Risse in Böblinger Häusern Die Angst schwingt immer mit

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Rund 40 Häuser in Böblingen weisen Risse auf, die Ursache ist noch nicht geklärt. Ein Statiker sagt jedoch, es bestehe keine akute Einsturzgefahr. Mulmig ist es einer betroffenen Familie dennoch zumute – vor allem nachts.

Auch im Wohnzimmer von Antonio La Marra Foto: factum
Auch im Wohnzimmer von Antonio La Marra Foto: factum

Böblingen - Fünf Stahlstreben und schwere Holzbalken stützen den Kellerraum ab, der der Familie bisher als Gästezimmer gedient hat. Durch die Wand und den Boden ziehen sich fast einen Zentimeter breite Risse, die nach oben durch den Hausflur wandern, wo sie immer breiter werden. Hinter dem Sofa im Wohnzimmer setzen sich die Risse fort, sie reichen hinauf in das zweite Stockwerk. Ein Albtraum für jeden Hausbesitzer. „Wir haben vor allem nachts Angst, wenn wir ins Bett gehen“, sagt Antonio La Marra. Er und seine Familie fühlen sich nicht mehr sicher in der Feldbergstraße 9 in Böblingen. Weil sich die Erde hebt, gibt es in dem Wohngebiet auch an 20 anderen Häusern Schäden. Rissbildungen sind zudem an rund 20 Gebäuden im Stadtgebiet Unteres Lauch aufgetreten (wir berichteten). In unmittelbarer Nähe waren jeweils Geothermiebohrungen durchgeführt worden.

Ursache der Schäden noch unbekannt

„Wir wissen nicht, woher die Schäden rühren“, sagt La Marra. Er habe bisher angenommen, dass die Risse, die er erstmals im Jahr 2008 entdeckt hatte, durch Arbeiten bei der Verlegung von Wasserrohren im Jahr 2005 durch die Stadt Böblingen aufgetreten sein könnten. Der 52-Jährige hat deshalb ein Anwaltsbüro eingeschaltet. Der Rechtsstreit mit der Stadt ist offenbar noch nicht entschieden. Der Anwalt, der La Marra vertritt, war allerdings gestern nicht zu erreichen. Nun hält es La Marra aber auch für möglich, dass die Geothermiebohrungen Schuld an der Misere sind. Sie haben bis zum Jahr 2008 „etwa 300 Meter von unserem Haus entfernt stattgefunden“, sagt er.

Darauf ist er erst gekommen, als er einen Brief von der Böblinger CDU-Stadträtin Daniela Braun erhielt. Als sie von gehäuft auftretenden Gebäudeschäden in ihrem Wohnviertel erfahren hatte, schrieb sie sämtliche Nachbarn an. Sie listete nach den Rückmeldungen der betroffenen Eigentümern die Häuserschäden auf und schrieb ihnen wieder zurück. So erfuhr jeder, wessen Haus in der Kniebis- und Feldbergstraße sowie im Hans-Thoma-Weg Risse aufweist.

„Von der Tragweite des Schadens ist der in der Feldbergstraße 9 bisher ein Einzelfall“, versichert Dusan Minic, der Pressesprecher im Landratsamt. Bis Montag sei nicht bekannt gewesen, dass es an einem Haus auch statische Probleme gebe. Am Dienstag nun hat ein Statiker des Landratsamts das Haus von La Marra unter die Lupe genommen und ist zu dem Ergebnis gekommen, „dass keine akute Einsturzgefahr herrscht“. Empfohlen jedoch wird eine „zeitnahe Sanierung“.

„Ich weiß nicht, wer sie bezahlt“, sagt La Marra. So lange die Schadensursache unklar ist, bleibe die Haftungsfrage offen, erklärt Dusan Minic. Das Wasserwirtschaftsamt habe einst gemäß den landesweit gültigen Richtlinien sämtliche Geothermiebohrungen in den Wohngebieten genehmigt. Nach massiven Gebäudeschäden in Staufen im Breisgau waren die Bestimmungen verschärft worden, „weil man seitdem erst weiß, wie gefährlich Bohrungen bei vorhandenen Gipskeuperschichten sein können“, so Minic. Dabei sei es aber noch keineswegs erwiesen, dass in Böblingen die Erdwärmebohrungen Schuld an Rissen seien, unterstreicht das Wasserwirtschaftsamt. Untersuchungen sollen Klarheit darüber bringen.

Die Bohrungen hat allesamt dieselbe Firma vorgenommen, die vor zwei Jahren auch in Leonberg Haushalte mit Geothermie versorgen wollte. Nach einer misslungenen Aktion waren dort Häuser abgesackt. Die Firma will sich dazu und auch zum Böblinger Fall nicht äußern.

„Laut den Messungen werden die Risse immer größer“, sagt La Marra. Seiner Familie wird das immer unheimlicher. „Wir werden wohl den Winter hier nicht mehr verbringen“, sagt er. Um ganz sicher zu gehen, will er in eine Mietwohnung ziehen.




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