Robert Strozynski Immer auf der Jagd nach Promis

Von Mathias Becker 

Für John Travolta nach Basel, zu Elton John in den Privatjet - der Promi-Autogrammsammler Robert Strozynski aus Freiberg kriegt auch die Schwierigen.

Robert Strozynski hat sie alle: auch den australischen Schauspieler Hugh Jackman (links), den er im vergangenen Jahr am Stuttgarter Flughafen abpasste. Foto: privat
Robert Strozynski hat sie alle: auch den australischen Schauspieler Hugh Jackman (links), den er im vergangenen Jahr am Stuttgarter Flughafen abpasste. Foto: privat
Freiberg - Eine Dreiviertelstunde müssen sie an diesem Abend warten bis etwas passiert: Seit 22 Uhr stehen sie unter dem Vordach des Maritim-Hotels in Stuttgart. Fünf Autogrammsammler, die Hände in den Jackentaschen vergraben, feuchte Kälte steckt in den Schuhen. "Da hab' ich Schlimmeres erlebt", sagt Robert Strozynski. In seiner schweren Lederjacke, das graumelierte Haar gegelt und streng zurückgekämmt, würde er auf einem der Sessel in der warmen Lobby nicht auffallen. Strozynski bleibt draußen, auf seinem Posten.

Dann geht alles ganz schnell. Eine schwarze Limousine hält, ein grimmiger Glatzkopf mit Stöpsel im Ohr dreht sich aus der Fahrertür, geht um den Wagen und öffnet hinten rechts. Ein dünnes Bein in engen Jeans sticht aus dem Fond. Ein schmaler Körper hechtet Richtung Eingang und wird von Strozynski und seinen Kollegen mit den Fotomappen in den Händen gebremst. Der Hagere schlängelt sich vorbei, kritzelt auf eines der Bilder. Dann saugt ihn die Drehtür ins Maritim.

Der Hagere ist Per Gessle. Der auf den Postern der Popgruppe Roxette immer so nett aussieht unter seiner Fönfrisur. "Mann, war der mies drauf", sagt einer aus dem Fünfertrupp und steckt das Foto ein. "Glückwunsch, Robert", sagt ein anderer. Eine Filzstiftspur windet sich über das Bild in Strozynskis Hand. Einen Namen kann man aber nicht entziffern. Egal. "Den hab' ich eh schon", sagt Strozynski.

Seit 1973 auf der Jagd


Es gibt kaum einen Prominenten, den Robert Strozynski noch nicht hat. Seine Sammlung reicht buchstäblich von Abba bis Zappa. Mit 16 hatte er in der Zeitung gelesen, dass Peter Radenkovic, der legendäre Torwart von 1860 München, zu einer Autogrammstunde in ein Modehaus in Ludwigsburg kommen würde. Er ging hin, holte sich ein signiertes Foto und klebte es in ein geblümtes Poesiealbum. Sein erstes Autogramm. Zum Ende der Saison war das Büchlein voll mit Fußballern: Fotos, Zeitungsausschnitte, Unterschriften. Das war 1973.

36 Jahre später steht Robert Strozynski im Dachstuhl seines Hauses in Freiberg am Neckar und greift in die Ordnermeter. 60.000 Unterschriften lagern zwischen den schrägen Wänden. Im Schnitt drei Signaturen pro Star. Macht 20.000 Namen. Die Musiker sind in den roten Mappen, die Schauspieler in den schwarzen. In den blauen sind die Sportler, mit Ausnahme der Formel-Eins-Piloten, die sind in den weißen. Fotos schmücken die Unterschriften hinter Klarsichtfolie. In einem Aktenschrank stapeln sich die unbearbeiteten Fälle. Eine Dreiviertelliterflasche Uhu wartet auf ihren Einsatz. "Ich komme nicht nach mit der Ablage", sagt der Vater von drei Töchtern.

Strozynski, der tagsüber im Büro sitzt und die Italientouren für eine Spedition zusammenstellt, zählt sich nicht zu den Sammlern, die Autogramme nur per Post anfordern oder bei Händlern kaufen. Zu langweilig. Er geht raus und erbeutet Promi-Unterschriften eigenhändig. Er stellt sich vor Hotels, Konzerthallen, Theater und Studios. Spaziert im feinen Zwirn durch Tiefgaragen und Hintertüren, Katakomben und Küchen, Lobbys und Backstage-Bereiche. Dahin, wo die Stars sich tummeln. "Irgendwie findet man einen Weg", sagt Strozynski. Wo er hin muss, verraten ihm "Leute am Flughafen, bei den Fahrdiensten an den Rezeptionen." Zur Belohnung bekommen sie ab und zu ein Fläschchen Wein.

Bis ins Privatflugzeug verfolgt


Die meisten Fotos in seinen Ordnern hat er selbst geschossen. "Autogrammjäger" möchte er nicht genannt werden. "Sammler" ist ihm lieber. Aber wenn er zu erzählen beginnt, spürt man, wie viel Adrenalin in sein Archiv geflossen ist. Zu den meisten seiner Stücke kennt er eine Geschichte.

