Ritterstraße wird zur Fußgängerzone Einzelhändler werfen der Stadt „Ignoranz“ vor

  Foto: Roberto Bulgrin

In der Ritterstraße in Esslingen werden weiterhin Interessensgefechte ausgetragen. Einzelhändler prangen in einem Brief an die Verwaltung die Umwandlung in eine Fußgängerzone und die Errichtung von Sicherheitspollern an. Doch die Stadt schweigt bislang.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Esslingen - Die Ritterstraße in Esslingen bleibt ein Zankapfel. Einzelhändlern, Anwohnern und Anliegern stößt die Umwandlung in eine Fußgängerzone sauer auf. Und auch an den Sicherheitspollern zum Terrorschutz, die gerade an der Zufahrt beim Technischen Rathaus installiert werden, üben sie heftige Kritik. In einem Brief an Oberbürgermeister Jürgen Zieger und Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht werfen die Geschäftsleute Christine Fischer-Lörch, Alexander Kögel und Andreas Walter als Unterzeichnende der Stadt „eine nicht nachvollziehbare Ignoranz“ vor und sprechen von einem schwer belasteten Verhältnis: „Als wichtigster Spieler in einer Innenstadt (Handel als Leitfunktion) fühlen wir uns nicht ernst genommen und übergangen.“ Die Stadt war bisher trotz Nachfrage noch nicht zu einer Stellungnahme bereit.

 

Poller werden installiert

„Das ist unser Heiligtum“, erläutert Andreas Walter vom Spiel- und Lederwarengeschäft „Heiges“ und breitet einen bunten Flyer vom Juni 2005 auf dem Tisch aus. Die Stadt Esslingen führt darin aus, wie die Ritterstraße nach einer Umwandlung in eine Fußgängerzoneaussehen könnte – mit Pflanzen, Sitzgelegenheiten, Spielgeräten, ebenerdigem Pflaster, aufwendiger Gestaltung. „Diesem Plan haben wir zugestimmt und uns darauf eingestellt“, erklärt der Geschäftsmann. Doch was nun kommen soll, gefällt ihm und vielen seiner Kollegen gar nicht. Am Montag, 2. November, haben die vorbereitenden Baumaßnahmen begonnen, aktuell werden Sicherheitspoller installiert, ab Mitte Dezember sollte die zunächst probeweise Nutzung der Ritterstraße als Fußgängerzone eigentlich laut Plan der Stadt starten. Sehr zum Unwillen von Händlern und Anwohnern. Auf der Suche nach weiteren Unterzeichnern des Briefs an die Stadtverwaltung, so ergänzt Alexander Kögel als Vorsitzender der City Initiative, seien sie auf eine Welle der Empörung gestoßen: Von einstweiligen Verfügungen, Beratungen mit Rechtsanwälten, angedachten Gerichtsverfahren und jeder Menge Wut sei die Rede gewesen.

Eine „Schwächung der Oststadt“

Doch in dem an OB Zieger und Baubürgermeister Wallbrecht adressierten Schreiben wird laut Alexander Kögel das Gespräch mit der Stadt gesucht. Dennoch finden die Unterzeichnenden klare Worte: „Wir fordern Sie als Verwaltungsspitze auf, die Pläne für den Beginn einer Probezeit in der Ritterstraße ab Dezember 2020 sofort einzustellen“. Der Handel liege durch Corona und den Teil-Lockdown sowieso schon am Boden, doch die Stadt Esslingen nehme „billigend in Kauf, dass die Oststadt weiterhin geschwächt wird“. Dieses Verhalten zeuge von „einer nicht nachvollziehbaren Ignoranz der wirtschaftlichen und sozialen Gesamtsituation gegenüber“.

Einzelhändler fordern Zeitplan

Der Vorstand der City Initiative als „Sprachrohr der Gewerbetreibenden in der Innenstadt“ habe der Umwandlung der Ritterstraße in eine Fußgängerzone im April 2019 nur unter verschiedenen Bedingungen zugestimmt. So sollte ein Zeitplan für die nächsten Schritte innerhalb eines Jahres vorliegen, und die Umgestaltung vom Technischen Rathaus bis zum Postmichelbrunnen habe auf drei Jahre angelegt sein sollen. Doch, so die Einzelhändler, „wir haben keine Kenntnis davon, dass unsere Bedingungen auch nur im Ansatz erfüllt wurden“.

Keine Reaktion der Stadt auf Brief

Eine Reaktion auf den persönlich am Mittwoch, 11. November, eingeworfenen Brief ist nach Angaben der Händler bislang nicht erfolgt. Auf eine Anfrage unserer Zeitung am Donnerstagnachmittag und Freitagmorgen kam ebenfalls keine Antwort der Stadt. Andreas Walter verweist aber auf eine ihm gemachte Zusage der Verwaltung, dass die umstrittenen Poller in diesem Jahr nicht mehr in Betrieb genommen werden, um das Weihnachtsgeschäft nicht zu beeinträchtigen. Auch das wollte die Stadtverwaltung nicht bestätigen. Pressesprecher Roland Karpentier versichert lediglich, dass die Installation der Sicherheitspoller begonnen habe.

Argumente gegen Fußgängerzone

Dieses Verhalten der Stadt aber verärgert die Einzelhändler. Der Dialog und die Kommunikation ruhten seit Monaten, beklagt sich Andreas Walter. Die Einwände, die von den Betroffenen im Rahmen einer Informationsversammlung im Juli 2019gemacht wurden, seien nicht berücksichtigt und einfach vom Tisch gewischt worden. Dabei bleiben die Argumente gegen eine Umwandlung der Ritterstraße in eine Fußgängerzone aus Sicht der Betroffenen die gleichen: Anwohner müssen auf ihre Parkplätze verzichten, die Wohnqualität sinke, Zufahrten etwa für Taxis seien nicht mehr möglich. Einzelhändler beklagen dagegen die Streichung von Kundenparkplätzen, die wegfallende Möglichkeit zu Kurzeinkauf oder schnellen Besorgungen, Probleme für den Zulieferverkehr, Beeinträchtigungen in der bewährten, eingespielten Logistik oder die Unmöglichkeit etwa eines sonntäglichen Kuchenverkaufs. Besonders Ärzte oder Apotheken mit einer meist älteren, in der Mobilität eingeschränkten Klientel seien auf direkte Stellplätze angewiesen. Und, so Andreas Walter, Servicefahrzeuge könnten etwa bei fälligen Reparaturen nicht mehr zu den Geschäften gelangen: „Wir wollten eine richtige Fußgängerzone, aber keine abgesperrte Straße.“

Stadt Esslingen sieht die Vorteile

Die Stadt Esslingen hatte dagegen in einer Pressemitteilung von Ende Oktober die Umwandlung der Ritterstraße in eine Fußgängerzone verteidigt. Durch die Maßnahme solle der Parksuchverkehr in der östlichen Altstadt verringert und somit die Aufenthaltsqualität gesteigert werden. Die Kosten für die vorbereitenden Baumaßnahmen wurden mit 275 000 Euro angegeben, für eine umfassende Neugestaltung würden die finanziellen Mittel fehlen. Innerhalb der Lieferzeiten sei die Zufahrt von 6 bis 11 Uhr sowie von 19 bis 22 Uhr gewährleistet.

Protest auch in der Olgastraße

Dieser Aufstand der Händler in der Ritterstraße ist kein Einzelfall: In der Olga- und Hindenburgstraßewehren sie sich auch gegen eine Diagonalsperre.

Weitere Themen