Wer am 4. August 2023 nicht selbst in der Reutlinger Innenstadt war, dürfte sich bei dieser Nachricht die Augen gerieben haben: Schneepflüge räumen Straßen – im Hochsommer. Bis zu 30 Zentimeter hoch war die Hagelschicht mancherorts. „Kurz mal Winterlandschaft“, kommentiert Anne Schüller, stellvertretende Abteilungsleitung bei der örtlichen Stadtentwässerung. Während die Wetterlage rund um Reutlingen ebenfalls stürmisch war, hatte der Himmel die Hagelmassen dieses Mal nur über einem sehr kleinen Gebiet ausgekippt. Aber: Wieder war Reutlingen im Zentrum des Sturms.
„Es gibt eine Regelmäßigkeit“, sagt Anne Schüller über die Extremwetter in Reutlingen . Besonders heftig war eine Superzelle vor zehn Jahren: Das Hagelunwetter im Sommer 2013 hatte mit 1,4 Milliarden Euro den größten Versicherungsschaden in ganz Deutschland zur Folge. Das Reutlinger Krankenhaus musste rund hundert Menschen behandeln – und das innerhalb von vier Stunden; die Patienten hatten Gesichts- und Schnittverletzungen oder Hämatome. Und auch Ende Juni 2021 traf ein Sturm die Stadt am Fuß der Schwäbischen Alb hart: Starkregen, Hagel, etliche Keller waren vollgelaufen, sogar Häuser am Hang standen unter Wasser. Bei der Feuerwehr gingen in wenigen Minuten Hunderte Anrufen ein. Es seien in 45 Minuten 60 Liter pro Quadratmeter über der Stadt ausgeschüttet worden. „Wir arbeiten bis heute noch die Folgen auf“, berichtet Anne Schüller.
Starkregen im Ahrtal
Verwüstungen in nicht gekanntem Ausmaß
Reutlingen war in der Vergangenheit von der Wetterlage besonders gebeutelt worden, aber bei Weitem nicht so stark verglichen mit der Katastrophe, die sich im Juli 2021 im Ahrtal im Westen Deutschlands abgespielt hat. Wassermassen haben dort zu Verwüstungen in nicht gekanntem Ausmaß geführt. Dass Starkregen ausgerechnet in dieser Gegend niedergingen, war letztlich fürchterliches Pech. Jörn Birkmann war erst vor Kurzem wieder dort, diesmal mit Mitgliedern des Bauausschusses des Bundestags. Der Professor von der Universität Stuttgart gehört zu den Wissenschaftlern, die den Wiederaufbau im Ahrtal seit November 2021 begleiten.
Birkmann hat am jüngsten Bericht des Weltklimarats mitgeschrieben und befasst sich zudem mit der Verwundbarkeit durch die Folgen des Klimawandels – und damit, wie die Verwundbarkeiten und Risiken reduziert werden können. Er hat keine einfache Antwort auf die Frage, wie die Menschen im Ahrtal weitermachen. „Der Wiederaufbau läuft auf sehr unterschiedlichem Niveau.“ Im mittleren Ahrtal etwa, „sieht es noch recht düster aus“. Wer es sich leisten könne, schütze sich besser. Einige ältere Bewohner seien weggezogen, es gebe aber auch viele, die das wieder aufbauen wollten, was ihnen die Sturzflut genommen habe.
Wofür es Wiederaufbaugeld gibt
Bislang gibt es Wiederaufbaugeld primär für das, was kaputtgegangen ist. Man muss den Schaden durch die Flut nachweisen und Zerstörtes wiederherstellen, oft an derselben Stelle. Die Wissenschaftler versuchen aufzuzeigen, wie die Gelder sinnvoller eingesetzt werden könnten. „Man müsste die Förderrichtlinien ändern.“ Da bewege sich zwar einiges, laut Birkmann sei es aber zäh. Immerhin: Von den rund 15 Milliarden Euro fürs Ahrtal sei erst ein Bruchteil ausgegeben. Noch lasse sich also umsteuern.
Reutlingen arbeitet an Konzept
Das gilt fürs Ahrtal, wo die Katastrophe bereits eingetreten ist. Das gilt aber auch für alle Orte, die als besonders verletzbar gelten. „Das ist auch für Stuttgart relevant“, sagt Birkmann. Würde über Stuttgart eine solche Wetterlage wie über dem Ahrtal auftreten, hätte dies erhebliche Konsequenzen. Viele kritische und sensible Infrastrukturen wie Kliniken oder Altenheime seien an Stellen, die von Starkregen getroffen werden könnten.
Gut zehn Prozent der Kommunen in Baden-Württemberg arbeiten an einem Starkregenschutz. Das Land fördert es, wenn etwa Gefahrenkarten erstellt werden, die öffentlich einsehbar sind. Doch wie viele Menschen schauen sich das an? „Wer sieht die?“, fragt auch Jörn Birkmann. „Der Makler zeigt sie Ihnen nicht.“ Dabei seien gerade diese Karten von Interesse, wenn man sich ein Haus oder Grundstück kaufe.
Zu viel Regen auf einmal über Reutlingen
Wer in Reutlingen einen Bauantrag stellt, wird auf mögliche Gefahren durch Hochwasser oder Starkregen hingewiesen, sagt Anne Schüller. Und Interessenten werden aufgefordert, vorzusorgen. Dass R eutlingen an einem Starkregenkonzept arbeite, ist eine von vielen Maßnahmen, um die Verwundbarkeit der Stadt zu verringern. Die Echaz, die durch Reutlingen fließt, sei nicht das Hauptproblem. Bei den Extremwettern sei zu viel Regen auf einmal über der Stadt herabgekommen – und das über einer stark versiegelten Stadt. „Diese Wassermengen kann man nirgendwo unterbringen“, sagt Schüller. In der Innenstadt seien gerade in solchen Situationen Hunderte Gebäude betroffen.
Um gezielter eingreifen zu können, überwacht die Stadt Reutlingen Regenmengen, Pegelstände und Einlaufgitter, die durch Treibgut verstopfen können. Im Sommer 2024 ist ein Extremwettertag in der Stadthalle geplant. Das Interesse ist wohl da. Nach dem Starkregen 2021 seien die Anrufe besorgter Bürger „in die Hunderte gegangen“, sagt Schüller. „Die meisten werden aktiv, wenn sie einmal Wasser im Keller hatten.“ Und das hatten in Reutlingen schon viele.
Schutz vor neuen Gefahren
Starkregen
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) spricht von Starkregen, wenn in einer Stunde mindestens 20 bis 25 Liter Wasser pro Quadratmeter niederprasseln (oder 20 bis 35 Liter pro Quadratmeter in sechs Stunden). In drei Stufen warnt er vor markantem Wetter, Unwetter oder extremem Unwetter. Letzteres meint mehr als 40 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde (oder mehr als 60 Liter in sechs Stunden).
Schutz
In Deutschland gibt es keine Pflicht, sich gegen Naturgefahren zu versichern. Laut dem Gesamtverband der Versicherer haben aktuell rund 52 Prozent der Immobilienbesitzer einen solchen Schutz. Bei der Ahrtal-Katastrophe war etwa die Hälfte der Betroffenen nicht entsprechend versichert. In Baden-Württemberg ist die Quote mit mehr als 90 Prozent sehr hoch; hier gab es bis 1990 eine Pflicht, diese will man nun wieder einführen. ana