InterviewRitter-Sport-Chef Andreas Ronken „Nachhaltigkeit muss sich auch rechnen“

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Der Schokoladenhersteller Ritter Sport fährt gerade die erste Ernte auf seiner eigenen Plantage in Nicaragua ein. Unternehmenschef Andreas Ronken spricht darüber, wie schwierig es ist, ein Kakao-Bauer zu sein und wann sich die Millioneninvestition auszahlen soll.

Andreas Ronken reist selbst zwei- bis dreimal pro Jahr nach Nicaragua, um sich von den Fortschritten auf der Plantage El Cacao zu überzeugen. Foto: Tom Oettle, Ritter Sport 15 Bilder
Andreas Ronken reist selbst zwei- bis dreimal pro Jahr nach Nicaragua, um sich von den Fortschritten auf der Plantage El Cacao zu überzeugen. Foto: Tom Oettle, Ritter Sport

El Rama -

Herr Ronken, wieso sind Sie mit Ihrer Plantage El Cacao in Nicaragua selbst unter die Kakao-bauern gegangen?
Wir wollen die Wertschöpfungskette mehr unter Kontrolle haben und mehr Einfluss auf die Kakaoverarbeitung in den ersten Schritten. Dabei gehen wir mit El Cacao einen Weg, der nachhaltig und transparent ist. So haben wir auch direkten Einfluss auf die Qualität des Kakaos. Wir können mit neuen Sorten mehr Geschmacksfelder mit höherem Kakaogehalt entwickeln.
Sie produzieren zertifizierten Kakao nach den Nachhaltigkeit-Standards von Utz und Rainforest Alliance. Ohne den Einsatz von chemischen Unkrautvernichtungsmitteln könnten Sie auch Bio-Qualität herstellen. Wieso tun Sie das nicht?
Natürlich wollen wir so wenig wie möglich Chemie einsetzen. Unser klares Ziel ist es auch, bis 2025 auf der Plantage herbizidfrei zu sein. Die Zeit hilft uns dabei, weil durch das Wachstum von großen Bäumen zwischen den Kakaopflanzen weniger Sonneneinstrahlung auf das Unkraut am Boden gelassen wird. Außerdem testen wir gerade den Einsatz von Kieselsäure, einem natürlichen Produkt, als Alternative zu chemischen Unkrautvernichtern. Doch wir müssen es langsam angehen, um die bisherigen Erfolge nicht zu gefährden.
Sie zahlen Ihren Mitarbeitern auf El Cacao zwar mehr als den Mindestlohn, aber dennoch verdienen diese kaum mehr als den Durchschnittsverdienst in diesem armen Land. Wieso zahlen Sie nicht noch mehr?
Wir haben intensiv darüber nachgedacht und werden den Zuschuss zum Mindestlohn demnächst auch auf 30 Prozent erhöhen. Verglichen mit anderen Plantagen für Palmöl oder Zuckerrohr zahlen wir schon deutlich mehr. Und wir bieten bessere Arbeitsplätze, vermeiden gefährliche Tätigkeiten wie das Öffnen der Früchte per Hand mit der Machete und bilden unsere Mitarbeiter weiter zu Traktoristen und Maschinenbedienern. Wer so etwas kann, verdient auch mehr.
Wie schwer ist die interkulturelle Arbeit?
Viele unserer Mitarbeiter waren es nicht gewohnt, dass Firmen langfristig denken. Auch kooperative Führungsstrukturen sind alles andere als gewöhnlich für hiesige Verhältnisse. Wir versuchen genau das zu etablieren. Dabei ist viel Vermittlungsarbeit notwendig.
Sie kooperieren bereits seit mehr als 25 Jahren mit Bauern in einem anderen Gebiet Nicaraguas. Müssen diese angesichts Ihres eigenen Projekts nun fürchten, ihre Ernte nicht mehr an Sie loszuwerden?
Im Gegenteil: Wir würden sogar gerne noch mehr Kakao über unsere Kooperativen beziehen. Die Mengen, die wir dadurch in der Vergangenheit bekommen haben, sind verglichen mit dem, was wir bald in El Cacao ernten wollen, eher gering.
War das Projekt El Cacao von Anfang an unumstritten in Ihrem Unternehmen?
Nein. Intern wurde teilweise heftig darüber diskutiert, ob das gut investiertes Geld ist. Doch mittlerweile sind auch die Kritiker überzeugt, dass es der richtige Weg ist.
Mit welchen Schwierigkeiten waren Sie auf diesem Weg konfrontiert?
Wir dachten vorher, wir wissen viel über ­Kakao. Heute wissen wir es besser. Natürlich war uns klar, dass das Wetter eine wichtige Rolle spielt. Aber was das wirklich bedeutet, haben wir erst vor zwei Jahren schmerzhaft erfahren, als wir durch eine schwere Dürre mehr als 200 000 Pflanzen verloren haben. Solche Rückschläge können einen frustrieren.
Wie schwer war es, das Gelände für den Kakao-anbau nutzbar zu machen?
Vor sechs Jahren konnten Sie praktisch nur mit Pferden über die Farm gehen. Wir haben insgesamt 70 Kilometer Wege und Straßen gebaut – dazu viele Brücken. Auch bei der Infrastruktur passiert immer mal wieder etwas Unerwartetes.
Zum Beispiel?
Die großen Masten auf unserer Plantage sind keine Antennen, sondern Blitzableiter. Bei einem schweren Gewitter möchten Sie nicht hier sitzen. Ich habe es selbst erlebt, dass der Blitz direkt in eines unserer Wirtschaftsgebäude eingeschlagen hat. Danach war ein metertiefes Loch mitten in der Küche.
Sie fahren gerade die erste Ernte auf El Cacao ein. Was sind die nächsten Schritte?
Die Entwicklungsarbeit in Waldenbuch geht jetzt erst richtig los. Dabei müssen wir den Kakao in unserer Schokolade schmeckbar machen. Die neuen Sorten werden mit anderen kombiniert. Das ist eine wichtige Aufgabe für unsere Produktentwickler.
Und hier in Nicaragua?
Wir können im kommenden Jahr die Aufforstung abschließen. Dann werden wir mehr als 1,5 Millionen Bäumchen auf rund 1200 Hektar Land angepflanzt haben. Das Arbeitsprofil unserer Mitarbeiter wird sich danach komplett verändern, weg vom Aufbau einer Landwirtschaft hin zur Pflege der Pflanzen und Ernte.
Sie haben zwischen 30 und 40 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Wann werden sich die Investitionen gelohnt haben?
Als Farmer darf man nicht auf das einzelne Jahr schauen, sondern man betrachtet Zeiträume von zehn bis 20 Jahren. Ich denke, danach wird sich unser Einsatz ausgezahlt haben. Es ist doch klar: Wir verstehen Nachhaltigkeit nicht nur als Wohltätigkeit – es muss sich auch rechnen. Mindestens so wichtig wie das Geld ist jedoch der menschliche Faktor: Es braucht extrem viel Leidenschaft für ein solches Projekt. Der größte Erfolgsfaktor für uns war der Rückhalt der Familie Ritter. Sie und wir alle wollen, dass wir diese Plantage die nächsten 50 Jahre hier betreiben können.