Paradise heißt der kleine Küstenort in Massachusetts, in dem Robert B. Parker seinen Polizeichef Jesse Stone Halunken und Frauen schnappen und viele Gläser Scotch trinken lässt.

Rems-Murr: Thomas Schwarz (hsw)

Stuttgart - Warum gibt es so viele unfähige Typen in entscheidenden Schlüsselpositionen? Wie kommen die da hin? Warum muss man sich Tag für Tag über Menschen aufregen, die in ihrer Unfähigkeit ganzen Abteilungen im Weg stehen? Die wie festgenagelt auf ihren Stühlen sitzen bleiben, egal was sie anrichten!

Jesse Stone ist im Grunde genommen solch ein Fall. Weil er zu tief in die Flasche schaut, hat ihn die Mordkommission Los Angeles gefeuert. Auf der Suche nach einem neuen Job ist er beim Vorstellungsgespräch so betrunken, dass er ein Lallen nicht verbergen kann. Und dennoch bekommt er den Job des Polizeichefs von Paradise, Massachusetts.

Haben der Bürgermeister und der Stellvertretende Chef der Polizei tatsächlich nichts bemerkt? Das wundert den zwar versoffenen, aber überhaupt nicht dummen Jesse dann doch sehr, der eigentlich viel lieber Profi-Baseballer geworden wäre, aber wegen einer Verletzung den Traum, der beste Shortstop aller Zeiten zu werden, an den Nagel hängen musste. Und je länger er bei einem oder mehreren Scotch on the Rocks auf seinem Balkon darüber nachgrübelt, was in dem idyllischen Örtchen an der Ostküste im Hintergrund abläuft, desto tiefer steckt er drin in mörderischen Intrigen, bei denen es unter anderem um Geldwäsche und Waffenhandel geht.

Eine illustre Truppe unterstützt Chief Stone

„Night Passage“ nannte Robert B. Parker den ersten seiner Jesse-Stone-Krimis, auf deutsch „Das dunkle Paradies“. Darin wird die Person des lakonischen Polizeichefs von Paradise vorgestellt, der zwar Schlag bei den Frauen hat, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb - ein überaus kompliziertes Liebesleben führt. Weswegen er zu oft und zu tief ins Glas schaut.

Wie es auch bei Parkers zweiter Krimi-Serien-Figur, dem Bostoner Privatdetektiv Spenser, der Fall ist, schart sich bald eine illustre Gruppe von Unterstützern um Jesse. Allen voran seine Mitarbeiter Molly Crane und Luther „Suitcase“ Simpson, der seinen Spitznamen der Baseball-Legende „Suitcase“ Simpson verdankt. Die städtische Justitiarin Abby Raylor zählt dazu – mit der Jesse sofort nach seiner Ankunft in Paradise eine Affäre beginnt – und natürlich seine Ex-Frau Jenn, die ihn zwar verlassen hat, dann aber auch an die Ostküste zieht und ein ständiges Hin- und Her mit ihrem Ex beginnt. Dazu kommen einige kauzige Bewohner des Ortes wie der umständliche Hundebeauftragte Bob Valenti, der seinen Chef ständig Skipper nennt.

Gewalttätige Ehemänner und perverse Killer

„Das dunkle Paradies“ ist der erste von neun Jesse-Stone-Romanen, erschienen im Jahr 1997. Denn es zeigt sich, dass der Sheriff mit dem dicken Alkoholproblem genau der richtige für seinen Job ist – was jene, die ihn für einen Versager hielten und gerade deshalb eingestellt haben schließlich bitter bereuen.

Mit Hilfe seiner Kollegen wird der Augias-Stall Paradise ausgemistet, der Chief etabliert sich im Ort und hat von nun an allerhand zu tun. Unter anderem bekommt er es mit organisierten Gangstern, jugendlichen Vergewaltigern und einem perversen Pärchen zu tun, das aus reinem Nervenkitzel wahllos mordet. Parker schreckt nicht davor zurück, im Lauf der Serie Figuren einen gewaltsamen Tod finden zu lassen, die dem Leser sehr vertraut geworden, ja, ans Herz gewachsen sind.

Und er lässt seinen Protagonisten manchmal ziemlich kernig zulangen. „Falls du dich noch mal dieser Frau nähern solltest oder ihr und ihren Kindern irgendetwas passiert, egal durch wessen Schuld , werde ich dich durch die Stadt jagen, bis du wie ein Unfallopfer aussiehst“, erklärt er einem gewalttätigen Ehemann seelenruhig, nachdem er ihn durch einen gezielten Tritt in die Kronjuwelen zu Boden geschickt hat, weil der Kerl seine Frau misshandelt hatte. „Und wenn du noch mal so frech werden solltest wie heute, knall ich dich sogar ab.“

Tom Selleck leiht Jesse Stone sein Gesicht

Diese Szene gefiel jenem Schauspieler außerordentlich, der 2005 Jesse Stone sein Gesicht geben sollte. Tom Selleck, in den 80er-Jahren als Detektiv Magnum berühmt geworden, spielte den Chief des Paradise Police Departments nicht nur in sieben Filmen, er war auch deren Co-Produzent und sogar Co-Autor einer Folge.

Robert B. Parker war über die Besetzung begeistert und fuhr 700 Meilen von seinem Wohnort Boston nach Kanada, wo die Filme gedreht wurden, um Tom Selleck für seine Darstellung Jesse Stones persönlich zu danken. „Tom nails the character“, war der typisch lakonische Kommentar Parkers, was man in einem überaus lesenswerten Nachwort Frank Göhres im Band „Das dunkle Paradies“ erfährt, der wie drei weitere Jesse-Stone-Bücher im Bielefelder Pendragon-Verlag erschienen ist. Der fünfte Band folgt im Herbst. Außerdem hat der Verlag bereits ein Dutzend der 39 Spenser-Krimis auf Deutsch herausgegeben, einige davon allerdings nur als E-Book. Parker-Fans dürfen sich also freuen.

Bisher sind aus der Jesse-Stone-Reihe von Robert B. Parker vier Bände in deutscher Erstausgabe erschienen, alle im Pendragon Verlag, Bielefeld:

„Das dunkle Paradies“. Deutsch von Robert Brack. 352 Seiten, 10,95 Euro. Auch als E-Book, 8,99 Euro.

„Terror auf Stiles Island“. Deutsch von Bernd Gockel. 312 Seiten, 10,95 Euro. Auch als E-Book, 8,99 Euro.

„Die Tote in Paradise“. Deutsch von Bernd Gockel. 312 Seiten, 10,99 Euro. Auch als E-Book, 8,99 Euro.

„Eiskalt“. Deutsch von Bernd Gockel. 352 Seiten, 10,99 Euro. Auch als E-Book, 8,99 Euro.