die Menge macht’s. Deshalb sollte man von hochverarbeiteten Lebensmittel möglichst die Finger lassen – Fertigpizza zum Beispiel, Dosengerichte, Tütensuppen, Chips und auch Soft- und Energydrinks, hier ist nämlich viel Salz enthalten. Rauchen sollte man ebenfalls nicht, und wenig Alkohol trinken. Außerdem hilft es, Entspannung in den Alltag einzubauen.
Kann man bestehenden Bluthochdruck so selbst senken?
Ja, sicher. Das alles hilft. Oft reicht es aber nicht aus. Dann muss man zusätzlich therapieren. Heutzutage haben wir sehr gute, sehr wirksame, sehr verträgliche Medikamente. Neuartige Präparate kombinieren drei Wirkstoffe in einer Tablette – das ist effektiv und meist ohne mehr Nebenwirkungen. Wenn man nur eine Pille schlucken muss, nimmt man sie zudem regelmäßiger. Die Blutdruckwerte sollte man natürlich weiter im Blick haben.
Eigentlich sollte sich jeder ein Messgerät kaufen. Und zwar eines, das zu einem passt, das einem nicht unangenehm ist. Das kostet nicht viel, schon für 50 bis 80 Euro gibt es gute Geräte. Oberarmmessungen sind zwar genauer. Aber Handgelenkmanschetten werden oft als praktischer empfunden. Wer technikaffin ist, kann sich ein Armband oder eine Uhr zulegen. Ganz wichtig ist, dass der Blutdruck in Ruhe gemessen wird – im Sitzen, nach etwa drei, vier Minuten. Im Netz gibt es sehr gute Anleitungen. Für die Diagnose führt man am besten eine Woche lang ein Blutdruck-Tagebuch. Wenn man keinen Bluthochdruck hat, reicht es in der Regel, einmal im Jahr zu kontrollieren.
Kann man Schäden wieder reparieren?
Leider nein, sind die Gefäße porös oder verdickt, ist meist keine Umkehr möglich. Aber man kann den weiteren Verfall aufhalten – und so die Schäden minimieren. Mit einfachen, fast kostenfreien Mitteln. Mich überrascht immer wieder, wie viel Geld die Menschen etwa in Nahrungsergänzungsmittel investieren, in der Annahme, so gesünder zu leben und älter zu werden. Dabei ist es viel wichtiger, einen normalen, stabilen Blutdruck zu haben. Das ist der erste Schritt zu Longevity.
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