Rodung in Oberaichen Die Sägen haben ganze Arbeit geleistet

Im Juni wurden die Bäume am Hang komplett umgesägt. Foto: Norbert J. Leven
Im Juni wurden die Bäume am Hang komplett umgesägt. Foto: Norbert J. Leven

Die Rodung Hunderter Bäume auf einem privaten Grundstück sorgt für Wirbel in Oberaichen, dem kleinsten Teilort von Leinfelden-Echterdingen.

Oberaichen - Die Aufregung hat sich im ansonsten beschaulichen Oberaichen auch zwei Monate nach dem eigentlichen Ereignis noch nicht vollständig gelegt. Sägen haben entlang dem Dürrlewangweg und der Straße Im Wäldle Mitte Juni ganze Arbeit geleistet. Dort, wo jahrzehntelang auf einem rund anderthalb Hektar großen Grundstück ein Hunderte Bäume zählender Privatwald stand, ragen nur noch einzelne Stümpfe aus dem sanft zur S-Bahn-Strecke hin abfallenden Hang. Ein paar Farne haben sich aus dem Boden erhoben, vereinzelt grünen Sträucher aus der trostlosen Wunde in der Landschaft am Rande des Leinfelden-Echterdinger Teilorts.

Vor allem zwei Fragen beschäftigen die Nachbarn des Grundstücks, das im Eigentum von Nachkommen des in Leinfelden-Echterdingen hoch angesehenen, vor mehr als zwei Jahrzehnten verstorbenen Unternehmers Wilhelm Frank steht: War diese Rodung mitten in der Vegetationsperiode überhaupt zulässig? Und: Was passiert nun mit der Freifläche?

Wohnhaus knapp verfehlt

Doch der Reihe nach: Begonnen hat die Geschichte nicht erst im Juni, sondern an einem Tag kurz nach Ostern. Damals war wieder einmal ein Baum umgekippt, diesmal quer über den öffentlichen Weg, der vom Kesslerweg teilweise über Stäffele hinunter zur Straße Im Wäldle führt. Er hatte im Fallen nur knapp ein Wohnhaus verfehlt. Menschen waren dabei nicht zu Schaden gekommen.

Dieses Vorkommnis rief allerdings die Polizei und das Ordnungsamt der Stadt L.-E. auf den Plan. Man habe damals die Eigentümer eindringlich an ihre Verkehrssicherungspflicht erinnert, sagt der Erste Bürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, Frank Otte. Fachlichen Rat holten sich die Ermahnten beim Revierförster Dieter Lang, der die im Schnitt 20 bis 25 Meter hohen Bäume, darunter viele Fichten und Douglasien, in Augenschein nahm. Er attestierte einen Zustand, wie er nach Jahren unterbliebener Pflege üblicherweise eintrete. Er sei bei der Begehung auf „zahlreiche dürre und kaputte Bäume“ gestoßen, sagt Lang auf Nachfrage und betont die daraus resultierende gefährliche Situation für einen etwa 25 Meter breiten Streifen entlang der öffentlichen Wege.

„Wie auf einem Schlachtfeld“

Im Juni wurden dann plötzlich Fakten geschaffen, die selbst in der Verwandtschaft der Eigentümer für Erstaunen sorgte. Nach der Rückkehr aus ihrem Urlaub, sagt Erika Dittmann-Frank, „habe ich beim Anblick der plötzlich baumlosen Fläche meinen Augen nicht mehr trauen wollen“. Weitere Anwohner, die aus Angst vor Repressalien nicht namentlich in der Zeitung genannt werden wollen, schildern es so: „Da hat es ausgesehen wie auf einem Schlachtfeld.“

Ulla Coulin-Riegger, Miteigentümerin des Grundstücks, versteht die in Oberaichen anhaltende Aufregung über die Abholzung nicht. An sie sei noch keine Kritik herangetragen worden, sagt sie auf Anfrage. Sie verweist auf die „Notwendigkeit“ der durchgeführten Maßnahme. Der Wald auf dem Grundstück „hat nur schön ausgesehen“. Das Fällen sei aufgrund des Alters der Bäume notwendig gewesen. Auf dem Grundstück sei „nichts Regelwidriges passiert“, es handle sich um eine „private Maßnahme“, die die Öffentlichkeit eigentlich gar nichts angehe. „So was dürfen Sie immer machen“, betont Coulin-Riegger ihre Position als Eigentümerin. Den aktuellen Zustand des Geländes wolle sie unverändert belassen: „Der Wald wächst wieder. Von ganz allein.“

„Über das Ziel hinausgegangen“

Der Kahlschlag stößt allerdings nicht nur bei Nachbarn, sondern auch bei dem für das Technische Referat zuständigen Bürgermeister sowie bei Naturschützern auf Kritik. Frank Otte sagt, die Eigentümer seien „mit der durchgeführten Maßnahme deutlich über unser beabsichtigtes Ziel hinaus gegangen“. Rolf Gastel vom Naturschutzbund Deutschland in Leinfelden-Echterdingen ist fest davon überzeugt, dass die Rodung zulasten „einiger brütender Vogelpaare“ gegangen sei. Gleichwohl enthält sich der Ortsvorsitzende der Organisation auf Nachfrage ausdrücklich einer rechtlichen Bewertung des Vorgangs. Dafür sei die Naturschutzbehörde beim Landratsamt zuständig.

Die in Esslingen ansässige Behörde will sich unserer Zeitung gegenüber jedoch zu einem „laufenden naturschutzrechtlichen Verfahren“ nicht äußern. Ein Sprecher räumt auf Nachfrage immerhin ein, dass es vor der Baumfällaktion eine Anfrage der Eigentümer gegeben habe. Wie diese beschieden worden sei, will das Landratsamt ebenso wenig preisgeben wie Inhalte des Schriftverkehrs oder einen Zeitpunkt, wann das eingeleitete Verfahren voraussichtlich zu einem Abschluss kommt.

Von Verfahren nichts gehört

Zu Fragen rund um die Genehmigung der großflächigen Baumfällaktion äußert sich Ulla Coulin-Riegger gegenüber unserer Zeitung nicht. Nur soviel: vom Landratsamt Esslingen habe sie nichts gehört. „Dass dort ein naturschutzrechtliches Verfahren läuft, ist mir neu“, sagt sie.

Planungsrechtlich betrachtet befindet sich die gerodete Fläche zum überwiegenden Teil außerhalb der bebaubaren Ortsgrenzen. Das Areal ist in der Karte der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg nicht als einem Landschaftsschutzgebiet zugehörig gekennzeichnet. In der amtlichen Karte wird es jedoch als Waldfläche dargestellt.

Keine Bauabsichten bekannt

Nur für den oben am Hang gelegenen Grundstücksteil gilt der Bebauungsplan „Im Wäldle“ aus dem Jahr 1968. Seine Grenze verläuft entlang einer in östlicher Richtung gedachten Linie in Verlängerung des Keßlerwegs.

Aktuell seien der Stadt „keine Planungen oder Bauabsichten“ in diesem Bereich bekannt, sagt der Baubürgermeister Frank Otte. Die hegt Ulla Coulin-Riegger für die neue Freifläche nicht. Sie sagt aber: „Fragen Sie doch mal den Gemeinderat, ob er darauf bauen will.“




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