Aus, Schluss, vorbei. Irgendwann in den Morgenstunden des 1. Januar 2020 drehte Chris Albrecht nach einer Silvesterparty zum letzten Mal den Schlüssel um. Die Rockfabrik in Ludwigsburg war damit Geschichte. „Für mich war es fürchterlich“, sagt Albrecht. Als Betriebsleiter war er so etwas wie das Gesicht der legendären Großraumdisco, kümmerte sich 33 Jahre lang jeden Abend darum, dass der Laden lief, womit aber auch die geballten Emotionen der wehmütigen Besucher in den Abschiedswochen bei ihm abgeladen wurden. Bis heute trauern viele Fans dem Club nach. Oder sie pflegen sein Erbe wie Alexander Deeg. Der 53-Jährige aus Affalterbach ist eine Art inoffizieller Archivar der Rofa und hütet einen ganz besonderen Schatz: fast sämtliche Ausgaben der Rockfabrik-Zeitschrift.
Auf Superstars stoßen und mit Freundinnen abhängen
Es gibt Musikfreunde, die würden für diese Sammlung wahrscheinlich ihr letztes Hemd geben. Denn wenn man die Magazine durchblättert, kann man gedanklich eine Zeitreise durch die Geschichte der Rofa unternehmen, zumindest von den Anfängen bis in die Mitte der 1990er-Jahre, als das Blatt eingestellt wurde. Und die Zeitschrift fängt auf wenigen Seiten das Lebensgefühl ein, wofür die Disco stand: Man konnte dort über Superstars wie Lemmy von Motörhead oder die Scorpions stolpern, bei Konzerten frische Bands entdecken oder einfach nur mit gleichgesinnten Kumpels oder Freundinnen abhängen, und ja: bisweilen auch einen draufmachen.
Ein fester und beliebter Bestandteil der Zeitung war die Rubrik „Mixed Pickles“. Hier konnten Annoncen jeglicher Couleur geschaltet werden. Der eine suchte ein gebrauchtes Schlagzeug, der andere schickte Liebesgrüße an die Freundin oder hoffte, über diesen Kanal jemandem näher zu kommen, den er heimlich anhimmelte. „Ich bin der Typ mit den langen, blonden Haaren und dem treuen Blick, der Dich Montag und Samstag immer aus der Pilsbar anschmachtet“, schreibt zum Beispiel Joe an eine Steffi aus Asperg.
Kein Platz für Extremisten
Neben beziehungstechnischen Dingen wurden in dem Blatt stellenweise auch politische Themen verhandelt. Geschäftsführer Johannes Rossbacher, den alle nur Otto nannten, griff im Dezember 1992 zum Beispiel selbst zur Feder. Nach „feigen Brandanschlägen“ auf Wohnhäuser und ein Konzert der Metallbands Deicide und Atrocity in Stockholm stellte er klar, dass sich die Rockfabrik „von all diesen hirnverbrannten und verantwortungslosen Extremisten aller Richtungen“ distanziere. „Die einzige Religion sollte die Erhaltung der Umwelt sein“, meinte Rossbacher. Dem Österreicher, ein früherer Lehrer, attestieren sein langjähriger Weggefährte Chris Albrecht und Alexander Deeg generell eine soziale Ader. „In der Rofa haben sich auch Leute aus sozialen Randgebieten getroffen. Vielen hat Rossbacher eine berufliche Perspektive geboten“, sagt Deeg. „Er konnte Menschen immer gut zusammenbringen. Dabei bekam man auch viel über das persönliche Umfeld mit. Und er hat ein Talent dafür gehabt, die Leute bei der Stange zu halten“, bestätigt der Tammer Chris Albrecht.
Gleichwohl nahmen bei der Zeitschrift naturgemäß musikalische Themen den meisten Raum ein. Die Autoren besprachen Konzerte und neue Platten, beschrieben feuchtfröhliche Trips zu einem Festival, garniert mit einschlägigem Bildmaterial. Die Redakteure nahmen dabei kein Blatt vor den Mund. „Alles in allem muss ich sagen, dass ich dieses Jahr noch keine überflüssigere Scheibe gehört habe“, kanzelte ein Schreiber 1992 ein Live-Album von AC/DC ab. Solche Bewertungen brachten der ehrenamtlich tätigen Redaktion mitunter böse Rückmeldungen der Leser ein.
