Riskante Aktionen für coole Fotos Die gefährliche Suche nach dem perfekten Selfie

Von  

In Magstadt ist eine Jugendliche schwer verunglückt, weil sie Handyfotos von sich machen wollte. Immer wieder riskieren vor allem junge Mädchen viel für solche Selbstporträts. Die Polizei warnt vor den Gefahren.

Bitte lächeln:    Selbstporträts sind in den sozialen Netzwerken nicht wegzudenken. Foto: EPA
Bitte lächeln: Selbstporträts sind in den sozialen Netzwerken nicht wegzudenken. Foto: EPA

Stuttgart - Der Reiz des Verbotenen ist es wohl, der junge Menschen dazu bringt, Selbstporträts mit dem Handy an gefährlichen Stellen zu knipsen. Diese Selfies stellen sie dann ins Internet (auf Facebook, Twitter oder Instagram) und hoffen auf möglichst viel Begeisterung. Je mehr „Likes“, desto besser das Selbstwertgefühl, so erklären Psychologen das Verhalten.

Dieser Selfie-Trend ist am Dienstag einem Mädchen in Magstadt (Landkreis Böblingen) zum Verhängnis geworden. Mehrere Freundinnen einer Clique kletterten abwechselnd auf das gläserne Vordach eines Arzt- und Geschäftshauses. Unter einer 15-Jährigen gab das Glas nach und brach. Sie stürzte etwa fünf Meter tief auf den Asphalt. Die Jugendliche erlitt schwere Verletzungen und wurde mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht.

Es ist keine Seltenheit, dass sich Jugendliche in Gefahr bringen, um ein Selfie für den Auftritt in sozialen Netzwerken zu schießen. Bahngleise sind zum Beispiel ein beliebtes Motiv. In München musste am Pfingstwochenende die Polizei einschreiten, als zwei Mädchen mit Kamera und Stativ nachts in einen Tunnel gingen, um Aufnahmen zu machen. Die Stuttgarter Bundespolizei berichtet von einem Fall am 28. Mai bei Metzingen, als ein Lokführer eine Notbremsung machen musste, weil drei Jugendliche im Gleisbereich waren und sich dort fotografierten. Im Mai 2013 passierte in Stuttgart-Vaihingen am Bahnhof ein tödlicher Unfall, als eine 17-Jährige auf einen Güterwagen kletterte, um sich fotografieren zu lassen. Sie erlitt einen Stromschlag von der Oberleitung.

Der Trend zum Schienen-Selfie hält seit drei Jahren an

„Den Trend gibt es seit etwa drei Jahren“, sagt der Polizeisprecher Jonas Große. Meist seien es Mädchen, die solche Aufnahmen machen wollten. Bei Präventionsgesprächen mit Schulklassen haben die Beamten auch erfahren, warum das Motiv bei jungen Mädchen so beliebt ist: „Es geht dabei einerseits um das gegenseitige Überbieten im Bezug auf gefährliche Orte. Aber die Gleise haben für Jugendliche auch eine symbolische Bedeutung: Wenn sie im Hintergrund in die Ferne führen, dann steht das für die ewige Freundschaft“, erläutert der Pressesprecher. Die Bundespolizei klärt bei Schulbesuchen und an Infoständen über die Gefahren auf. So auch darüber, dass ein Zug bei Tempo 160 in 2,25 Sekunden 100 Meter zurücklege.

Was der Polizei gar nicht gefällt: immer wieder tauchen Menschen auf Schienen auch als Motiv in Werbeprospekten auf, etwa für Modeaufnahmen. „Dann wenden sich unsere Präventionsbeamten an die Firmen und klären auf“, sagt Große.

Psychologe: Menschen brauchen Bestätigung

An der Universität Hohenheim befassen sich die Experten am Lehrstuhl für Medienpsychologie mit dem Verhalten der Nutzer im Netz. Was die Leute antreibe, sei die Aussicht auf das, was Fachleute „die große Gratifikation“ nennen, sprich die Bestätigung, Lob und Anerkennung durch andere Nutzer der sozialen Netzwerke, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Tobias Dienlin. Beim Beispiel Selfies bedeutet das: gewagtere Aufnahmen erhöhen die Chance auf Zustimmung.

Die Sehnsucht der Menschen nach Lob sei dabei ein klassischer psychologischer Mechanismus. Der Mensch brauche Bestätigung, zum Beispiel auch, um etwas zu lernen. Und dieser Hunger nach Bestätigung ist offenbar häufig stärker als die Angst. Was die Forscher auch beobachten: Der technische Fortschritt beflügelt den Trend zunehmend. Erst kamen Smartphones mit Frontkamera auf den Markt, die das Selbstporträt einfacher machten, seit dem vergangenen Sommer gibt es Teleskoparme für Handys, sogenannt Selfie-Sticks. „Wir haben bei einer Langzeitstudie von 2009 bis 2012 eine Zunahme des Mitteilungsverhaltens festgestellt“, sagt Tobias Dienlin. Ein Ende der gefährlichen Selbstdarstellung im Internet ist also wohl noch nicht in Sicht.

Sonderthemen