Römer in Nürtingen Wo einst die Römer recht luxuriös lebten

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Die Villa Rustica in Nürtingen zählt zu den größten römischen Gutshöfen im Land. Bei einem Rundgang haben sich 15 Mädchen und Jungen auf Spurensuche begeben und bekamen so eine Vorstellung vom Leben vor knapp 2000 Jahren.

Die Mädchen und Jungen lauschen im ehemaligen Keller der Villa den Ausführungen der Stadtführerin Kathrin Uebele. Foto: Horst Rudel
Die Mädchen und Jungen lauschen im ehemaligen Keller der Villa den Ausführungen der Stadtführerin Kathrin Uebele. Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Damit die Kinderführung Römer am Dienstag auf dem ehemaligen Gutshof Villa Rustica in Nürtingen-Oberensingen möglichst authentisch wird, gibt die Stadtführerin Kathrin Uebele den 15 Mädchen und Jungen römische Namen. Laetitia, Antonius, Cicero, Valeria, Augusta und Hadrian steht da auf den Namensschildern der Teilnehmer. Kathrin Uebele selbst streift sich eine Tunika über – schön verziert versteht sich, denn die Menschen, die hier vor rund 1900 Jahren gelebt haben, gehörten wahrlich keiner unteren sozialen Schicht an.

Die Familie gehört der römischen Oberschicht an

Die Bewohner des Gutshofs waren wohlhabende Leute. Das ist eine der Lektionen, die die Kinder an diesem Vormittag lernen. Wie die Forschungen ergaben, gehörten der Kernfamilie fünf bis zehn Personen an. Die Eltern, Kinder und vielleicht noch nahe Verwandte des Gutsbesitzers. Insgesamt dürften zwischen circa 100 und 250 nach Christus – in dieser Zeit wurde der Hof bewirtschaftet – rund 30 Menschen das Anwesen bevölkert haben. Zu der Kernfamilie gesellten sich Sklaven. Denn, so erklärt die Stadtführerin eine für die Römer allgemein gültige Formel: „Nur weil sie Sklaven hatten, konnten sie dieses Reich mit diesem Wohlstand aufbauen.“

Der einstige Wohlstand in Oberensingen lässt sich am Grundriss der Anlage ablesen. Da sind zum einen die Reste einer Privattherme, die der damaligen Badekultur entsprechend sowohl über einen Kaltbaderaum zur Reinigung als auch über einen Warmbaderaum verfügte. Mit Wasser versorgt wurde der Gutshof von einer Quelle direkt oberhalb des Anwesens. Der nahe Wald bot reichlich Feuerholz. „Sie hatten eigentlich alles was sie brauchten“, lautet die Schlussfolgerung von Kathrin Uebele.

Zahlreiche Artefakte werden zutage gefördert

Was sonst noch für ein nach römischen Maßstäben standesgemäßes Leben fehlte, wurde aus dem Süden importiert – etwa Wein oder kostbare Öle. Solche Produkte wurden in Amphoren transportiert und dann in einem Keller der Villa gelagert, der daher auch von zentraler Bedeutung für das tägliche Leben war. Erhalten sind noch Aussparungen in der Kellerwand. In der mittleren von drei, so nimmt man aufgrund anderer Beispiele von römischen Villen an, stand einmal die Skulptur einer römischen Gottheit, erklärt die Führerin.

Abbilder von Göttern hat man hier zwar nicht gefunden, dafür förderten Archäologen und zahlreiche Helfer bei den Ausgrabungen Ende der 1980er-Jahre andere Artefakte zutage. Kathrin Uebele hat einige Exemplare zur Ansicht und auch zum Anfassen mitgebracht: eine Haarnadel, einen Ring und auch die Scherbe eines Gefäßes mit einer Jagdszene aus römischer Zeit. Fundstücke wie diese Scherbe sind es, die bei Kathrin Uebele aufgrund des Alters und der Schönheit ein „Gefühl von Ehrfurcht“ hervorrufen – ein Gefühl, das die Stadtführerin bei diesem Rundgang den Kindern vermittelt.

Bei Erschließungsarbeiten wird die Villa Rustica entdeckt

Wie wurde die Villa Rustica in Nürtingen entdeckt? Das ist eine der Fragen, für die sich Laetitia, Antonius, Cicero, Valeria, Augusta, Hadrian und Co interessieren. Ein Arbeiter stieß buchstäblich mit der Baggerschaufel im Frühjahr 1988 bei Erschließungsarbeiten im Baugebiet „In den Seelen“ in Oberensingen auf Mauerzüge, die sich als Teile eines Gutshofs herausstellten. Zunächst grub das Landesdenkmalamt, Ehrenamtliche des Schwäbischen Heimatbunds setzten die Arbeiten fort. Die Mauerreste wurden restauriert, und gefundene Gegenstände werden im Stadtmuseum Nürtingen aufbewahrt. Die Villa liegt entlang der Römerstraße Neckar-Alb-Aare. Weitere Zeugnisse römischen Lebens gibt es etwa in Köngen. Die Forschung geht davon aus, dass der Gutshof in Oberensingen der Versorgung des römischen Militärlagers in Köngen diente.

Hundehaufen beim Gutshof sind ein Ärgernis

Kathrin Uebele hat auch zwei Bruchstücke von Bodenplatten mit den Pfotenabdrücken einer Katze und eines Hundes mitgebracht. Hunde gibt es hier immer noch. Der Heimatbund hat ein Informationsblatt befestigt: „In den letzten Wochen und Monaten kam es vermehrt vor, dass Hundehaufen um den römischen Gutshof einfach liegengelassen werden.“ Der Heimatbund appelliert an alle Hundehalter, „die Hinterlassenschaften ihrer Hunde ordnungsgemäß zu entsorgen“.