Stuttgart - Wolfgang Schmutz ist optimistisch geblieben. „Wir arbeiten, soweit möglich, von Deutschland aus weiter“, sagt der Manager. Eigentlich wollte seine Firma ACI Systems Alemania (Acisa) aus Zimmern ob Rottweil in Bolivien am Salzsee Salar de Uyuni gemeinsam mit einer Staatsfirma Lithium abbauen – es gibt dort eines der größten Vorkommen der Welt.
Das Metall wird künftig vor allem für Batterien von Elektroautos in großem Umfang benötigt. Ab 2022 wollte das Gemeinschaftsunternehmen jährlich bis zu 40 000 Tonnen Lithium fördern und 400 Millionen Euro investieren. Doch nun hängen Schmutz und Acisa schon seit Monaten in der Luft.
Überraschend beendet
Denn im November 2019 beendete der damalige bolivianische Präsident Evo Morales überraschend das Projekt. Zuvor hatte es in der Provinz Potosí, wo der Salzsee liegt, anhaltende Proteste gegen das Vorhaben gegeben. Die Bevölkerung fühlte sich benachteiligt. Wenig später floh Morales obendrein wegen Vorwürfen des Wahlbetrugs ins argentinische Exil.
Anschließend war Acisa-Chef Schmutz trotzdem guter Dinge, dass es bald weitergehen würde. Doch fast ein halbes Jahr später hat sich nichts bewegt. Im Gegenteil: Die Regierung, die übergangsweise bis zur Präsidentschaftswahl am 3. Mai im Amt ist, will das Projekt ebenfalls beenden; „freundschaftlich“ und „ohne Konfrontation“, wie der aktuelle Vizeenergieminister Humberto Leigue sagte. Die Einlagen sollen zurückbezahlt werden.
Der Vertrag zwischen Acisa und dem bolivianischen Staat war Ende 2018 in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin geschlossen worden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), Boliviens damaliger Außenminister Diego Pary sowie Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut zeigten sich stolz und zuversichtlich. Denn die Politik in Land und Bund hatte große Hoffnungen an das Projekt geknüpft; es sollte Deutschlands Industrie einen direkten Zugang zu dem wichtigen Rohstoff Lithium bringen.
Im Austausch mit der Botschaft
Was sagt die Politik dazu, dass dieser Plan nun scheitern könnte? Das Landeswirtschaftsministerium gibt die Zuständigkeit an den Bund weiter. „Lithium ist ein für unsere Wirtschaft äußerst wichtiger Rohstoff und spielt in Zukunft gerade für die Batterieproduktion eine entscheidende Rolle. Der Abbau von Lithium muss daher auch ein zentraler Baustein in der Rohstoffstrategie des Bundes sein“, sagte Hoffmeister-Kraut unserer Zeitung.
Man gehe davon aus, dass der Bund das Thema mit entsprechenden Maßnahmen begleitet, das Land stehe nicht in Kontakt mit dem Gemeinschaftsunternehmen, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Acisa habe auch nicht um Unterstützung gebeten. Man sei nur bei der Unterzeichnung dabei gewesen, um den Erfolg eines lokalen Unternehmens zu flankieren.
Das Ministerium von Peter Altmaier teilte mit, man sei im Austausch mit der deutschen Botschaft in La Paz und auch mit Acisa. Die Bundesregierung unterstütze die Bemühungen der Unternehmen zur Sicherung von Rohstoffen durch Partnerschaften. Auch in Australien, Kanada, Mexiko und Argentinien kommt Lithium vor, allerdings sind laut Bundeswirtschaftsministerium dort keine bestehenden Partnerschaften bekannt.
Im Mai wählt Bolivien
Der deutsche Botschafter in Bolivien bekräftigte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mehrfach, dass Deutschland das Projekt unbedingt weiterführen wolle. „Ich bin überzeugt davon, dass wir eine gemeinsame Lösung finden“, schrieb Stefan Duppel.
Wolfgang Schmutz jedenfalls gibt nicht auf: Acisa wolle „zeitnah nach der Wahl“ mit der neuen Regierung darüber verhandeln, ob das Lithium-Projekt weitergeführt wird. „Aus unserer Sicht fallen die von der Übergangsregierung getroffenen Entscheidungen nicht in deren Aufgabenbereich“, sagt Schmutz. Man wolle das Projekt „gemeinsam mit dem bolivianischen Staat zum Nutzen aller Beteiligten fortführen“ und sei laufend in Kontakt mit der deutschen Botschaft in Bolivien.
Letztlich hängt das Schicksal des Projekts am Ausgang der Präsidentschaftswahl im Mai. Morales’ sozialistische Partei Mas hat den früheren Wirtschaftsminister Luis Arce als Kandidaten aufgestellt, in aktuellen Umfragen landet er mit rund 33 Prozent deutlich auf dem ersten Platz. Das könnte Schmutz hoffen lassen, schließlich hatte Morales’ Regierung die Vereinbarung geschlossen.
Bedarf auf Weltmarkt decken
Allerdings kandidieren auch die konservative Übergangspräsidentin Jeanine Áñez, der bürgerliche Ex-Staatschef Carlos Mesa sowie Luis Fernando Camacho, ein Projektgegner aus Potosí, für das Amt. Alle drei würden vermutlich die Linie der Übergangsregierung fortsetzen.
Wenn das Projekt endgültig scheitert, „würden wir das mit großem Bedauern zur Kenntnis nehmen und müssten die Entscheidung der neuen bolivianischen Regierung akzeptieren“, sagt Schmutz. Man habe sich schon nach Alternativen umgesehen. Abgehakt hat Wolfgang Schmutz das Thema ohnehin noch lange nicht: „Selbstverständlich prüfen wir mit unseren Partnern in Deutschland und vor Ort in Bolivien rechtliche Schritte.“
Ein Problem wäre das Scheitern auch für Deutschlands Rohstoffstrategie. Zwar gibt es laut einem Sprecher des Umweltministeriums selbst im Südwesten Spuren von Lithium, die man bei Geothermiebohrungen in der Rheinebene gefunden habe, das sei aber viel zu wenig: „Wir müssen den Bedarf über den Weltmarkt decken.“