Roehler-Film auf der Berlinale "Ich will Kunst, keine Propaganda!"

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"Jud Süß – Film ohne Gewissen", die Geschichte eines Propagandafilms von Oskar Roehler, beschert dem Filmfest viel Aufregung.

Berlin - Dieser Film wird polarisieren. Dieser Film hat schon polarisiert. Normalerweise ist am Ende einer Berlinale-Pressevorführung das schweigende Gehen der Journalisten die Höchststrafe für einen aus ihrer Sicht misslungenen Film. Oskar Roehlers jüngstes Werk "Jud Süß - Film ohne Gewissen" erntete gestern Mittag allerdings von Teilen der Berichterstatter ein veritables Buhkonzert. Die auf historischen Tatsachen beruhende Geschichte des Ferdinand Marian, 1940 der Hauptdarsteller in dem antisemitischen Nazipropagandafilm, scheint in der Interpretation Roehlers einen Nerv zu treffen.

Schmerz oder Lust? Das liegt auch im Kino oft eng nebeneinander. Ja, anders als bei "Agnes und seine Brüder" (2003) oder bei "Elementarteilchen" (2006) befasst sich Oskar Roehler hier mit einer wahren Geschichte: Der österreichische Theaterschauspieler Ferdinand Marian wurde 1940 vom Propagandaminister Joseph Goebbels mehr oder weniger gedrängt, die Rolle des Joseph Süß Oppenheimer in Veit Harlans Machwerk zu übernehmen. 1946 ist Marian bei einem Autounfall ums Leben gekommen; ob es ein Selbstmord war und wenn ja, ob dieser aus Verzweiflung über seine Funktion in der europaweiten NS-Judenhetze geschah, ist umstritten, aber durchaus möglich.

Kein Zweifel, das ist eine interessante Geschichte. Man könnte sie dokumentarisch erzählen. Man könnte sie im Stil des Realismus erzählen. Man könnte aus ihr auch einen Thriller à la Tarantino machen. Oskar Roehler aber erzählt sie uns im Stil des Melodrams. In den gedeckten Tönen eines sehr alten Farbfilms. Mit Menschen, die schwere Mäntel, elegante Kleider und große Hüte tragen, die in ihrer Mimik und Gestik mal verhalten und dann wieder überdeutlich sind. Im Grunde hat Roehler einen alten Ufa-Film gedreht. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" ist wie ein Ufa-Film über den schlimmsten Ufa-Film aller Zeiten. Das kam für manche offenbar unerwartet.

Kunst in Zeiten des Massenmordes


Roehlers Thema ist die Auslieferung, oder um es deutlicher zu sagen: die Vernuttung des Künstlers und der Kunst in Zeiten des Massenmords. Sein Ferdinand Marian will ja eigentlich auf gar keinen Fall eine Rolle in einem Propagandafilm namens "Jud Süß" spielen. Deswegen versucht er zunächst, Strategie Nummer eins, bei den Probeaufnahmen so schlecht zu spielen, dass er nicht genommen wird. Und als er doch genommen wird, versucht er, Strategie Nummer zwei, den Juden im doppelten Sinn so gut zu spielen, dass es keine Propaganda mehr sein kann.

Doch bei solchen scheinbar klugen Rechnungen macht Marian einen furchtbaren Fehler: Sein Gegenspieler Goebbels will just dasselbe wie er. "Ich will keine billige Propaganda, sondern Kunst", gibt er Marian und dem Regisseur Veit Harlan mit auf den Weg zum Dreh. Mehr noch: Goebbels will sogar "große Kunst". Er will damit auf die Filmfestspiele von Venedig. Er will in "Jud Süß" die Darstellung eines Juden, der beim Zuschauer zunächst so viel Sympathie gewinnt, dass seine nachfolgenden Verbrechen umso größere Abscheu, seine abschließende Exekution unumschränkten Beifall findet.

Indem sich Marian der Indienstnahme durch den Terror also mit den Mitteln der Kunst zu widersetzen versucht, landet er tatsächlich einen Volltreffer. Und die Bilder, die Roehler dazu findet, mögen zunächst süß und manchmal überdreht wirken. Sie schneiden aber bei diesem Thema schärfer als jede realistische Rasierklinge in den Sinn.

Was wir hier zu sehen kriegen, das ist die gute, distinguierte Künstler-Gesellschaft in der PR-Abteilung des Schlachthauses. Wir sehen Gestalten, die alle beim großen Fest dabei sein wollen, die um eine Rolle wetteifern, um die Gunst, um ein Lächeln des hochverehrten Herrn Goebbels. Und Roehler sagt: Sie machen sich schuldig, der Rühmann, der Harlan, der George, der Krauss, alle. Es gibt keine Ausreden. Sie sind im besten Fall tragische, doch in jedem Fall jämmerliche Gestalten. Zweimal stolpert der alte Hans Moser durchs Bild und Goebbels vor die Füße, bittet um Gnade für seine jüdische Ehefrau. Der Nazi aber mahnt ihn, lieber nicht zu sehr darauf zu setzen, dass er noch immer der "Lieblingskomiker des Führers" sei. Großes Feixen der Umstehenden. Moser tritt ab.

Kein Starkult, sondern punktgenau besetzt


Tobias Moretti in der Rolle des Ferdinand Marian ist sensationell. Wir wissen nicht, wie stark die Polarisierung über diesen Film in der "Berlinale"-Jury ausfallen wird, aber eigentlich ist hier ein würdiger Anwärter auf den Schauspielerpreis am Samstag zu sehen. Auch sonst ist die Besetzung superb: Martina Gedeck, Justus von Dohnányi, Armin Rohde, Ralf Bauer und und und. Kein Starkult, kein Namedropping, sondern allesamt stimmig und punktgenau von Roehler geführt.

Klar, an Moritz Bleibtreu werden sich die Geister scheiden. Ob seine breit ausladende Darstellung des Joseph Goebbels wirklich das "Clowneske der Figur" herausarbeitet, wie Bleibtreu in Berlin vor der Presse seinen Ansatz beschrieb, oder ob man es ähnlich wie einst bei Bruno Ganz im Falle Hitlers als zu dick aufgetragende Pseudoauthentizität wahrnimmt, das wird man erst beim zweiten Hinsehen so recht entscheiden können.

Doch dieses genaue Hinsehen ist Roehlers Film wert. Im Herbst kommt er in die Kinos. Vor dreißig Jahren hat Rainer Werner Fassbinder seine Melodramen zur bitteren deutschen Geschichte gedreht. Oskar Roehler ist ein würdiger Nachfolger.