Ritter Sport Schokofirma will Solar- und Windenergie in Waldenbuch

Der Waldenbucher Schokohersteller hat vor Kurzem zwei Windräder in der Nähe von Münchberg in Bayern gekauft. Foto: Alfred Ritter GmbH & Co. KG

Die Schokofirma möchte bis zum Jahr 2030 seine Emissionen drastisch reduzieren und einen Großteil des Strombedarfs mit regenerativer Energie decken. Dafür hat sie Anlagen in Bayern gekauft – und möchte auch vor Ort investieren.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Schokolade ist ein energieintensives Geschäft. Um den leckeren Schmelz auf der Zunge hinzubekommen, muss die Kakaomasse während der Herstellung immer wieder gekühlt und erhitzt werden. Die Firma Alfred Ritter, bekannt durch ihre quadratischen Schokotafeln Ritter Sport, möchte dennoch – oder gerade deshalb – ihre eigene Energiewende schaffen.

 

Die selbst gesteckten Ziele sind ehrgeizig: „Wir haben uns dem 1,5-Grad-Ziel der Vereinten Nationen verpflichtet. Um das zu schaffen, müssen wir unseren absoluten Energieverbrauch von 2021 bis 2030 um 42 Prozent senken“, sagt Asmus Wolff, Geschäftsführer Supply Chain, auf Deutsch: Lieferkette. Gehe man davon aus, dass das Unternehmen in diesem Zeitraum wachse, liege die Energiereduktion sogar bei 60 bis 80 Prozent.

Ökologische, aber auch ökonomische Gründe

Warum steckt sich der Waldenbucher Schokoladenhersteller derart ambitionierte Ziele? Laut Wolff spielen zwei Gründe eine Rolle. Den ersten bezeichnet er als altruistisch: „Wir möchten die Ressourcen der Erde nicht ausbeuten. Wir möchten den Planeten bewahren.“ Der zweite Grund ist unternehmerisch gedacht: Die Firma soll wettbewerbsfähig bleiben und als gesundes Unternehmen auch der nächsten und übernächsten Generation weitervererbt werden können. „Das Unternehmen soll auch in 100 Jahren noch tolle Schokolade machen“, sagt Wolff. Nachhaltigkeit sei den Eigentümern Alfred Ritter und Marli Hoppe-Ritter ein „Herzensthema“ – und zwar nicht erst, seit dies vor zehn Jahren in der gesamten Industrie zum Trendthema wurde, sondern schon seit Jahrzehnten.

Sich Ziele zu setzen ist das eine, doch welche Maßnahmen ergreift das Familienunternehmen, um sie zu erreichen? „Wir versuchen, den Verbrauch so dramatisch zu reduzieren wie möglich“, sagt Wolff. Da sei einerseits Ingenieurskunst gefragt, um die technischen Prozesse im Haus immer verbrauchsärmer zu gestalten. Eine weitere Maßnahme sei, bis Ende 2025 alle firmeneigenen Blockheizkraftwerke abzuschalten und komplett auf Wärmepumpen umzustellen. Die Elektrizität, die für deren Betrieb gebraucht wird, wolle man komplett aus regenerativen Quellen gewinnen.

„Horrorgebilde der Regulierung“

Der Ritter-Manager betont noch einmal, dass die Maßnahme nicht allein ökologisch getrieben sei, sondern auch aus Kostengründen. Aus Kohle oder Kernkraft gewonnene Energie sei sechsmal so teuer wie Solar- und Windenergie. Investitionen in regenerative Energie seien somit ein Muss, um einen Standort attraktiv zu halten und wettbewerbsfähig zu bleiben. Deshalb ärgert Wolff die Masse an Vorschriften, die Unternehmen ausbremsten, Klimaziele in Angriff zu nehmen und Maßnahmen rasch umzusetzen. „Wir müssen weg von dem Horrorgebilde der Regulierung. Die Schwelle für Unternehmen wie uns, sich positiv zu engagieren, ist enorm hoch“, kritisiert Wolff. Bis ein Windrad genehmigt und errichtet ist, vergingen in der Regel zehn Jahre. Das sei für Unternehmen nicht attraktiv. Ritter habe das Glück gehabt, dass von den beiden neu erworbenen Windrädern eines bereits fertig gebaut und das andere genehmigt war und daher zügig gebaut werden konnte. „Die meisten produzierenden Unternehmen wären längst auf erneuerbare Energien umgestiegen, wenn die ganzen Verfahren aus dem Weg wären“, ist sich Wolff sicher.

