Römer und Reisen: eine Archäologin aus Remshalden erzählt Urlaub im Luxusbad und fehlende Nachttöpfe

Von Annette Clauß 

Auch die Römer reisten gerne in der Sommerzeit. Die Archäologin Claudia Greiner aus Remshalden erzählt, wie.

Claudia Greiner ist Archäologin und Limes-Cicerone. Foto: Gottfried Stoppel
Claudia Greiner ist Archäologin und Limes-Cicerone. Foto: Gottfried Stoppel

Remshalden - Sommerzeit ist Reisezeit – das war schon bei den alten Römern so. Wobei auf der gut ausgebauten Fernstraße Via Appia, die gewissermaßen die Autobahn der Antike war, selbst zur Ferienzeit selten Stau herrschte. „Das war ja eine überwiegend bäuerliche Gesellschaft, und da kann man nicht mal schnell drei Wochen Urlaub machen“, sagt Claudia Greiner. „Die wenigsten Leute sind damals zum Vergnügen gereist, solche Ausflüge waren der Oberschicht vorbehalten“, erklärt die Archäologin aus Remshalden, die alte Geschichte mit Schwerpunkt Römer studiert hat und deshalb gut Bescheid darüber weiß, wie die Menschen in der Antike tickten.

Möglichst geradeaus bauten die Römer ihre Straßen. Eine davon verlief auch im Remstal – ziemlich deckungsgleich mit der alten Bundesstraße 29, weiß Greiner. ­Entlang dieser Strecke, beispielsweise in Waiblingen, Grunbach und Schorndorf, seien im Lauf der Jahrhunderte Steine gefunden worden, die Merkur, dem Gott der Reisenden, gewidmet waren – als Dank für seinen göttlichen Beistand auf einer Reise.

Zum Vergnügen reiste nur die Oberschicht

Normalbürger seien vorwiegend aus familiären Gründen wie etwa einer Hochzeit oder einem Begräbnis unterwegs gewesen, erklärt Claudia Greiner. Kaufleute mussten oft von Berufs wegen reisen, ebenso wie Beamte oder Soldaten. „Die meisten waren zu Fuß, mit Ochsenkarren oder Maultiergespannen unterwegs“, sagt Claudia Greiner, die vermutet, dass es ­damals zumindest auf stark frequentierten Routen die Möglichkeit gab, sich einen Sitzplatz in einem Wagen zu mieten: „Wir wissen zwar wenig darüber, aber die Römer waren praktische Leute.“

Vom gut ausgebauten Straßennetz profitierten alle Reisenden. Rund 200 000 Kilometer Straßen und Wege gab es im römischen Reich, davon waren 70 000 Kilometer Fernstraßen. „Das ist ein Niveau, das in vielen Ländern erst wieder im 20. Jahrhundert erreicht wurde“, sagt Claudia Greiner. Zur Orientierung standen den Römern auch Karten zur Verfügung, etwa ab dem Jahr 375 nach Christus unter anderem die Tabula Peutingeriana: ein Routenplaner in Form einer Schriftrolle, die das römische Reich von Spanien bis Indien erfasste. Ungefähr 500 Orte und rund 3500 geografische Objekte wie Berge, Leuchttürme, Flüsse und Seen waren eingezeichnet, zudem Straßen und Vermerke zur Reisezeit, die man für den Weg von A nach B veranschlagen musste.

Kuraufenthalt mit Traumdeutung und Tempelschlaf

Ein beliebtes Reiseziel der reichen Römer war Ägypten, das per Schiff angesteuert wurde. Andere reisten zu Bildungszwecken nach Griechenland, besichtigten Delphi und Olympia, ritzten ihre Namen in berühmte Sehenwürdigkeiten – „Lucius war da“ – und brachten den Daheimgebliebenen Souvenirs mit, beispielsweise Miniaturkopien berühmter Statuen. Gestresste Römer buchten auch gerne einen Kuraufenthalt, zum Beispiel auf der griechischen Insel Kos. Das Kurzentrum Asklepieion hatte neben medizinischen Bädern auch Therapieformen wie Tempelschlaf oder Traumdeutung im Angebot.

Wer nicht so weit reisen, aber dem heißen Sommer in Rom entfliehen wollte, flüchtete an den Golf von Neapel, zum Beispiel in den Luxus­badeort Baiae, wo sich die ­Reichen und Schönen trafen. Die Urlauber verbrachten ihre Zeit in den Thermalbädern, mit Bootsfahrten und Austernessen.

Apropos Essen: Ihren Proviant nahmen die Reisenden von zu Hause mit, denn es gab zwar Gasthäuser, „aber man wusste nie, was einen dort erwartet“, sagt Claudia Greiner. Wer konnte, versuchte, bei Bekannten entlang der Strecke unterzukommen. Wem das nicht gelang, der erlebte so einiges. Der Dichter Horaz, der von Rom nach Brindisi wanderte, musste sich ­nächtens mit Schnaken und quakenden Fröschen herumschlagen, obendrein ging eine seiner Herbergen beinahe in Flammen auf. Auch in puncto Hygiene gab es manches zu bemängeln, wie eine in Pompeji entdeckte Inschrift beweist: „Wir haben ins Bett gepinkelt – es war kein Nachttopf da.“