Razzien im Großraum Göppingen Machtdemonstration gegen Mitglieder rivalisierender Gruppen

Polizisten einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) nach ihrem Einsatz am Donnerstagabend am Göppinger ZOB. Foto: SDMG//Woelfl

Die Polizei ging am Mittwoch und Donnerstag in Göppingen gegen Mitglieder zweier rivalisierenden Gruppen aus dem Großraum Stuttgart vor. Erfolgreich offenbar: In jetzt 280 Razzien nahmen Ermittler bislang 92 Verdächtige fest.

Im baden-württembergischen Landeskriminalamt (LKA) hatten die Ermittler vorgesorgt: Aus drei weiteren Bundesländern hatten sie Spezialeinsatzkommandos (SEK) zur Verstärkung nach Göppingen beordert, um einen Schlag gegen die beiden rivalisierenden Gruppen zu führen, die sich inzwischen seit Jahren im Großraum Stuttgart be- und erschießen, zusammenschlagen und mit Handgranaten bewerfen.

 

So waren außer dem Südwest-SEK auch die aus Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz im Einsatz, um am Mittwochmorgen und Donnerstagabend in Göppingen Bars, Gaststätten und Wohnungen zu durchsuchen, Gäste und Beschäftigte zu überprüfen, Beschuldigte zu verhaften. In der Göppinger Polizeikaserne hielten sich weitere SEK-Beamte sowie Polizisten einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) bereit, um entweder ihre Kollegen bei den Durchsuchungen zu unterstützen oder aber dann eingesetzt zu werden, wenn die Kollegen Hinweise fänden, die den weiteren Einsatz von Spezial- und spezialisierten Kräften sofort erforderlich gemacht hätten.

Ziel der Razzien am frühen Donnerstagabend war die Göppinger Innenstadt, besonders der Bereich rund um den ZOB abgekürzten Zentralen Omnibusbahnhof. Um 18.28 Uhr informierte das LKA die Menschen über Kurznachrichtendienste, dass „mit einem erhöhten Polizeiaufgebot“ in dieser Gegend zu rechnen sei und es zu kurzzeitigen Behinderungen kommen könne.

Mit der Polizei drangen auch Experten für Hygiene in die Objekte

Nicht nur starke Polizeikräfte drangen in die Gaststätten ein, sondern auch Beamtinnen und Beamte des Zolls, der kommunalen Ämter für Gewerbeaufsicht, Lebensmittelkontrolle und Öffentlichen Ordnung. Sie kontrollierten, ob in den Betrieben alles so abläuft, wie es vorgeschrieben ist. In einem Fall stellten die Spezialisten Verstöße gegen Hygienevorschriften fest. In einem anderen, dass die Betreiber der Bar die vorgegebenen Prüftermine für Spielautomaten nicht beachteten.

Taktik der Nadelstiche

Von einer „Taktik vieler Nadelstiche“, die aus verschiedenen, für die Gruppen unerwarteten Richtungen kommen, hatte LKA-Präsident Andreas Stenger im vergangenen April gesprochen. „Die Mitglieder dieser Gruppen dürfen nicht zur Ruhe kommen“, sagte Stenger seinerzeit. In seiner Behörde war damals gerade eine sogenannte Besondere Aufbauorganisation (BAO) mit dem Namen „Focus“ gegründet worden. Mit dieser Struktur, in der außer Kriminalisten des LKAs auch solche aus den Polizeipräsidien Ludwigsburg, Reutlingen, Stuttgart und Ulm zusammengeführt wurden und seitdem täglich zusammenarbeiten, sollten die Ermittlungen gebündelt werden.

Denn die Verdächtigen wüten nicht nur in der Landeshauptstadt, sondern auch an deren Rändern, wo andere Polizeipräsidien zuständig sind. Eine zusammenführende BAO bietet der Polizei eine bessere Möglichkeit, über die Grenzen der regionalen Zuständigkeit eines Präsidiums hinweg den beiden sich bekriegenden Gruppen die Stirn zu bieten. Erfolgreich offenbar: 92 Männer haben Polizisten seitdem festgenommen und verhaftet, 280 mal durchsuchten sie Wohnungen, Gaststätten und andere Immobilien.

Jetzt beschlagnahmten sie während der Razzia am Donnerstagabend Mobiltelefone, illegale Betäubungsmittel, Messer, Baseballschläger, mutmaßlich gefälschte Ausweisdokumente, ein mit scharfer Munition gefülltes Magazin. Die Handys werden jetzt von Spezialisten des LKA ausgewertet. In der Vergangenheit lieferte das immer eine Fülle neuer Spuren für die Ermittler. Schon am Mittwoch verhafteten Polizisten des SEK zwei Tatverdächtige. Der 24 Jahre alte Mann soll im Februar 2024 sein Opfer niedergeschlagen und ausgeraubt haben. 200 Euro soll er so erbeutet, zudem mit Rauschgift gehandelt haben. In seiner Wohnung fanden die Ermittler eine scharfe Pistole und Kokain.

Untersuchungshaft für zwei Männer

Einem 30-jährigen Verhafteten werfen Staatsanwälte vor, gegen das Waffengesetz verstoßen zu haben. Der Iraker war der Polizei bereits hinlänglich bekannt, weil er ihr im Zusammenhang mit Gewaltdelikten aufgefallen war. In seinen Wohnungen fanden die Beamten mutmaßlich gefälschte Ausweispapiere, die sie beschlagnahmten. Zudem wurde die Wohnung eines dritten Mannes durchsucht. Die beiden verhafteten Iraker wurden dem Haftrichter des Amtsgerichts Stuttgart vorgeführt. Der ordnete für beide Beschuldigten Untersuchungshaft an, die sofort in Vollzug gesetzt wurde.

Schussserie rivalisierender Gruppen im Großraum Stuttgart

Juli 2022
In Stuttgart beginnt eine Serie nie dagewesener Gewalttaten: Angehörige zweier rivalisierender Gruppen gehen bis heute mit Fäusten, Messern, Schusswaffen und Handgranaten aufeinander los.

8. April 2023
 Ein 18-jähriger stirbt in Asperg, Kreis Ludwigsburg, nach Schüssen. Er ist der erste Tote der blutigen Auseinandersetzung, ein Gleichaltriger wird schwer verletzt. 

9. Juni 2023
 Bei der Trauerfeier für ein verstorbenes Mitglied der gegnerischen Gruppe wirft ein junger Iraker eine Handgranate in Richtung der Trauergemeinde. 15 Menschen werden dabei verletzt, der von den Trauernden verprügelte Täter wird im vergangenen März zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

2. Oktober 2024
 In einer Göppinger Bar wird ein 29 Jahre alter Mann von einem mit einer Maschinenpistole bewaffneten Täter erschossen, zwei weitere werden verletzt. Die Polizei fahndet mit Lichtbildern nach den Tätern.

Bis zum 24. Januar 2025
 hat die Polizei insgesamt 280 Wohnungen, Gaststätten und andere Immobilien durchsucht, 92 Beschuldigte festgenommen.

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