Risikofaktor Bluthochdruck Stuttgarter Arzt fordert bessere Vorsorge für Bluthochdruck
Ein zu hoher Blutdruck gilt als der wesentliche Grund für einen frühen Tod. Doch welche Werte gelten als normal? Ein Stuttgarter Arzt klärt auf.
Ein zu hoher Blutdruck gilt als der wesentliche Grund für einen frühen Tod. Doch welche Werte gelten als normal? Ein Stuttgarter Arzt klärt auf.
Der junge Zimmermann war gerade auf der Walz, als er bei einem Freund in Stuttgart Station machte. Weil das Blutdruckmessgerät dort auf dem Tisch stand, maß der junge Mann seine Werte – „einfach so zum Spaß“, wie er erklärte. Er staunte nicht schlecht: Statt den optimalen Werten von 120/70 mmHg zeigte das Messgerät einen Blutdruck von 225/120 mmHg an. Der Zimmermann unterbrach prompt seine Wanderschaft und stellte sich in der Notaufnahme des Robert Bosch Krankenhauses (RBK) vor.
Solche Fälle sind gar nicht so selten, sagt Jörg Latus, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin und Nephrologie am RBK, der den jungen Zimmermann betreut hat. Viele Diagnosen die den Bluthochdruck betreffen sind Zufallsbefunde. „Einfach, weil die Menschen zu wenig über ihre eigenen Werte wissen“, sagt Latus. Und das, obwohl es zahlreiche Möglichkeiten gibt, den Blutdruck kostenfrei zu messen – in Apotheken, beim Hausarzt, beim Besuch betagter Angehöriger im Pflegeheim. Auch bestimmte Smartwatches sind in der Lage, den Wert verlässlich zu checken.
Weshalb Jörg Latus es gerne sehen würde, wenn sich in der Gesellschaft das Bewusstsein für die Gefahren einer Bluthochdruckerkrankung stärker entwickeln würde. Dass etwa bei jahrelang anhaltend hohen Werten die Nieren nicht mehr ausreichend versorgt zu werden und das Augenlicht in Gefahr ist, oder eine Ader zu platzen droht. Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall – so lauten die typischen Folgeerkrankungen von Bluthochdruck. „Wenn wir ein langes Leben wollen, müssen wir uns um den Blutdruck kümmern“, so Latus.
Inzwischen hat jeder zweite Bundesbürger, der älter als 50 Jahre ist, einen zu hohen Blutdruck, warnt die Deutsche Herzstiftung. „Es gibt auch viele, die in jüngeren Jahren einen Bluthochdruck haben“, sagt Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „Aber im Alter – aufgrund der steifer werdenden Blutgefäße – tritt die Bluthochdruckerkrankung häufiger auf.“ Es gibt auch eine genetische Veranlagung. Aber in den allermeisten Fällen sind es Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Übergewicht, ungesunde Ernährung, anhaltender Stress und Bewegungsmangel, die diese Entwicklung fördern.
Das zeigt sich auch im Südwesten: Hier wurde nach Zahlen der AOK Baden-Württemberg bei etwa jedem Viertem eine Hypertonie festgestellt. Bei Menschen über 65 Jahren sind es zwei von drei Betroffenen, bei den Über-80-Jährigen sogar vier von fünf. Deshalb fordert nicht zuletzt die Herzstiftung im Vorfeld des Welt-Hypertonietages am 17. Mai, verstärkt über Vorsorge-Check-Ups aufzuklären. Denn die Zahl der unentdeckten Hochdruckpatienten geht in die Millionen, warnt Voigtländer. Darunter sind auch viele jüngere Menschen, weil diese nicht regelmäßig zum Arzt gehen.
Deshalb empfehlen Fachgesellschaften wie auch die Herzstiftung jedem Erwachsenen unter 40 Jahren mindestens alle drei Jahre eine Blutdruckkontrolle vornehmen zu lassen. Spätestens ab dem 40. Lebensjahr sollte diese jährlich vorgenommen werden. Ist ein hoher Blutdruck in der Familie bekannt, ist die routinemäßige Blutdruckmessung auch schon in jungen Jahren nötig.
Bei dem jungen Zimmermann etwa fand der Nierenexperte Latus die Ursache seiner hohen Werte in einem gefährlichen Wechselspiel: „Bluthochdruck zählt, neben Diabetes mellitus, zu den häufigsten Ursachen für die Entwicklung einer chronischen Nierenerkrankung“, sagt Latus. Gleichzeitig steigert eine schlechte Nierenfunktion den Blutdruck. Diese Abhängigkeit muss mit einer Bluthochdrucktherapie durchbrochen werden. „Sonst droht ein Nierenversagen und eine Dialyse wird notwendig.“ Bei dem Zimmermann waren die Nieren aufgrund des jahrelangen Bluthochdrucks so stark geschädigt, dass er nun Dialysepatient ist.
Besonders bei jungen Menschen mit schwer einstellbarem Blutdruck sollte nach einer sogenannten sekundären Hypertonie zu suchen – also nach einer behandelbaren Grunderkrankung, die die Werte in die Höhe treibt. Auch eine Schlafapnoe kann Bluthochdruck begünstigen, ebenso eine Überproduktion von Hormonen der Nebennierenrinde wie Aldosteron und Cortisol, aber auch Schilddrüsen- und Stresshormonen.
Doch ab welchem Wert ist man ein Risikopatient? Bislang gilt hierzulande 120/70 mmHg als optimaler Blutdruck. Weil dieser im Alter immer schwerer zu erreichen ist, hat sich die Europäische Gesellschaft der Kardiologen darauf geeinigt, dass auch ein Wert von unter 130/85 mmHg als normal gilt. „Wenn keine zusätzlichen Risikofaktoren wie Diabetes diagnostiziert werden, kann unter Umständen auch ein Wert von unter 140/90 noch akzeptiert werden“, so Voigtländer. Unabdingbar ist dann eine Änderung des Lebensstils, indem Betroffene ihre Ernährung umstellen, Gewicht verlieren und sich mehr bewegen und auch Entspannungsübungen in den Alltag einbauen.
Liegen die Werte im Ruhezustand regelmäßig über 140/90 mmHg, spricht man von Bluthochdruck, den es in jedem Fall zu senken gilt. Dies geschieht bei einem Großteil zusätzlich zu einem gesünderen Lebensstil mittels Medikamenten. Zur Auswahl stehen viele unterschiedliche gut verträgliche blutdrucksenkende Substanzen.
Wie stark der Blutdruck dann gesenkt werden muss, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Als Faustregel gilt: Je kränker ein Patient ist, desto strenger setzt man die Grenzwerte an. Das therapeutische Prinzip ist dabei, unterschiedliche Medikamente in möglichst geringer Dosis geschickt miteinander zu kombinieren. Das erfordert Zeit und Geduld: Die Dosis der Medikamente sollte langsam gesteigert werden, um Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit oder Übelkeit niedrig zu halten, rät die Herzstiftung. „Wichtig ist die hohe Einnahmetreue von Blutdrucksenkern, um Entgleisungen und Folgen wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Nierenschäden zu vermeiden“, ergänzt Latus.
Für den Zimmermann hat das Ärzteteam im RBK Stuttgart eine optimale Medikamenten-Therapie gefunden. „Er ist auf einem guten Weg“, so Jörg Latus. Aber nicht mehr auf der Walz.