Risikowahrnehmung Die Sache mit den Prozentzahlen

Von  

Pandemie, Atomkraft, Dioxin: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Doch was sagen die Wahrscheinlichkeiten schon aus?  

Pandemie, Atomkraft, Dioxin: ist das gefühlte Risiko womöglich größer als das tatsächliche? Darüber wird gestritten. Bei der Schweinegrippe wollten sich beispielsweise viele aus Angst vor Nebenwirkungen nicht impfen lassen – Laien wie Ärzte. Foto: dpa
Pandemie, Atomkraft, Dioxin: ist das gefühlte Risiko womöglich größer als das tatsächliche? Darüber wird gestritten. Bei der Schweinegrippe wollten sich beispielsweise viele aus Angst vor Nebenwirkungen nicht impfen lassen – Laien wie Ärzte. Foto: dpa

Stuttgart - Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sind viele Amerikaner vom Flugzeug auf das Auto umgestiegen. Wer wollte es ihnen verdenken? Doch im Nachhinein lässt sich statistisch belegen, dass sie den Terroristen in die Hände gespielt haben. Denn Autofahrten sind riskanter als Flugreisen. Die Psychologen Gerd Gigerenzer und Wolfgang Gaissmaier vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung haben nachgerechnet: In den zwölf Monaten nach den Anschlägen sind rund 1600 Menschen zusätzlich auf den US-amerikanischen Straßen gestorben. Die Angst vor weiteren Flugzeugentführungen mag berechtigt gewesen sein, doch diese Angst hat dazu geführt, dass mehr Menschen starben als durch die Terrorakte ohnehin schon.

Gefühlte Risiken sind schwer wegzudiskutieren. Es gibt keine wissenschaftlich begründbare Methode, die klar zwischen rationalen und irrationalen Einschätzungen unterscheiden könnte. Dennoch sind Risikoforscher unzufrieden und suchen nach Wegen, übertriebene Reaktionen zu vermeiden. Knackpunkt sind immer wieder die Prozentzahlen, in denen Risiken angegeben werden. Das Gehirn scheint für Statistik nicht wirklich geschaffen. Die Psychologen Gigerenzer und Gaissmaier warnen vor der "Illusion der Gewissheit": "Unser Gehirn verkauft unserem Bewusstsein die wahrscheinlichste Vermutung als definitives Ergebnis." Zu einer vernünftigen Einschätzung der Risiken gehört aber auch, die Unsicherheiten im Blick zu behalten.

Biosiegel schützt nicht vor Risiken

Das jüngste Beispiel ist die Debatte über die Sicherheit von Atomkraftwerken. Viele Menschen fühlen sich durch die nicht für möglich gehaltene Katastrophe in Fukushima so verunsichert, dass die Politik ungewöhnlich schnell reagiert. Doch es wird zu Recht entgegnet, dass sich für die deutschen Meiler durch das Erdbeben und den Tsunami in Japan nichts geändert habe. Ist die politische Reaktion also ein Zeichen unüberlegten Handelns unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe oder hat der zähe Kampf gegen den Super-GAU lediglich die bekannten, aber bisher womöglich unverstandenen Risikoeinschätzungen anschaulich gemacht?

Ein leichter fassbares Beispiel mit weniger dramatischen Risiken ist der wenige Wochen zurückliegende Dioxinskandal. Was ist beispielsweise davon zu halten, wenn Verbraucher auf Bioeier umsteigen? Nicht viel, mag man denken. Zum einen schützt das Biosiegel nicht vor gesundheitlichen Risiken: Im Frühjahr 2010 waren bei einem bundesweiten Dioxinskandal auch Biohöfe betroffen. Zum anderen sieht das zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin nach Auswertung aller Proben keinen Grund, vor konventionell erzeugten Eiern zurückzuschrecken (siehe Infokasten). In den 60er und 70er Jahren habe man viel mehr Dioxin aufgenommen als heute, berichtete der Institutssprecher Jürgen Thier-Kundke dieser Tage bei einer Diskussionsrunde der Journalistenverbände TELI und WPK in Stuttgart.

Forderungen nach absoluter Sicherheit zielen ins Leere

Doch es ist gut möglich, dass die Verbraucher nicht wegen des Dioxins zu Bioeiern griffen, sondern weil sie hofften, den Betreibern von Biohöfen mehr vertrauen zu können. Das Dioxin war schließlich durch Schlampereien, wenn nicht gar durch Panschereien in das Tierfutter gelangt. Mit dieser Haltung wären die Verbraucher auf dem richtigen Weg, denn das Hauptproblem sind die offenbar unzureichenden Kontrollen in der Herstellung des Tierfutters. Auch der Preisdruck auf dem deutschen Lebensmittelmarkt könnte nach Expertenmeinung dazu beitragen, dass Produktionsstandards missachtet werden.

Wenn es um Sicherheit geht, geht es immer auch um Kompromisse - beispielsweise um eine Abwägung zwischen gesundheitlichen Risiken und den Kosten. Forderungen nach absoluter Sicherheit zielen ins Leere. Peter Fantke von der Abteilung Technikfolgenabschätzung und Umwelt der Universität Stuttgart spricht von einem "Graubereich", mit dem sich Politik, Medien und Verbraucher auseinandersetzen müssten - und meint damit die Sicherheitsangaben zwischen 0,1 und 99,9 Prozent. Fantke empfiehlt, die Debatte auf ein breiteres Fundament zu stellen, und argumentiert damit gegen die Fixierung auf Zahlen. Es gehe nicht allein um die Frage, ob Eier sicher seien oder nicht. Ebenso wenig seien einzelne Grenzwerte bei der Beurteilung der Lage ausschlaggebend.

Grenzwerte beiten nur Anhaltspunkte

Böden und Gewässer sind beispielsweise schon seit Jahrzehnten mit Dioxin belastet. Die giftigen Substanzen reichern sich im Fettgewebe an - vorzugsweise bei den Tieren, die am Ende der Nahrungskette stehen. Als das Bundesinstitut für Risikobewertung vor einem Jahr Flussaale untersuchte, war in fast allen Proben der Grenzwert für Dioxine überschritten. Nur bei fünf Fischen aus dem Bodensee blieben die Ergebnisse darunter. Der durchschnittliche Verbraucher, der verhältnismäßig wenig Aal isst, wird durch dieses Dioxin nicht übermäßig belastet, doch das gilt womöglich nicht für Sportangler.

Grenzwerte bieten nur Anhaltspunkte, denn ihre rechnerische Ableitung steckt voll grober Annahmen und Daumenregeln: Man nehme die tägliche Dosis, bei der in Tierversuchen kein gesundheitlicher Schaden auftritt, und teile sie durch 100, um sie auf den Menschen zu übertragen. Diese akzeptable Höchstmenge rechne man dann anhand der durchschnittlichen Essgewohnheiten auf die verschiedenen Lebensmittel um. So wird klar, dass gelegentliche Überschreitungen zu verkraften sind.

Auch die Atomkraft lässt sich nicht auf Strahlenwerte und GAU-Wahrscheinlichkeiten reduzieren. Es geht auch um Stromkosten, um Stromtrassen und um die Frage, wie viel Müll wir den folgenden Generationen überlassen wollen. Hier helfen Prozentangaben nicht weiter.