Die PV-Freiflächenanlage von Ritter Sport liegt in Bayern. Foto: Alfred Ritter GmbH & Co. KG

Vor Kurzem hat die Firma Ritter zwei Windräder in der Nähe von Münchberg und einen Solarpark in Wenzenbach gekauft, beides liegt in Bayern. Die drei Anlagen haben das Potenzial, jährlich so viel Energie zu liefern, um damit 450 Millionen Tafeln Schokolade herzustellen, was mehr als einem Drittel der Jahresproduktion entspricht. Und es läuft sogar besser: „Zu unserer großen Freude produzieren die Windräder viel mehr Energie, als wir erwartet haben“, sagt Wolff. Der September sei so sonnig und windig gewesen, dass der Strom der drei Anlagen den kompletten Verbrauch des Unternehmens abdecken konnte. Dieser selbst erzeugte Strom werde aber nicht mehr reichen, wenn Ritter mit Inbetriebnahme der Wärmepumpen mehr elektrische Energie verbraucht, räumt Wolff ein. Deshalb möchte das Unternehmen noch mehr erneuerbare Energie erzeugen. Die Lösung sucht es vor der Haustüre: „Wir würden gerne am Standort regenerative Energie erzeugen“, sagt Wolff. Hierfür sei man in Gesprächen mit der Stadt Waldenbuch. „Wir versuchen, eine Lösung zu finden, die für die Gemeinde und für uns ein Benefit darstellt.“ Wenn es gelänge, sämtliche Energie aus regenerativen Quellen zu erzeugen, sei man Ende 2025 emissionsfrei. Wolff: „Das ist ein anspruchsvolles Ziel, und mir sind nicht viele Unternehmen bekannt, die das von sich behaupten können.“

Sorge vor Vorwürfen, als Unternehmen nicht genug zu tun oder sich reinwaschen zu wollen, hat Wolff nicht. „Machen wir Fehler? Bestimmt! Wir sind offen, Kritik anzunehmen und uns zu verbessern. Aber wir werden bestimmt nicht stehen bleiben und darauf warten, dass der Klimawandel weggeht.“

Und wie steht die Stadt Waldenbuch zu Solar- oder Windenergie in ihrer Gemeinde? Haupt- und Personalamtsleiter Ralph Hintersehr bestätigt die Gespräche mit der Firma Alfred Ritter und den Willen der Stadt, Wind- und Solarenergie nach Waldenbuch zu bringen. Schließlich sei dies Vorschrift des Landes, „aber wir wollen erneuerbare Energien auch, sie sind nicht nur lästige Pflicht“. Allerdings müsse erst Planungs- und Baurecht geschaffen werden. Für einen Solarpark an der Grenze zu Dettenhausen habe man bereits den Aufstellungsbeschluss gefasst; für Windräder prüfe derzeit der Forst BW geeignete Standorte. Hintersehr rechnet nicht damit, dass vor 2027 mit einem Bau begonnen werden kann. Dass die Schokoladenfirma an einer Beteiligung interessiert ist, bezeichnet er als „positives Signal“.

Mit Sonnenenergie und E-Lastwagen in die Zukunft

Solar
Als jüngste Maßnahme hat Ritter im Oktober in Bayern eine eigene Photovoltaik-Freiflächenanlage ans Netz genommen. In Wenzenbach erzeugen auf einer Fläche von vier Hektar nun 7383 PV-Module grüne Energie. „Den Flächenverbrauch durch die PV-Anlage kann man nicht wegdiskutieren“, räumt Geschäftsführer Asmus Wolff ein. „Aber man kann Doppelnutzung schaffen.“ Damit die Fläche als Schafweide genutzt werden kann, wurden die PV-Module in 80 Zentimeter Höhe installiert. Regionale Weidegräser und Kräuter wurden gesät, rund um den Solarpark heimische Arten wie Weißdorn, Holunder oder Schlehe gepflanzt. Ab Frühling 2024 sollen Schafe die Pflege der Flächen unter den Solarmodulen übernehmen.

Mobilität
Die Firma Alfred Ritter hat ihre gesamte Flotte auf E-Autos umgestellt – wie viele andere Unternehmen auch. „Avantgarde“ ist laut Wolff aber, dass seit Jahresbeginn der gesamte firmeneigene Transport auf E-Lastwagen umgestellt wurde. Dafür baute das Unternehmen am Standort Dettenhausen eine Solarthermieanlage aufs Dach („die größte in Deutschland“) und betreibt mit dieser Energie seine E-Lastwagen. „Während ein Lkw beladen wird, werden seine Batterien geladen“, erklärt Wolff. Dadurch sei der gesamte Verkehr zwischen den Standorten Waldenbuch, Dettenhausen und Reichenbach vollelektrisch. Das bedeute nicht nur weniger Lärm für Anwohner, sondern sei auch ein Kostenvorteil: Elektrisch koste ein Kilometer 20 Cent, im Dieselbetrieb 90 Cent. Der nächste Schritt, an dem man arbeite, sei die Umstellung aller Lieferanten auf E-Transporter.

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