Wer das Musical „Rocky Horror Show“ von 1973 oder die zwei Jahre später gedrehte Filmversion „Rocky Horror Picture Show“ von damals kennt, kann sich auf dem Weg in die Liederhalle durchaus fragen, wie zeitgemäß die Geschichte der sexuellen Befreiung des biederen Pärchens Brad und Janet durch den schrillen, transsexuellen Wissenschaftler Frank ’n’ Furter 2025 noch ist. Viele Jahre nach der Love Parade, in Zeiten, da es die Ehe für alle auch schon fast ein Jahrzehnt gibt. Da fällt einem ein, dass solche Rechte in manchen Ländern auch schon wieder eingeschränkt werden, und vollends zurück im Heute ist der geneigte Zuschauer bei der Premiere im ausverkauften Hegelsaal schon nach wenigen Minuten.
Die Inszenierung des Briten Sam Buntrock ist rundum gelungen und ganz in der Gegenwart verankert. Der Rahmen der Handlung als Film, der durch eine Ansagerin angekündigt und abgeschlossen wird, entspricht heutigen Sehgewohnheiten. Der etwas düstere Charakter des Originals ist von deutlich mehr Humor durchwirkt, was auch am Erzähler Sky Du Mont liegt, der deutlich mehr Auftritte als einst Charles Gray hat und in den häufigen Austausch mit dem Publikum geht. Als dieses nach seinem Geschmack nicht früh genug mit den schon traditionellen Unmutsbekundungen („Boring!“) gegen seine Person beginnt, sagt er etwa: „Scheiße. Teure Karte kaufen und dann einschlafen“.
Den Mammutanteil eines durchschlagenden Erfolgs beim jubelnden Publikum aber hat das singende Personal, allen voran Oliver Savile als Schlossherr Frank, der mit viel Sex-Appeal und Schalk im Nacken eine gewaltige Präsenz als „Sweet Transvestite“ ausstrahlt. Die Gesangseinlagen des stattlichen Mannsbilds mit dem gegenüber Tim Curry deutlich weiblicheren Touch bis zum dramatischen Abgang mit „I’m going home“ sind die absoluten Höhepunkte der Vorstellung.
Das Ensemble überzeugt mit starken Stimmen
Doch auch Christian Lunn als Riff Raff beim legendären „Time Warp“, Melissa Nettleford als Magenta, Nadia Harper als schrille Columbia, Alexanda O’Reilly als Rocky und Rob Falconer als Dr. Scott profilieren ihre Figuren mit starken Stimmen und schaffen es auch schauspielerisch, ihnen einiges an Tiefe zu geben. Einzig Falconers Doppelrolle als Eddie fällt etwas ab, da er die hohe Lage bei „Hot Patootie“ arg rau interpretiert.
Im Gegensatz dazu stehen Sydnie Hocknell als Janet und Jacob Atkins als Brad, der auch als Zweitbesetzung eine erstaunliche Wandlung vom braven Musterschwiegersohn zum Strapse tragenden Solisten in „Super Heroes“ darbietet. Einen großen Anteil an den überzeugenden Darbietungen hat immer auch die fünfköpfige Band, die von drei Podesten des einfallsreichen und farbenprächtigen Bühnenbildes von David Farley aus stets musikalisch überzeugt. Und immer gibt es viel zu lachen: Zum Beispiel bei den Sexszenen hinter transparenter Leinwand oder auf dem Bildschirm, bei deren Positionen man sich gar nicht vorstellen mag, wie das funktionieren soll.
Eine große Rolle spielt das Publikum
Eine starke Rolle spielt wie so oft bei Richard O’Briens „Rocky Horror Show“ das Publikum, das in Stuttgart vielleicht nicht so verkleidungsfreudig wie andernorts ist, aber ebenso textsicher einspringen kann, wenn der Sänger oder die Sängerin ihm Raum gibt. Bei „Over at the Frankenstein Place“ regnet es erst aus Dutzenden von Wasserpistolen und leuchtet dann aus vielen Handys heller als die Scheinwerfer, bei Rockys Geburt regnet es Klopapier, bei „I’m going home“ wie üblich Spielkarten.
Die Stimmung im Saal ist nach der Stuttgart-Premiere am Mittwochabend spitze, das Ensemble freut sich bei den Zugaben sichtlich. Die „Rocky Horror Show“ ist ein Knaller und ein Statement für Diversität in konservativen Zeiten außerdem. Wie singt Frank ’n’ Furter im Schlussakt so ergreifend: „Don’t dream it, be it!“
Weitere Termine in Stuttgart
Musical
Richard O’Brians Rock’n’Roll-Musical „The Rocky Horror Show“ wird am 16. Juni 1973 auf der Studiobühne des Royal Court Theatre in London uraufgeführt. Es ist eine parodistische Hommage an Sci-Fi- und Horror-B-Movies. Das Stück wird ein großer Hit am West End und zieht bald in größere Säle um.
Film
Als „The Rocky Horror Picture Show“ kommt das Musical im August 1975 in die Kinos. Wie schon bei der Uraufführung sind Tim Curry als Frank N. Furter, Richard O’Brien als Riff Raff und Patricia Quinn als Magenta zu sehen. Zunächst droht die Kinoversion zwar ein Flop zu werden, inzwischen hat sie aber Kultstatus. Weitere Aufführungen
Noch bis zum 27. April ist die aktuelle „Rocky Horror Show“-Inszenierung auf ihrer Schlussetappe der aktuellen Deutschland-Tournee im Hegelsaal der Liederhalle zu sehen: Donnerstag bis Samstag jeweils um 19.30 Uhr, Sonntag um 14 und 18 Uhr.