Robert Habeck und die Grünen Kein Katastrophenbewusstsein

Von Sibylle Krause-Burger 

Robert Habeck und seine Grünen, die so unbeschwert von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilen, wähnen sich im Schlaraffenland. Das, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger, liegt auch an deren Generation. Einer ohne Katastrophenerfahrung und folglich auch ohne Katastrophenbewusstsein.

Der Parteivorsitzende der Grünen: Robert Habeck Foto: AFP
Der Parteivorsitzende der Grünen: Robert Habeck Foto: AFP

Stuttgart - Nehmen wir mal an, ein politischer Heiligenschein wäre jetzt zur beginnenden Weihnachtszeit zu vergeben. Abgesandt von ganz oben würde er suchend durch die voradventliche Nacht segeln, mal bei Angela Merkel vorbeischauen, weil die sonst so Kühle im Bundestag ausnahmsweise mit Leidenschaft gesprochen hat. Ebenso könnte unsere Himmelserscheinung Friedrich Merz, den Wiederkömmling, streifen, nachdem er sich unglaublich mutig und bescheiden zur oberen Mittelschicht zählt. Auch Annegret Kramp-Karrenbauer käme als zu Segnende infrage, ob ihres taktischen Geschicks zwischen den erregten Gockeln im Kampf um den Vorsitz der Union. Aber Sieger muss doch ein anderer sein: Robert Habeck, der Schöne aus dem Norden, Parteivorsitzender der Grünen. Um sein Haupt könnte der Strahlenkranz sich winden. So einen Guten hatten wir schon lange nicht mehr.

Andere, wie Andrea Nahles, müssen sich mit dem Hin und Her beim Entschlacken der angeblich so ungerechten und demütigenden Hartz-IV-Regeln plagen. Dabei verliert die SPD eine Wahl nach der anderen und landet im ak­tuellen ARD-Deutschlandtrend bei schäbigen 14 Prozent. Habeck aber mitsamt seinen Grünen, dessen Partei ­Schröders befreiende Reform mitgetragen hat, sammelt die Stimmen von links und von rechts und kommt in dieser Momentaufnahme auf hehre 23 Zähler. Das ist echt ­gemein.

Habeck und Baerbock sind das Vorzeigepaar des neuen Deutschland

Um das grüne Glück vollkommen zu machen, spielt der Parteichef nun auch noch den Nikolaus. Er zieht ein bedingungsloses Grundeinkommen aus seinem Geschenkesack für jede und jeden, sofern die das brauchen. 30 Milliarden soll es kosten, auf dass, wenn die Leute sich ihr Geld holen, niemand mehr von Sanktionen gequält werde – mal abgesehen von den anderen, die das mit den Steuern aus ihrer Hände Arbeit bezahlen müssten.

Sei’s drum. Deutschland ist reich. Das sagen die einen. Die anderen sind sicher: Es gibt zu viele, die zu wenig haben. Beides stimmt natürlich. Und mittendrin sitzt unser lieber, freundlicher Robert Habeck mit Annalena Baerbock an seiner Seite, einer unschlagbaren Schwertgosch. Sie sind das Vorzeigepaar für das neue, das zukünftige, das ökologischste, das menschenfreundlichste, das bunteste, das toleranteste Deutschland, das es je gab. Da soll man nicht begeistert sein? Und darin soll man sich nicht wiedererkennen? Die Sozialdemokraten sind halt von gestern, die Grünen stehen für das Heute. Also bitte! Willkommen grünes Schlaraffia, nimm uns in deine Arme. Wir sind dein.

Dabei ist das alles gar nicht so neu.

Schon Karl Marx träumte in seinen frühen Schriften davon, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, auch das Essen zu kritisieren, ohne je Jäger, Fischer oder Hirt oder Kritiker zu werden, wie ich gerade Lust habe“. Das liest sich so grün und lustig, als habe er geahnt, was in besseren Zeiten kommen kann, und es mit einem ironischen Schmunzeln zu Papier gebracht.

Unser Robert, der so unbeschwert von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilt, schmunzelt leider gar nicht. Ich fürchte, er meint das alles ziemlich ernst. Das darf man ihm aber nicht verübeln. Es liegt an der Generation, der er und die allermeisten seiner Wähler angehören, einer Generation ohne Katastrophenerfahrung und folglich auch ohne Katastrophenbewusstsein. Es liegt an der Zeit, an den siebzig Jahren, die sie schon dauert, einer friedlichen Zeit, einer Zeit des wachsenden Wohlstands, einer Zeit, in der Deutschland wieder respektabel und mächtig geworden ist und – abgesehen von der Flüchtlingsfrage – unter keinen Problemen leidet, die an Grundfesten rütteln.

Lediglich der Klimawandel sitzt den Habecks im Nacken

Wo immer man auch hinsieht: Unsere Sorgen möchte man gerne haben. Und ja, lieber Karl Marx, hier kann man doch tatsächlich am Essen herummeckern, hier ist genug Vorrat da, um sich auch noch auf die abseitigste Diät zu verlegen. Hier darf jedermann im Internet und außerhalb den Kritikaster spielen. Post oder Podcast. Vegan oder nur vegetarisch. Fleisch oder Pseudofleisch. Gluten oder Laktose. Körnchen oder Kügelchen. Alles ist möglich. Das sind die wahren Lebensfragen. Da können sich andere eine Scheibe abschneiden.

Immerhin, der Klimawandel sitzt den Habecks noch im Nacken. Um die Flüchtlinge kümmern sie sich eh mit Wonne – das gehört zu ihrer DNA –, blockieren im Bundesrat sogar das Votum des einzigen grünen Ministerpräsidenten, des wunderbar vernünftigen Winfried Kretschmann, der Tunesien, Algerien und Marokko als sichere Drittstaaten einstufen will. Und ist nicht bis jetzt immer alles gut gegangen? Wer spricht noch von der Finanzkrise? Wer von Griechenland? Die Polen und die Italiener lenken ein. Europa geht auch ohne die Briten nicht unter. Alles gut. Die Welt beneidet uns. Wir haben doch Robert.

Der ist von Beruf nicht nur Politiker, sondern auch Schriftsteller. Eins seiner Bücher trägt den Titel „Traumblind“. Nomen est omen? Möge der Heiligenschein, der nun sicher auf seinem Haupte gelandet ist, ihn ein bisschen erleuchten und sehend machen. Im nächsten Jahr kann alles schon ganz anders sein.




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