Besonders heikel war das im Fall von Manowar, wie sich Alexander Deeg erinnert, der wie Albrecht zum Autorenteam gehörte, zudem Fotos schoss. Ein Kollege habe die US-Metallband in die Nähe von Posern gerückt. Ein schwerer Vorwurf in der Szene. Mitten in der Nacht habe das Telefon bei Rossbacher geklingelt, weil die Promoabteilung Wind von der Kritik bekommen hatte und ihrem Ärger habe Luft machen wollen, erzählt Deeg. Und das ausgerechnet kurz vor dem Auftritt der Band, den sich die Rofa zum zehnjährigen Bestehen gönnte. Schließlich sei es Backstage in Ludwigsburg zum Treffen zwischen Manowar-Bassist Joey DeMaio und dem verantwortlichen Rezensenten gekommen. „Wir dachten, DeMaio zerlegt ihn“, sagt Deeg. Zumal dem Bassisten ein ausgeprägtes Ego nachgesagt wird. Doch der verantwortliche Autor ging heil aus der Begegnung hervor, De Maio habe sogar eingeräumt, dass in der Behauptung ein Fünkchen Wahrheit stecke, erklärt Deeg schmunzelnd. Dafür hätten es Manowar seinerzeit im Schlosshotel Monrepos gehörig krachen lassen – und die Rofa-Führungsriege habe die Kosten schultern müssen, erzählt Chris Albrecht mit einem bitteren Lächeln.
Spaß in Los Angeles
Bis heute mythenumrankt sind zudem die Trips der Redaktion nach Los Angeles zum Foundations Forum, einer Heavy-Metal-Musikmesse mit Podiumsdiskussionen, Gigs und anderem mehr. Bedeutete für Deeg und Co.: drei Tage volles Programm im von der übrigen Außenwelt abgeschirmten Hilton Hotel. „Da liefen dir Leute wie Alice Cooper, Gene Simmons von Kiss oder Meat Loaf über den Weg“, erzählt Chris Albrecht. „Da hatten wir richtig Spaß in L. A.“, ergänzt Deeg augenzwinkernd. Wieder zurück, wurden die Eindrücke dann auch für die Rofa-Zeitung zu Papier gebracht.
Den Einfluss solcher Texte in der Branche darf man nicht unterschätzen. „Die Zeitung hatte einen Namen“, betont Deeg. Die Zeitschrift erschien in ihrer besten Phase mit einer Auflage von rund 40 000 Exemplaren. Ins Leben gerufen wurde das Magazin eher als Werbeorgan, um zum Beispiel auf die Veranstaltungen und Konzerte in der Disco hinweisen zu können. Zunächst erschien das Blatt unter dem Namen „Rocky“, später wurde „Rockfabrik live“ daraus. Der Textanteil stieg mit der Zeit, einzelne Spielarten der harten Rockmusik wurden in eigenen Rubriken behandelt, mehrseitige Porträts zum Standard. Das Gesicht der Redaktion veränderte sich stetig. Wer wollte, durfte etwas beitragen.
Lange Schlangen bei der Eröffnung
Kaum mit Geld aufzuwiegen ist die erste Ausgabe, die Ende 1984 gedruckt wurde. Das Rofa-Team blickt gleich auf der ersten Aufschlagseite auf die schwierigen Anfänge zurück, den Kampf mit der Bürokratie, den Unkenrufen vor der Einweihung der Disco – und erinnert sich dann an den Triumph bei der Eröffnung am 30. November 1983: „Draußen stehen dreireihige Schlangen bis zu 50 Metern Länge. Sie sind alle da: Die Erwartungsvollen und Neugierigen, die Disco-Fans, Teenies und Alte, Skeptiker, Konkurrenten.“
Schillernde Figuren und prägende Köpfe
Rockclub
Gegründet wurde die Rockfabrik in Ludwigsburg von Roland Bock. Der frühere Europameister im Ringen ist eine schillernde Figur, reüssierte in den 1970er-Jahren als Wrestler, wirkte aber auch in der berühmten Berliner Disco Sound. Sein Traum: Im Stuttgarter Raum, seiner alten Heimat, einen Rockclub aufmachen. Es wurde die Rofa, die 1983 in einer ehemaligen Kühlschrankfabrik in der Grönerstraße eröffnete. Ende 2019 schloss der Club, nachdem der Eigentümer die Räumlichkeiten anderweitig nutzen wollte.
Betrieb
Chris Albrecht ist gebürtiger Berliner, lernte Bock in der Bundeshauptstadt kennen, wurde Anfang der 1980er-Jahre für eine Landdisco in der Nähe von Ingolstadt engagiert, die Bock unter seinen Fittichen hatte, ehe die beiden nach Ludwigsburg weiterzogen. Bock stieg Anfang der 1990er-Jahre aus, Albrecht schmiss bis zuletzt den Abendbetrieb. Zur Führungsriege der Rofa gehörten zudem Johannes „Otto“ Rossbacher, der Gesamtkoordinator, Roland Bock junior, zuständig für kaufmännische, organisatorische und amtliche Aufgaben, sowie Wolfgang „Hasche“ Hagemann, der einen Teil der Werbung und das Live-Programm verantwortete.