Rivalen Pakistan und Indien Mein bester Feind – seit 70 Jahren

Von Agnes Tandler 

Pakistan und Indien sind vor 70 Jahren unabhängig geworden – seither sind die beiden Nachbarn Rivalen. Die Teilung Britisch-Indiens führte zu einer der größten Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts, Hunderttausende starben.

Ein pakistanischer (rechts) und ein indischer Grenzbeamter. Foto: EPA
Ein pakistanischer (rechts) und ein indischer Grenzbeamter. Foto: EPA

Peshawar - Wenn sie kommen, zündet euch an“, mahnte sie ihr Vater, als er einen Kanister Benzin und eine Packung Streichhölzer brachte. „Der Mob wird schreckliche Dinge tun.“ Amolak Swani war 16, als Horden mordlustiger Muslime durch die Straßen ihrer Heimatstadt Peshawar, im heutigen Pakistan, zogen, um nach Hindus und Sikhs zu suchen. Wo jahrhundertelang Nachbarn unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenlebten, herrschte über Nacht Mord und Totschlag.

Am 14. August um Mitternacht hörte Britisch-Indien auf zu existieren und zwei unabhängige Nationen entstanden: Indien und Pakistan. Das Ende der britischen Herrschaft in Südasien verlief chaotisch: Ohne großen Plan und in Eile hatte der britische Anwalt Sir Cyril Radcliffe ein paar Tage zuvor eine Karte entworfen, die die neue Grenze zwischen den beiden Nachbarn Pakistan und Indien festlegte. Die Radcliffe-Linie teilte die großen Provinzen Punjab und Bengalen, deren Bevölkerung etwa hälftig muslimisch und hinduistisch war, faktisch in der Mitte. Als Resultat befanden sich am 15. August 1947 Millionen Menschen im falschen Land. Geschätzt je sieben Millionen auf jeder Seite der neuen Grenze flohen in den kommenden Tagen und Wochen aus ihrer Heimat. Hunderttausende starben, Millionen wurden verletzt.

Als Mitglied einer alteingesessenen Sikh-Familie konnten Swani und ihre Familie dem Genozid nur entkommen, weil ihre Angestellten sie in einem Laster hinter Mandel- und Rosinen-Kisten versteckt zur nächsten Zugstation brachten. Dort machten sie sich mit Tausenden Hindus und Sikhs auf den Weg nach Indien.

Es gibt Hunderte Geschichten von Vertriebenen

Auf der anderen Seite der Radcliffe-Linie spielten sich ähnliche Szenen ab. Die damals 25-jährige Arghwani Begum erinnert sich, dass ihr Vater, Gouverneur im heute indischen Sahaspur, der Familie befahl, alle Wertsachen zusammenzupacken. An der Eisenbahnstation Nizzamuddin in Süd-Delhi bestieg sie den Zug in das nun pakistanische Lahore. Kurz vor der indisch-pakistanischen Grenze bei Amritsar drangen Männer mit Macheten in die Abteile ein und massakrierten die Passagiere. „Es war furchtbar“, erinnert sich Begum. Auch aus einem Zug, der in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war, hörte sie Todesschreie. Wie durch ein Wunder überlebte Begum. Heute lebt die 95-Jährige in einem kleinen Haus im ostpakistanischen Lahore. Ihr Anwesen in Indien, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte, hat sie nur einmal wiedergesehen. Sie habe geweint, erzählt sie der pakistanischen Zeitung „Dawn“.

Es gibt in Indien und Pakistan Hunderte Geschichten von Vertriebenen, die ihre Hausschlüssel den Nachbarn übergaben und sagten, sie würden in ein paar Wochen wieder zurück sein, wenn sich die Lage beruhigt habe. Doch die meisten von ihnen kamen nie wieder. Die Grenze zwischen Indien und Pakistan gehört 70 Jahre nach der Teilung zu den undurchlässigsten der Welt – nur zwei Landübergänge sind offen. Obwohl die Erzrivalen durch eine gemeinsame Kultur und Geschichte eng verbunden sind, besteht kaum Austausch. Zug-, Flug- und Busverbindungen zwischen den Ländern gibt es nur alle paar Tage. Die verfeindeten Nachbarn wachen streng darüber, wer aus dem anderen Land einreisen darf. Meist bekommen nur Familienangehörige eine Erlaubnis.