Obwohl Rita Jäger keine gebürtige Stuttgarterin ist, sieht sie sich ein wenig als Stuttgarter Mädel. „Ich habe schon so oft zum Himmel geschaut und meinem Vater dafür gedankt, dass er uns damals hierher gebracht hat“, sagt Jäger, die nach Vertreibung und Flucht aus ihrer alten Heimat nach Stuttgart kam und dort bis heute gerne lebt. Als eines der ersten deutschen Topmodels stand sie in aller Welt vor den Kameras von Fotografen wie F. C. Gundlach, Rolf Lutz, Regina Relang oder Walter E. Lautenbacher. Mit deren Aufnahmen hat sie es auch auf die Titel vieler Magazine in den 1950er- und 1960er-Jahren geschafft.
Vor zehn Jahren hätte sie vielleicht noch mal vor der Kamera posiert
„Mein Leben ist inzwischen ruhig und beschaulich geworden“, sagt die 85-Jährige, die sich auf die Frage, ob es sie noch manchmal jucke, vor der Kamera zu stehen, ein Lächeln nicht verkneifen kann. Hätte man sie vor zehn Jahren gebeten, sich im Rampenlicht zu präsentieren, Jäger hätte wohl kaum nein gesagt, gesteht sie. „Aber heute bin ich eine alte Frau“, sagt die nach wie vor modebewusste Seniorin lachend.
Ihren Anfang nahm Jägers Karriere im Alter von 16 Jahren bei einer Misswahl, an der sie in Begleitung ihrer Mutter, aber ohne Wissen ihres Vaters, teilnahm. Der, so sagt sie, hätte das nicht gut gefunden. Sie landete auf Platzt drei und wurde ad hoc von Walter E. Lautenbacher als Fotomodel verpflichtet. „Ich bin aber nie auf dem Laufsteg gelaufen“, verrät Jäger.
Im Nordschwarzwald war es ihr etwas zu langweilig
Nach ihrer internationalen Modelkarriere vermittelte sie als Inhaberin einer Agentur selbst bis vor knapp zwei Jahrzehnten Models. Nach dem Verkauf der Agentur zog sich die rüstige Neu-Ruheständlerin mit 67 zunächst in den Nordschwarzwald zurück. Doch im dortigen Bad Liebenzell wurde es ihr „etwas zu langweilig, und wenn ich meine Freunde in Stuttgart treffen wollte, musste ich immer erst so weit fahren“, erzählt Jäger. Verzichten wollte sie auf ihre Freunde keinesfalls: „Viel der Freundschaften bestehen seit meiner Jugend bis heute – teils seit über 60 Jahren.“
Während ihrer Zeit in Bad Liebenzell hatte Jäger ihre Lebensgeschichte für Angehörige aufgeschrieben. Das so entstandene Buch kam dann mit dem Titel „Fräuleinwunder, Topmodel, Agenturchefin – ein Leben auf Hochglanz“ sogar in den Handel „und hat sich recht gut verkauft“, wie Jäger verrät. Der Publikation im Verlag Hansanord folgten viele Lesungen, außerdem war sie ein gefragter Gast in Talkshows zwischen Hamburg und München, Berlin und Köln. Dies auch, da in dieser Zeit die Modelshows „Germany’s next Topmodel“ (GNTM) hochkam. „Das, was man da sieht, hat aber mit der Realität von Models nur wenig zu tun“, urteilt Rita Jäger. Der Verleger ihres Buches habe nach dem Erscheinen ihrer Autobiografie dennoch versucht, sie in der GNTM-Jury unterzubringen. „Bei dem dazu nötigen Bewerbungsvideo hätte ich auch Aggressionen zeigen müssen.“ Das habe ihr nicht gelegen, sagt Rita Jäger , die für entsprechende Shows nur wenig übrig hat und äußerst kritisch sieht.
Stuttgart sieht sie im Mittelfeld in Sachen Mode
Über das, was in der Modelszene und im Modebereich passiert, informiert sie sich weiter. „Das finde ich spannend.“ Stuttgart sieht Jäger in Sachen Mode im Mittelfeld – „es ist halt ein bisschen biederer als andere Großstädte“, urteilt sie. Die aktuelle Mode und das Geschehen in Bereich der Modefotografie hat sie nach wie vor mit großem Interesse im Blick. „Wie dort heute Mode in Szene gesetzt wird, ist viel lebendiger als früher – das gefällt mir sehr gut. Früher war alles eher steif.“
Jahrelang hat sich Jäger bis zu einem Sturz auch ehrenamtlich engagiert. Sie hat als Grüne Dame allwöchentlich Patienten im Bad Cannstatter Krankenhaus besucht und war regelmäßig zum Vorlesen in einer Kita. „Das hat mit viel Spaß gemacht“, sagt die 85-Jährige, die bereits erste Pläne für die Nach-Corona-Zeit hat: „Ich freue mich darauf, mich für ein paar Tage mit meinen Cousinen zu treffen“, sagt sie.