Wie die von John Travolta, Tim Allen und Ray Liotta. Strozynski und andere Sammler haben die US-Schauspieler vergangenes Jahr im Auto von den Wetten-Dass-Studios in Freiburg bis nach Basel verfolgt. 70 Kilometer. Die Stars versuchten sie abzuschütteln. Ohne Erfolg. Als Travolta, Allen und Liotta ihr Hotel in Basel betreten wollten, standen die Männer mit den Fotos und den Filzstiften schon vor dem Eingang. Wie beim Hase und dem Igel.

Oder die Geschichte von Elton John. Der britische Sänger ist bekannt dafür, von der Bühne direkt in seinen Privatjet zu steigen. Zugriff unmöglich. Also hat Strozynski sich 1987 nach einem Konzert in seinen Wagen geschwungen und an Elton Johns Mercedes-Kolonne geheftet. Am Flughafen öffneten sich die Schranken für die Limousinen, Strozynski grüßte den Wärter freundlich und fuhr einfach hinterher. Schließlich hielten die Wagen auf dem Rollfeld, und Elton John stieg in die Maschine. "Es gibt diese Momente", sagt Robert Strozynski, "da muss man es machen wie Gerd Müller: nicht nachdenken, einfach durchziehen." Strozynski zog es durch. Er marschierte schnurstracks durch den Menschenpulk und ging, ohne sich umzusehen, die Stufen hoch zur Flugzeugtür. Als sie ihn keine Minute später hinauswarfen, hielt er die begehrte Unterschrift in der Hand.

Cannes, London, Paris, Stuttgart


In Cannes stand er dreimal vor dem roten Teppich, als er mit seiner Frau in London und Paris war, tingelte er tagelang von Theater zu Theater. Als sie Urlaub in der Dominikanischen Republik machten, stand da plötzlich die "Traumschiff"-Crew vor ihnen. "Aber das war wirklich Zufall", sagt Strozynski. Zum Glück hat er immer Stift und Notizzettel dabei. Sogar Autogramme von van Gogh und Hitler finden sich in seiner Sammlung - allerdings aus der Feder des Meisterfälschers Konrad Kujau.

Mittlerweile sind Regenwolken über Stuttgart aufgezogen. Vor dem Maritim hält alle paar Minuten ein Taxi. Anzugmänner, Kostümfrauen, Flugkapitäne steigen ein und aus. Die Sammler würdigen sie keines Blickes. Ihre Kundschaft fährt Mietwagen mit getönten Scheiben. Schließlich steigt eine Dame mittleren Alters aus einem schwarzen Mercedes. "Das ist die Stolz", sagt einer. Die Männer schauen sich ratlos an. Soll man Monika Stolz, Sozialministerin von Baden-Württemberg, unterschreiben lassen? "Wenn die wenigstens Bundesministerin wäre", sagt einer. Aber da ist die Politikerin schon durch die Tür. Die Männer wärmen sich wieder an Sammleranekdoten.

Strozynski hat mit Genesis Frisbee gespielt und die Blues Brothers Band durch Stuttgart chauffiert. Liam Gallagher von Oasis hat ihn nach dem Weg zur nächsten Apotheke gefragt. Der Soulsänger Percy Sledge saß mit Schlafhaube auf einem Hotelbett, als er ihm einen Stapel Fotos signierte. Der spanische Schauspieler Fernando Rey bat ihn gar in seine Ferienwohnung, wo sie ein Stündchen über Filme plauderten.

Das Sammeln ist schwieriger geworden


Tommy Lee Jones war nicht ganz so nett. Ein Glas in der Hand und zwei Frauen im Arm, schleuderte der Schauspieler ihm ein derbes "Fuck you!" entgegen. Auch Bob Dylan, Paul Simon und die Eagles sind als notorisch ausfallend bekannt. Jeder habe mal einen schlechten Tag, sagt Strozynski. Doch wer von seiner Berühmtheit profitiere, sei der Öffentlichkeit auch etwas schuldig. So ganz ohne Kontakt zu den Menschen gehe es nicht, findet er.

Früher sei es leichter gewesen an die Stars heranzukommen, sind sich die Männer vor dem Maritim einig. Seit dem 11. September stehen sie immer häufiger vor Absperrbändern und verschlossenen Türen. Und seit es Menschen gibt, die Autogramme im Internet zu Geld machen, werden die Stars misstrauisch. Neulich hat Strozynski einen Korb von Pink bekommen. "Du willst das bei Ebay verkaufen", sagte die Sängerin und verweigerte. Egal. "Die hab' ich eh schon", sagt er.

Fragt man Strozynski, wen er noch nicht hat, muss er einen Moment überlegen - "Barack Obama." Dann fallen ihm noch ein paar Namen ein. Janis Joplin. Jim Morrison. Bei den ganz jungen Bands kennt er sich nicht so gut aus. Da fragt er seine Töchter, wer wichtig ist, wer nicht. 2002 in Stuttgart ging es gar nicht ohne seine Ältesteste. Robbie Williams wollte ihm keine Unterschrift geben. Als das Mädchen fragte, signierte der Sänger anstandslos. "Vielleicht", sagt Robert Strozynski, "sollte ich meine Geschichten langsam mal aufschreiben."




Unsere Empfehlung für Sie